Meine Banlieue: Ein Italiener erzählt sein Saint-Denis

Artikel veröffentlicht am 12. September 2012
Artikel veröffentlicht am 12. September 2012
Sieben Monate in einer Pariser Banlieue [Vorort] zu leben, ist für einen Italiener, der nach Frankreich gezogen ist eine Erfahrung, die einem einiges lehrt. Zuallererst, den bombastischen Verlautbarungen über „Sicherheit und öffentliche Ordnung“ zu misstrauen, die von den wechselnden amtierenden Regierungen hinausposaunt werden.
Saint-Denis und Saint-Ouen beispielsweise gehören zu den „Prioritären Sicherheitszonen“ (ZSP = zone di sécurité prioritaire), auf welche sich die Polizei unter der Regierung Hollande konzentrieren soll. Aber die Menschen, die in Vororten leben, hoffen auf etwas gänzlich anderes.

Die Regierung des neuen französischen Präsidenten François Hollande hat sich auf die Fahnen geschrieben die Kriminalität zu bekämpfen: 15 prioritäre Sicherheitszonen (ZSP) wurden diesen Sommer von Verantwortlichen der sozialistischen Regierung (PS) festgelegt. Den Risikozonen soll im Zuge dieser Aufräumaktion geholfen werden, wieder unter Staatskontrolle zurück zu kehren. Unter den Zonen die als „unsicher“ bezeichnet werden, befinden sich auch die berüchtigten Pariser Banlieues. Jene, wo 2005 bei Randalen der Teufel los war.

Saint-Denis, Saint-Ouen und das 17. Arrondissement von Paris sind jene Orte der Region Ile-de-France, die im Zuge des ZSP-Programms im Zentrum einer koordinierten Aktion der Einsatzkräfte stehen werden. Die Polizei und Spezialkräfte zur Bekämpfung von Betrug und Schlepperei [Einschleusen von Ausländern] werden daran teilnehmen.

Banlieue - zwischen Sarkozy und Hollande

Die Kriminalitätsrate in diesen Zonen hängt eng zusammen mit Perspektivlosigkeit und sozialer Ausgrenzung der Jugendlichen. Im Departement „93“, Seine-Saint-Denis, erreichte die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 15 und 24 Jahren im Jahr 2009 Spitzenwerte von 30 Prozent (Insee). Bei einer Bevölkerung von knapp 1,5 Millionen Einwohnern wurden letztes Jahr 13.866 Raubüberfälle gemeldet (der Großteil davon ohne Waffengewalt), was einer Rate von 11,6 Vorfällen per 1.000 Einwohnern entspricht – die nationale Vergleichszahl steht stabil bei 1,9 (Inhesj).

Französische Vorstädte: Einführung für Europäer

Aber Saint-Denis kann man nicht auf diese Statistiken reduzieren. Der selbe Platz, auf dem sich die Drogendealer treffen, ist einer der wenigen Orte, wo Kinder geschützt vor Autos spielen können. Ich habe dort 7 Monate gelebt und ich habe mich als Teil dieser Gemeinschaft gefühlt, die ignoriert von allen lebt und die ihrerseits die große Metropole Paris ignoriert, die nur wenige Kilometer entfernt liegt.

“Saint Denis ville sans égale, Saint Denis ma capitale” (“Saint Denis - Stadt ohnegleichen, Saint Denis meine Hauptstadt”), rezitiert der berühmte französische Slam-Dichter Grand Corps Malade. Die Stadt bewahrte sich tatsächlich einen gewissen königlichen Charme: die Basilika, sie gilt als die älteste gotische Kathedrale der Welt, enthält die Gebeine der Könige von Frankreich. Die zentrale Rue République teilt die Stadt in zwei Hälften, wie es auch die großen Boulevards mit Paris machen.

Am Sonntag füllen sich die Straßen mit Marktständen und bunten Gewändern, Sprachen aus aller Welt treffen aufeinander und kreieren eine magische und festliche Atmosphäre. Rund um das Zentrum wiederum befinden sich die „cités“, Wohnhäuser und Mietstürme, die tausende Familien beherbergen und die nicht einmal die Polizei zu betreten wagt. 'Le Francs Moisins' oder 'le Cosmonaute' werden diese Städte innerhalb der Stadt genannt. Sie sind undurchdringliche Labyrinthe, die in ihrem Inneren die verzweifeltsten Geschichten verbergen.

6. April 2012

Das was ich in diesen Monaten des Alltagstrotts zwischen meinem Arbeitsplatz im Pariser Stadtzentrum und Saint-Denis festgestellt habe ist, dass wer in Paris lebt, einer verzerrte Wahrnehmung der Lebensrealität hat. Es ist als ob der 'périphérique', die große Stadtautobahn, auch eine Trennlinie zwischen den Personen darstellt, die zwar miteinander Kontakt haben, sich oft sogar an denselben Arbeitsplätzen treffen, am Abend jedoch jeder zum gänzlich eigenen Schicksal zurückkehren.

Die Schließung des Theaters Gérard Philipe am Ende der Saison - vor ihm verbrachte ich alle meine Abende - war der Beginn meines Leidenswegs. Der enorme Komplex, der 1960 im Zuge einer Politik der Dezentralisierung von Kulturzentren errichtet wurde, wurde 1981 zum nationalen Centre dramatique - ein Lichtblick in der dunklen Nacht von Saint-Denis. Die langen Schlangen vor den Abendkassen waren meine Garantie, dass ich niemals allein auf der Straße unterwegs sein würde. Weit weg von meinen Freunden in Paris, kehrte ich nach Hause zurück und auf den Bühnen startete immer pünktlich ein Theaterstück.

Am Ende der Saison, im April, war nur noch ein gigantisches graues, dunkles Gebilde übrig, vor dem sich Grüppchen von Betrunkenen und Menschen, denen man besser nicht zu lange in die Augen schaut, versammelten. Der Gestank nach Erbrochenem und Urin verfolgte mich bis zu meiner Haustür, die ich mit Erleichterung hinter meinem Rücken schloss. Da das Theater in der Sommersaison geschlossen war, fand ich in der Stadt nicht das Geringste, das mich reizte, am Abend noch auszugehen.

Saint-Denis, das in den 1970er und 80er Jahren eine rasante Deindustrialisierung erleben musste, hat bereits bewiesen, dass es sich wieder aufbäumen und zurückkommen kann: Im Jahr 2004 hat es den Preis für nachhaltige Entwicklung (Ruban du développement durable) gewonnen. Am 1. Jänner 2011 waren circa 30 Prozent der Unternehmen weniger als zwei Jahre alt. Jenseits dieser Daten, die das Potenzial der Region aufzeigen, ist das urbane und soziale Netz jedoch weiterhin unfähig, den Jugendlichen vielfältige Chancen und Möglichkeiten zu bieten. Eine meiner Besuche im „Maison de la jeunesse“ („Haus der Jugend“) endete in einem trostlosen Spektakel: Es empfing mich nur ein zerfetztes Flugblatt, auf dem das Datum 2007 stand.

Wir wissen, dass die Regierung Hollande die Aufwertung städtischer Gebiete und erleichterten Arbeitsmarktzugang für Jugendliche der Risikozonen im Programm hat. Diese Maßnahmen sind die Ergänzung zur verstärkten Präsenz der Sicherheitskräfte. Die Ergebnisse jedoch wird man, wenn sie denn positiv sind, erst in einigen Jahren sehen können.

Warum sollte man in der Zwischenzeit nicht zwei Kinos, drei Theater und vier Kunstgalerien die bis zum späten Abend geöffnet haben? Die Präsenz des Staates darf sich nicht auf Waffengewalt und Ordnungsmacht beschränken. Die Kultur hat nicht nur die Funktion zu unterhalten, sie schafft es auch, die Gewalt und die Geister der Nacht zurück zu schlagen. Bei den Jungen von Paris die Lust zu wecken, nach Saint-Denis zu kommen, mithilfe von subventionierten günstigen Tickets und öffentlicher Unterstützung für eine alternative Kulturszene, würde auch die einheimische Bevölkerung ermutigen, die Stadt der Könige, ihre eigene Stadt, wieder zurück zu erobern. Diese Betriebe würden vielleicht nicht immer Gewinne machen, aber die Lebensqualität der Bevölkerung würde sich enorm verbessern. Worte eines „93ers“.

Illustrationen: Teaserbild (cc)mamzelD/flickr; Im Text (cc)hollande/flickr; Video (cc)ruban 14/YouTube