Millennials im La La Dilemma-Land

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2017

Das moderne Musical La La Land wurde allseits in den höchsten Tönen gelobt und hat neben 6 Oscars gestern (beinahe) den Oscar als bester Film gewonnen. Aber es gibt einen Graben zwischen denjenigen, die den Film vergöttern und denjenigen, denen die Botschaft für unsere Generation daneben scheint. [KOMMENTAR]

[Dieser Artikel enthält Spoiler für  La La Land.]

Junge trifft Mädchen, Mädchen trifft Junge. Sie treffen sich auf einer Gartenparty in Swimmingpool-Laune, gehen zu ein paar Dates, spazieren bis Sonnenuntergang durch die Stadt, lachen unter dem Sternenhimmel von L.A. und küssen sich zu einem Soundtrack, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Da sind außerdem schöne Kleidchen für die weibliche Hauptrolle Emma Stone und stylische Anzüge und Swing-Schuhe für den männlichen Counterpart Ryan Gosling. Willkommen in La La Land.

Die Musical-RomCom, die von klassischen Musikfilmen wie Singin' in the Rain oder Moulin Rouge! inspiriert wurde, schlägt einen tiefen Graben unter Fans. Die einen finden in dem Streifen einen perfekten Spiegel für unsere Generation, die anderen, zu denen auch ich gehöre, ein wunderbar produziertes Musical mit einem doch sehr gestrigen Plot.

Publikationen wie ViceVanity Fair und Vagabomb haben den unglaublichen Erfolg des Films gerühmt, der das größte Dilemma unserer Generation aufzeige: für unsere Träume zu kämpfen und dabei eine Balance mit unserem emotionalen und romantischen Leben beizubehalten. Bis dahin, einverstanden. Fernbeziehungen, Paare, die tausende Kilometer voneinander entfernt leben, werden immer häufiger. Millennials ziehen von Metropole zu Metropole, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den passenden Job zu ergattern. Unsere Hobbies und die Liebe leiden meistens darunter. La La Land illustriert diesen Lebensstil anhand von Mia (Emma Stone), einer unglücklichen, ehrgeizigen und irgendwie halbgaren Hauptfigur. Sie scheint vielen jungen Frauen nur allzu vertraut. Für uns reimt sich berufliche Verwirklichung ziemlich oft noch auf emotionales Zurückstecken, Gerade die Vereinbarkeit dieser beiden Elemente bleibt für junge Frauen oft noch eine Herausforderung.

Lasst die Show beginnen

Kritik zu üben fühlt sich in Bezug auf La La Land an, wie das Trampeln über Eierschalen. Denn eine konträre Meinung zum Generationenfilm von Damien Chazelle kann einem ziemlich viel Ärger einbringen. Fragt den normalerweise äußerst einflussreichen Schriftsteller Paulo Coelho, der einen Shitstorm auf Twitter provozierte, nachdem er sagte, er fände den Film langweilig. Der Autor löschte seinen Tweet daraufhin, aber der Schaden war bereits angerichtet. Andere Kritiker, wie der amerikanische Musiker Rostam Batmanglij, schrieben, der Film sei sehr weit entfernt von dem, was Los Angeles wirklich sei. Mit dem Hashtag #NotMyLosAngeles beschrieben viele Menschen ihr Unbehagen aufgrund fehlender sexueller Vielfalt und schwarzer Figuren im Film. Etwas Unverzeihliches in den Worten von Batmanglij, seien gerade sie es gewesen, die den Jazz erfunden haben.

Trotz der Kontroverse wurde der Musical-Film für zahlreiche internationale Filmfestivals, darunter die Grammys und Oscars, nominiert. Der Regisseur des Films, der kaum älter als 30 ist, macht seinem Ruf alle Ehre. Er hat bereits den Grand Jury Prize und den Publikumspreis beim Sundance Festival 2014 für Whiplash sowie fünf Oscar-Nominierungen 2015 für den gleichen Film abgestaubt. Nichts kann den Erfolgskurs trüben, den La La Land eingeschlagen hat - davon zeugen nicht nur die 14 Nominierungen für die Oscars, sondern auch der allgegenwärtige Schock des fälschlich verliehenen Oscars für den besten Film zu den diesjährigen Academy Awards. 

American Scream

Zurück zum Film, wo wir Mia und Sebastian mit einem Kuss zurückgelassen hatten. Soweit so gut. Aber genau zu diesem Moment sollten doch bei allen Millennials die Alarmglocken schrillen. Der amerikanische Traum, die ‚We can do it‘-Mentalität entbehrt hier ihrer kompletten Symbolik, doch nicht in gleicher Weise für die beiden Protagonisten. Auch wenn die beiden Liebhaber ihren Träumen folgen und das Dilemma zwischen Karriere und Beziehung lösen müssen, ist Mia diejenige, die ihren Traum für Sebastians Karriere sausen lässt.

Erst gen Ende finden wir Details zu Mias neuem Leben heraus. Sie hat eine Tochter und eine Nanny kümemrt sich um das Kind, sie ist erfolgreich, benimmt sich wie eine Diva und, noch viel wichtiger, hat ein neues Leben begonnen. Über Sebastians Werdegang wissen wir im Endeffekt ziemlich wenig. Nur, dass er es geschafft hat, seinen eigenen Jazz-Club zu eröffnen. Aber kein Zeichen für ein ausgeglichenes Privatleben. Nicht eins. Eine Abwesenheit und Leere, die auszusagen scheinen, dass er wartete, während, sie, die Ambitionierte, am Ende alles bekam; sie hat den Neuanfang gewagt, aber sie ist nicht glücklich. Ein zweiminütiger Shot, eine Art Introspektive in Mias Innenleben, gibt uns einen Eindruck darüber, was hätte passieren können, wenn das Paar einen anderen Weg beschritten hätte, wenn sie zusammen geblieben wären.

Was als Remake der Hollywood-Musicals der 1950er hätte gelten können, ist in Wahrheit nichts weiter als die Wiederholung der immer gleichen Endlosnachricht, die mehr Druck auf Frauen als auf Männer ausübt. Ist es ein Zufall, dass sie ihn verlässt? Ist es ein Zufall, dass der Erfolg einer Frau eng mit Verzicht und Seitensprung in Verbindung gebracht wird, zu emotionaler Unvollkommenheit?

Jeder hat wohl seine eigene Antwort auf dieses moderne Dilemma. Aber was mich betrifft, sollte unsere Generation - ob ihr sie nun Generation Y oder Millennials nennen wollt - diese Fragestellungen schon längst überkommen haben. Bevor wir La La Land einen Film unserer Generation nennen, sollten wir uns diese Frage zumindest gestellt haben.