Migranten in Calais: Wo zwickt der Ärmel?

Artikel veröffentlicht am 25. November 2014
Artikel veröffentlicht am 25. November 2014

Fast 2300 Migranten fristen ihr Dasein auf den Straßen von Calais, im Niemandsland der Industriegebiete oder in besetzten Häusern. Sie hoffen, bald den Ärmelkanal überqueren zu können. Die von der Situation überforderte Bürgermeisterin der französischen Stadt bittet das Vereinigte Königreich um Hilfe. Doch dort stellt man sich taub.

„Sollen sie doch rüber nach England!“, rufen die Einwohner von Calais aus, wenn die Rede auf die Tausenden von Migranten kommt, die durch ihre Stadt ziehen. Ob sie nun aus Eritrea, Äthiopien, dem Sudan oder Syrien kommen - eines haben die Männer und Frauen mit so unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam: die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf britischem Boden. David Lacour, Vorsitzender des Vereins Solid’r, der ein Auffanglager für 50 Migrantinnen und Kinder am Rand von Calais betreibt, bestätigt dies. „Sie wollen alle nach England. England ist für sie das Paradies.“

Eldorado oder nicht - alle möchten hin

„Sie haben dort Familie und Freunde“, erklärt Lacour. Zum vorhandenen Netzwerk kommen Sprachkenntnisse und Zukunftsperspektiven hinzu; beispielhaft ist der Fall eines jungen Syrers, der uns in gutem Englisch erzählt: „Mein Bruder hat es vor 13 Tagen auf die andere Seite geschafft. Wir haben telefoniert, er hat eine Unterkunft, es geht ihm gut. Ich werde nachkommen.“ Natacha Bouchart, Bürgermeisterin von Calais, bezichtigt ihrerseits die britische Politik, zu 'migrantenfreundlich' zu sein und verurteilt insbesondere die Praxis des Landes, Asylbewerbern pro Woche 36£ Unterstützung zukommen zu lassen. Das wirke ihrer Meinung nach wie ein „Magnet“.

Video vom Telegraph: Migranten versuchen in eine Fähre einzusteigen

Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass der Mythos vom britischen Eldorado, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, seit Jahren ungebrochen bleibt. „Man hat ihnen Träume verkauft“, fasst der Vorsitzende von Solid'r die Lage zusammen und sagt uns, für England würde zu viel Werbung gemacht, was einen Teil der dortigen Bevölkerung langsam ärgert. „Die Migranten glauben, es werde ihnen hier besser gehen, aber das stimmt nicht!“, erklärt eine Frau aus der Gegend von Dover, wo die Fähren aus Calais anlegen. „Es gibt hier keine Arbeit mehr, die jungen Leute müssen aus der Stadt weg, um welche zu finden“, fügt ihre Schwester hinzu.

Der Mythos hält sich jedoch hartnäckig und die Zahl der Migranten, die sich an den Toren von Calais drängen, steigt immer weiter. In gerade einmal drei Monaten sind laut dem Präfekten von Pas-de-Calais, Denis Robin, aus 1500 Menschen 2300 geworden. Da Großbritannien so attraktiv bleibt, hat Natacha Bouchart London zum Handeln aufgefordert. Am 28. Oktober hat sie vor den Abgeordneten von der anderen Seite des Ärmelkanals ohne Scheu verkündet: „Ich finde, dass sich die Grenze auf britischem Boden befinden sollte, weil es in Ihrer Verantwortung liegt, über die Anzahl der Migranten zu entscheiden, die Sie aufnehmen möchten.“

„Ganz klar Frankreichs Problem“

Die Briten teilen diese Sichtweise nicht; sie finden, dass sich Frankreich mit dem Problem befassen soll. Schuld daran ist für sie die mangelnde Kontrolle an europäischen Grenzen, die von dem im März 1995 in Kraft getretenen Schengener Abkommen symbolisiert wird. Dieses erlaubt es Menschen unabhängig von ihrer Nationalität, sich frei zu bewegen. Dieser Meinung sind die Engländer Gale und Eddy, die zu Besuch in Calais sind und nicht verstehen, warum die französischen Behörden keine Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustrom zu regeln: „Zu sagen, dass wir handeln müssen, ist nicht richtig. Man hätte sie schon bei ihrer Ankunft in Europa aufhalten müssen. Ihr habt das Abkommen unterzeichnet, ihr müsst euch mit ihnen befassen.“

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals spricht Charlie Elphicke, der konservative Abgeordnete der Region Dover, sehr deutliche Worte: „Frankreich kann nicht aus seinem Problem unseres machen. Das Land muss Schengen nochmals überdenken. Wir kontrollieren unsere Grenze und entscheiden darüber, wer unser Gebiet betritt oder verlässt.“ Die Regierung von Cameron wendet immer mehr Mittel auf, um die Grenzübergänge besser zu sichern. Sie brüstet sich damit, an der Grenze 400 zusätzliche Personen, gut ausgebildete Spürhunde, die in den Achsen der Lastwagen versteckte Personen entdecken können, sowie Kohlendioxid-Sensoren, die auf menschlichen Atem hinweisen, einzusetzen.

Für Charlie Elphicke sind die steigenden Migrantenzahlen in Calais der beste Beweis für die Effizienz seiner verstärkten Grenzkontrollen. Dass die meisten Migranten, die in Calais Station machen, ihr Leben nur mit dem Ziel riskiert haben, England zu erreichen, möchte er nicht hören. „Die Behauptungen der Bürgermeisterin von Calais haben keine Grundlage. Nicht alle Migranten wollen nach England. Wenn das so wäre - wie kommt es dann, dass im vergangenen Jahr nur 25 000 Menschen in Großbritannien, aber 65 000 in Frankreich Asyl beantragt haben?“

Er sei ein wenig frustriert, sagt er, weil er sich in dieser Hinsicht mit der sozialistischen Regierung besser verstehe als mit der Bürgermeisterin von Calais, die der konservativen UMP angehört. „Wir erzielen Einigungen, ohne sie zu fragen. Natacha Bouchart scheint sich eher um das Erstarken des Front National als um die Führung ihrer Stadt zu sorgen“, bemerkt er ironisch.

"Hier kann uns nur die UKIP helfen"

Aber wenn man den Abgeordneten von Dover so hört, schrecken auch die englischen Konservativen nicht davor zurück, die Wahlkampfthemen der rechtspopulistischen Partei UKIP aufzugreifen - als da wären: Einwanderung und Euroskepsis. Charlie Elphicke prangert zu große „soziale Veränderungen“ an, für die die vorherige Labour-Regierung verantwortlich sein soll, die „jeden hereinließ“ und „die Bevölkerung verändern“ wollte. „Die Bürger können kleine, langfristige Veränderungen akzeptieren, aber wenn sie diese Veränderungen infrage stellen, bezichtigt man sie des Rassismus“, fährt er fort. Die politische Einstellung dieses Konservativen, der seine Position zum Thema Einwanderung nicht ändert, entspricht den Erwartungen der Wähler: Umfragen zeigen, dass die Einwanderung in der Mitte des Jahres noch vor der Wirtschaft die Hauptsorge der Briten geworden ist.

In Dover scheinen einige wirklich Angst zu haben. „Die Geschichten von Überfällen in Calais sind nicht gerade beruhigend“, sagt eine Einwohnerin und fügt dann zögernd hinzu: „Die Stadt ist voller Migranten und es sind nicht die besten“. Laut Charlie Elphicke und der Daily Mail wird diese Angst auch vom Rathaus von Calais geschürt. „Der stellvertretende Bürgermeister von Calais hat gedroht, allen Migranten ein Ticket nach England zu bezahlen, was die Bevölkerung geärgert und beunruhigt hat“, klagt der Abgeordnete.

Dieser unversöhnliche und kritische Ton, der gegenüber Frankreich angeschlagen wird, soll beruhigend wirken. Aber wird er auf so viel Gehör stoßen wie die Worte des UKIP-Chefs? Einer Engländerin aus Dover zufolge, deren Mann in Calais arbeitet, „kann hier nur die UKIP helfen“. Wie 27,5% der britischen Wahlberechtigten gesteht auch sie: „Ich habe bei der Europawahl für sie gestimmt.“