Migranten: Die Unsichtbaren sichtbar machen

Artikel veröffentlicht am 31. August 2017
Artikel veröffentlicht am 31. August 2017

Die französsiche Fotografin Aglaé Bory gibt Migranten in ihrem Projekt 'Les Traversées' (Die Überfahrten) ihre Gesichter zurück. Vom Calais-Dschungel bis zu türkischen Küstenstreifen zeichnen ihre Aufnahmen eine komplexe Realität voller Menschlichkeit.

cafébabel: Warum wolltest Du Dich mit dem Thema Migranten beschäftigen?

Aglaé Bory: Seit einigen Jahren rüttelt mich dieses Thema auf – als Bürgerin. Ich bin Mitglied in einem Fotokollektiv, France Territoire Liquide. Wir wurden kontaktiert, um mit dem Verein Auberge des Migrants zu arbeiten, der im Dschungel von Calais aktiv war. Ich habe dann den Auftrag angenommen und die Serie 'Les Invisibles' (Die Unsichtbaren) produziert. Danach hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Es kam dann die Serie 'Les mers intérieures' hinzu. Darin ging es um das Thema Exil. Die Fotos sind in der Türkei entstanden und sind eine stumme Konversation zwischen diesen Menschen, die über das Meer mussten. Beide Serien zusammen waren in Arles unter dem Namen 'Les Traversées' zu sehen.

cafébabel: Was willst Du deutlich machen?

Aglaé Bory: In meiner Arbeit wollte ich den Menschen zurück in den Mittelpunkt des Migrationsthemas rücken. Wir neigen dazu, die Personen zu vergessen. Mein Wunsch war es, ihnen diese Sichtbarkeit wiederzugeben und auch ein bisschen Würde, die sie unterwegs oder dank unserer Willkommenskultur in Frankreich verloren haben. Die Flüchtlingsfrage ist nicht nur politisch, sondern menschlich.

cafébabel: Wie hast Du den Kontakt zu Migranten für Deine Fotos gesucht?

Aglaé Bory: Das Projekt in Calais fand zwischen Juni und Oktober 2016 statt. Mit von der Partie waren noch zwei weitere Fotografen, mit denen wir ca. zwei mal monatlich Sessions in Calais organisiert haben. Diese Treffen wurden von dem Verein École du Chemin des Dunes organisiert, der uns während unserer Aufenthalte auch beherbergt hat. Und weil ich Portrait-Fotografie mache, habe ich diejenigen Menschen fotografiert, die Lust hatten, sich porträtieren zu lassen.

cafébabel: Was war der bedeutendste Moment für Dich?

Aglaé Bory: Magdi. Ein 25-jähriger Sudanese, der zum Stamm der Masalits im Darfur gehörte. Er will ein Sprecher für sein Volk werden, das unter Verfolgung leidet. Er hat eine ganz besondere Aura und die Seele eines Anführers. Er will auch international für sein Volk eintreten. Sein Weg ist noch lang, aber ich werde ihm weiter folgen. Nach der Auflösung des Dschungels von Calais, wurde er in ein Empfangszentrum in Lançon gebracht, wo er sich um seine Asybewerber-Unterlagen kümmert. Seit der Dublin III-Regelung müssen Migranten Asyl im ersten europäischen Land beantragen, in dem sie angekommen sind. Wie für so viele war es auch bei Magdi Italien.

cafébabel: Wie hast Du den Austausch zwischen Migranten und Anwohnern in Calais empfunden?

Aglaé Bory: Die Zivilgesellschaft war wirklich beeindruckend. Sie hat dank der vielen Freiwilligen Lücken des Staates füllen können, ein Minimum an Würde ermöglicht (Essen, notwendige Informationen…). Auch die Flüchtlinge hatten ziemlich gute Einfälle. Es gibt immer viel Kreativität, wenn so viele Menschen zusammenkommen. Sie haben es geschafft, etwas zu schaffen, was einem Leben gleicht, Orte des Austauschs, wo gemeinsam gegessen wurde. Ich bin wirklich enttäuscht, dass die Bulldozer das alles zerstört haben. 

cafébabel: An welchen neuen Projekten arbeitest Du gerade?

Aglaé Bory: Die Flüchtlingsthematik wird mich weiterhin beschäftigen. Ich will ein Langzeitprojekt starten, das ca. Ein Jahr dauern wird, und das ich ‘farniente’ (Nichtstun) nennen will. Ich will darin zwei mediterrane Wirklichkeiten gegenüberstellen: den Tourismus und die Überfahrten. Es soll eine Gegenüberstellung dieser zwei Realitäten der Küstenregionen werden, die zur Bühne einer doppelten Realität geworden sind. Dafür werde ich nach Italien fahren, nach Sizilien, nach Südfrankreich und Griechenland. Das Projekt soll die Doppeldeutigkeit des süßen Nichtstuns zeigen, mit dem wir den Migranten hier oft begegnen.

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