Menschenhandel: Die Ware Frau

Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2008
Nach Schätzungen der Europäischen Kommission werden jährlich 100 000 Menschen Opfer von Menschenhandel, 80 Prozent davon Frauen und Kinder. Ein Gespräch mit Barbara Eritt, Sozialarbeiterin mit polnischen Wurzeln in Berlin.

"Wenn man für Drogenhandel eine härtere Strafe bekommen kann als für Menschenhandel, dann stimmt etwas mit dieser Gesellschaft nicht." Tragischerweise verhält es sich tatsächlich oft so, erklärt Barbara Eritt, weil Verfahren wegen Menschenhandels aus Mangel an Beweisen oft mit Bewährungsstrafen oder Freisprüchen enden. Die polnischstämmige Sozialarbeiterin leitet die 'Invia Koordinations- und Beratungsstelle für Frauen', eine Anlaufstelle für Opfer von Menschenhandel aus Mittel- und Osteuropa in Berlin. Bei ihrer Arbeit erlebt sie oft Erschütterndes. "Aber wenn man nicht die Gerechtigkeit, sondern den Menschen, die Frauen in den Mittelpunkt stellt, dann arbeitet man auf eine ganz andere Weise", sagt sie. Diese Sichtweise ist seit Jahrzehnten das Herzstück ihrer Arbeit. Die Frauen, denen sie begegnet und die größtenteils zur Prostitution gezwungen wurden, besitzen trotz allem einen festen Lebenswillen und eine große Portion Humor. "Es geht darum, mit dem, was passiert ist, weiter zu leben."

Jenseits von Klischees

Eritt wehrt sich dagegen, ein typisches Opfer von Menschenhandel zu charakterisieren. "Ich will nicht auf Klischees zurückgreifen. Ich habe zu großen Respekt vor diesen Frauen als das ich einfach sagen könnte, dass sie aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen oder über einen niedrigen Bildungsstand verfügen. In den meisten Fällen kommen sie aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist eine viel stärkere Motivation als etwa politische Gründe. Die Angst vor der Trennung von der Familie und die Unsicherheit sind ein geringer Preis für die Chance auf ein besseres Leben für sich selbst und die Familie."

Ihr zurückhaltendes Äußeres täuscht: Barbara Eritt tritt mit einer eisernen Entschlossenheit auf. Sie hat 1997 am Aufbau des Zentrums mitgearbeitet, nach dem Motto: "Wenn du es nicht machst, macht es auch kein Anderer." In den vergangenen Jahren hat der Menschenhandel zugenommen, und so wird ihr Einsatz nach wie vor dringend gebraucht. In Berlin hören die Frauen durch Mund zu Mund-Propaganda von Invia oder werden von der Polizei auf das Zentrum hingewiesen. Eritt tritt erst dann mit den Frauen in Kontakt, wenn sie entkommen sind. "Ich spreche nicht die Frauen an, die auf den Strich gehen. Man würde sie sowieso nicht als Opfer erkennen. Das sind sehr schöne Frauen." Obwohl es in Deutschland seit dem 1. Januar 2002 das Prostitutionsgesetz gibt, das die Rechtsverhältnisse der Prostituierten regelt, ist es schwieriger geworden, Kontakt zu den Frauen aufzunehmen. Bordelle werden zunehmend durch Wohnungen oder Hotels ersetzt, die die Frauen nur verlassen dürfen, wenn sie zu einem Freier nach Hause oder in ein Hotelzimmer gebracht werden. So ist es schwierig für sie, zur Polizei zu gehen.

Selbst wenn sie die Möglichkeit zur Flucht haben werden die Frauen häufig bedroht oder eingeschüchtert. Zum Beispiel wissen die Menschenhändler oft, wo die Familien der Frauen wohnen, und können dies als Druckmittel verwenden. Hinzu kommen praktische Probleme, wenn man in einem fremden Land lebt, dessen Sprache man nicht spricht. Wie Eritt berichtet ziehen viele Frauen es vor zu hoffen, dass sie freigelassen werden, wenn sie ihre Schulden bezahlt haben.

Kampf gegen die Ungerechtigkeit

©Euro 2008Erst wenn die Frauen ihrem Gefängnis entkommen sind, treten Hilfsorganisationen wie Invia in Erscheinung und bieten Informationen und Hilfestellung - von der Rückkehr ins Heimatland über rechtliche Beratung bis hin zur Wohnungssuche. Eine Voraussetzung dafür ist die Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeitern, Anwälten und der Polizei, auch wenn diese unterschiedliche Interessen haben. So geht es Polizei und Staatsanwalt vor allem darum, dass die Frauen vor Gericht aussagen - ohne Aussage gibt es kein Verfahren. Für Barbara Eritt hingegen steht der Mensch im Mittelpunkt. "Wenn eine Frau nicht aussagen will, dann unterstütze ich sie darin."

Allerdings können Zeugenaussagen auch immer in Frage gestellt werden. "Die Aussagen sollten ernster genommen werden", findet Eritt. Manchmal vergehen fünf Jahre zwischen der Tat und dem Gerichtsverfahren, worunter die Zuverlässigkeit der Zeugenaussagen zusätzlich leidet. "Man bekommt allmählich den Eindruck, dass die juristische Erbsenzählerei über die Suche nach der Wahrheit geht." Während sie darauf warten, dass ihr Fall vor Gericht verhandelt wird, erhalten die Frauen eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Auf Integrationsmaßnahmen wie zum Beispiel Deutschkurse haben sie damit keinen Anspruch. Das bedeutet, dass sie vom Arbeitsmarkt und dem Bildungssystem ausgeschlossen sind und von einer monatlichen Zuwendung von 230 Euro leben müssen. "Ein Skandal", seufzt Eritt.

Im vergangenen Oktober hat die Europäische Kommission zum ersten Mal einen Tag gegen den Menschenhandel ausgerufen. Auf den Menschenhandel aufmerksam zu machen, ist für Barbara Eritt aber nur zweitrangig. Ein viel dringenderes Problem ist die Perspektivlosigkeit in Moldawien, Bulgarien und der Ukraine, drei der Ursprungsländer von denen der Menschenhandel in die Länder der Europäischen Union ausgeht. Eine Nachfrage nach Prostituierten wird es immer geben. Nach Eritts Überzeugung erreicht man am meisten, wenn man die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten in den Herkunftsländern stärkt. "Wir müssen gegen die Gründe vorgehen, die Frauen dazu veranlassen ihr Land zu verlassen."