Menschenhandel und Prostitution: Von Nigeria bis nach Palermo

Artikel veröffentlicht am 13. März 2016
Artikel veröffentlicht am 13. März 2016

In Palermo hat eine Gruppe von etwa zwanzig nigerianischen Frauen der Zwangsprostitution den Kampf angesagt. Nach Jahren der Gewalt haben sie aus ihrer Gruppe einen Verein gemacht: „Donne di Benin City“. Ihr Ziel ist es, die politischen Institutionen für das Problem zu sensibilisieren und die vielen Frauen zu befreien, die immer noch an die Straße gefesselt sind.

Geschlagen, erpresst, ermordet. Dies ist das Schicksal vieler nigerianischer Frauen, die Opfer barbarischer und grausamer Sklaverei wurden. Das Versprechen ist immer das gleiche: Arbeit in Europa. Die Reise der Hoffnung wird zum Drama.

Junge Frauen in knappen Klamotten werden von ihren Peinigern gezwungen, an Straßenecken zu stehen und die sexuellen Wünsche der „Klienten“ zu befriedigen. Wer rebelliert, stirbt oft. Hinter dem Frauenhandel steckt ein mafiöses Geschäft, das von dem Leben der jungen Frauen profitiert. Sich aus der Falle zu befreien, ist schwer und gefährlich.

Trotzdem hat eine Gruppe von 20 nigerianischen Frauen beschlossen, Schluss zu machen und ihr Leben zu ändern. Sie kommen aus Benin-Stadt, der Hauptstadt des Bundesstaates Edo in Nigeria, und sind durch den Zwang des Menschenhandels nach Palermo gekommen. Sie wollen endlich selbst entscheiden und sich von der Unterdrückung befreien, die sie in den Tod geführt hätte.

Viele von ihnen sind arbeitslos und haben Kinder, die in Palermo geboren wurden und nach italienischem Recht die italienische Staatsbürgerschaft besitzen. Einige betteln um zu überleben, andere brauchen medizinische und psychologische Unterstützung. Nach ihrem Leidensweg suchen sie Hilfe bei den Kommunen und bei den italienischen Institutionen. Sie wollen als Bürger anerkannt werden, mit anderen Frauen zusammenarbeiten und eine Vereinsstruktur aufbauen, die alle Opfer des Menschenhandels schützen und von der Straße holen kann.

Donne di Benin City Palermo

Wir haben die Gruppe Donne di Benin City Palermo im Herzen des historischen Zentrums der sizilianischen Hauptstadt getroffen, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Die Symbolfigur der Bewegung heißt Isoke Aikpitanyi. Ihr schönes Lächeln kann das erlebte Leid nicht verdecken: „Über meine Geschichte zu sprechen, ist schwer,“ erzählt sie uns. „Ich trage noch heute die physischen und psychischen Spuren. Ich habe riskiert, für meine Rebellion zu sterben. Ich wurde geschlagen, sie wollten mich töten. Aber wenn du es nicht mehr erträgst, Gewalt zu erleiden und ein Leben zu führen, das dir nicht gehört, verschwindet die Angst vor dem Tod“.

„Die Institutionen helfen uns zu wenig“

Die Unterdrückung des Menschenhandels breitet sich aus,“ fährt sie fort, „wir dürfen in unserem Kampf nicht nachlassen. Auf den Straßen stehen noch viele Frauen, die sich weiterhin prostituieren, weil sie erpresst werden. Darunter sind viele Minderjährige. Und die Politik unterstützt uns nicht genug. Ihre Werkzeuge sind unwirksam. Einige drehen uns den Rücken zu, tun so als hörten sie uns nicht. Deshalb sind wir darauf gekommen uns zu verbünden und einen Verein zu gründen. Unser Ziel ist es, die Opfer zu befreien, aber gleichzeitig wollen wir uns bei den Institutionen Gehör verschaffen. Wir wollen unser Leben ändern, ehrlich arbeiten und sozial anerkannt werden.“

Isoke ist jetzt verheiratet. Mit ihrem Ehemann Claudio Magnabosco hat sie im Jahr 2000 den Verein Le ragazze di Benin City gegründet, benannt nach ihrer Heimatstadt. Nach einer langen Zeit in Aosta ist sie nach Genua gezogen, wo sie ihr Engagement für die Frauen, die im Sexhandel gefangen sind, fortführt. Heute hat Isoke nur einen Wunsch: „Glücklich leben und weiterhin daran arbeiten, die Tausenden ausgebeuteten Frauen zu retten, die keine Seele mehr haben und jeden Tag dem Tod näher sind“.

„Die Liebe zu einem Mann hat mein Leben gerettet“

Neben Isoke sitzt eine andere Frau, die unserem Gespräch zuhört. Sie heißt Vero, ihr Gesicht trägt Spuren der Gewalt, die sie erleiden musste. Wir fragen sie nach ihrer Geschichte: „Mein Körper ist voller Narben. Ich musste mehrere Operationen über mich ergehen lassen. Ich habe dem Tod oft ins Auge geblickt. Dank der Liebe eines Mannes, der mich gerettet hat, hat sich mein Leben verändert. Jetzt bin ich frei, ich lerne nähen. Ich bin froh in Palermo zu wohnen, ich bin keine Sklavin mehr. Hier ist meine Zukunft, aber ich hoffe, dass ich bald Arbeit finde“.

Isoke und Vero sind nur zwei der Frauen, die zu der Gruppe Donne di Benin City Palermo gehören. Neben ihnen gibt es andere mutige Frauen, die die Kraft hatten, sich aus den Ketten zu befreien, die sie an die Straße fesselten. Einige stillen ihre Kinder, lassen sie spielen. Sie sind jetzt endlich freie Frauen, eine Freiheit, die teuer erkauft wurde. Aber es sind nur einige wenige Frauen, die dem Menschenhandel entkommen sind.

Die Zahlen sind nicht ermutigend. Laut dem letzten Bericht der Fondation Scelles über sexuellen Missbrauch weltweit, zählt Europa von 2011 bis 2014 52340 Opfer, die Menschenhandel ausgesetzt sind. Weltweit hat sich die Zahl von 2 auf 4 Millionen verdoppelt. Die Tendenz steigt - das bestätigen das UNODC (Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung) und das ICMPD (Internationales Zentrum für die Entwicklung von Migrationspolitik).

In Italien werden nigerianische Frauen ohne Ausweisdokumente oft von der Polizei abgeschoben, obwohl eigentlich sie nach dem Einwanderungsgesetz besonderen Schutz benötigen. Auch aus diesem Grund setzt sich die in Palermo gegründete Gruppe das Ziel, diese Frauen zu beschützen. Sie fordern die Aufmerksamkeit der Politik, um gesetzlich geschützt zu werden und um die eigenen Lebensumstände zu verbessern. In Palermo hat eine kleine Revolution angefangen, die ganz Europa betrifft.

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Marta Paccani hat an diesem Artikel mitgearbeitet.