Mein Sommer ohne Surfen im Netz

Artikel veröffentlicht am 9. September 2015
Artikel veröffentlicht am 9. September 2015

[Kommentar] Vor ein paar Tagen haben uns der Mann meines Lebens und ich über unsere nächste Reise unterhalten. Eine Woche am Meer, weit weg vom alltäglichen Stress und der Verschmutzung in der Stadt. Nur das Rauschen der Welen. Und Digital Detox. Wie jetzt?

Und dann hat er DIE Bombe platzen lassen: „Eine Bedingung. Du nimmst weder dein Handy noch deinen Laptop noch dein Tablet mit. Es werden keine E-Mails gecheckt und weder Twitter, Facebook oder das Tagesgeschehen in Europa dürfen unsere Ferien stören.“

WAS? Eine Woche ohne Telefon? Ohne Internet? Ohne eine Pressemitteilung zu lesen oder zu wissen, ob Schäuble und Tsipras es geschafft haben die Eurozone zu zerstören? Soll das etwa ein Scherz sein?

Okay, es stimmt, ich bin ein bisschen (oder auch sehr) süchtig. Wenn ich nicht vor meinem Computer sitze, dann umklammert meine Hand mein Smartphone. Und abends vor dem Fernseher checke ich es alle halbe Stunde. Aber trotzdem, eine Woche.

Jenseits des Like

Als er merkte, dass ich kurz vor einer Panikattacke stand, schlug er vor, mir unseren letzten Urlaub nochmal ins Gedächtnis zu rufen, wo ich mich selbst dazu entschieden hatte, meine technischen Geräte zuhause zu lassen. Unmöglich, hatte ich das tatsächlich gemacht? Wahrscheinlich hat meine Junkie-Mentalität diese Erinnerung verblassen lassen.

Aber mal überlegen, es stimmt, dass ich im letzten Sommer eine ganze Woche verbracht habe, ohne mein Telefon oder meinen PC auch nur zu berühren. Nachdem ich ein besonders anstrengendes Jahr hinter mich gebracht habe, hatte ich tatsächlich das Bedürfnis, während des ganzen Aufenthaltes mein Handy und meinen Laptop ausgeschaltet zu lassen. Dieses Gefühl wurde bestärkt von der Tatsache, dass ich mir, wenn ich fotografierte, nur noch Gedanken über die Anzahl der "Likes" machte, die mir das Foto einbringen würde. Weil ich völlig vereinahmt war von dem Gedanken, DAS Klischee zu erfüllen, vergaß ich dabei das, was ich fotografierte, wirklich anzusehen. Das war ein Warnzeichen. Ich musste damit aufhören, mich auf die virtuelle Welt zu konzentrieren, um mich wieder auf die Realität zu fokussieren.

Das war eine wirkliche Erleichterung. Ich fühlte sie verschwinden, diese Besessenheit, die in meinem Leben ständig präsent war wie ein ständiges Brummen im Hintergrund. Kein Stress mehr bei dem Gedanken, eine Information oder Mail zu verpassen, kein fieberhaftes Überprüfen der Anzahl von Besuchern auf meinem Blog. Ich fühlte mich befreit.

Ich fing wieder an, die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich waren, und nicht wie sie auf einem Foto aussehen könnten. Ich habe wieder den gegenwärtigen Moment genossen, ohne mich dabei zu fragen, wie ich ihn auf Facebook formulieren könnte. Ich habe mich wieder auf Empfindungen besonnen, die ich zuvor zu Unrecht als unbedeutend angesehen hatte, obwohl sie essentiell wichtig sind, um sich lebendig zu fühlen. Das Rauschen der Wellen genießen, die vom Wind getragenen Gerüche, das Streicheln der Sonne, die Hitze des Sandes, wenn man sich hinlegt, das Vergnügen, Stunden mit Prokrastinieren zu verbringen. Einfach nichts tun außer zu atmen, zu beobachten, zu fühlen,... einfach zu existieren! 

Ein Telefonbuch und Mikrochipkarten

Ich habe mich Belanglosigkeiten hingegeben. Frauenzeitschriften lesen, die dämlichen Tests darin machen, Hand in Hand spazieren ohne genaues Ziel oder Eile, um nicht zu spät zu kommen. Über die wirklich wichtigen Dinge sprechen, wie unsere Zukunft, oder im Gegenteil über Dummheiten, wie das Benehmen von einigen anderen Urlaubern. Und dann durch direkten Austausch mit anderen in Verbindung kommen - nicht mit der dazwischengeschalteten Tastatur. 

Eine Woche lang habe ich nicht an die Arbeit gedacht, nicht ans Tagesgeschehen, nicht an meine Mails und nicht an das Internet. Ich war wie befreit von der ewigen Unruhe, so schnell wie möglich und dauernd alles zu wissen (ich habe sogar im Telefonbuch nach einer Nummer gesucht, das will was heißen!). Ich hatte den Eindruck, wieder ein menschliches Wesen zu werden, mit menschlichen Empfindungen. Und keine Maschine. Wir glauben immer, dass Multimedia-Tools unsere Kommunikation verbessern. Das stimmt nicht. Es gab eine Zeit, in der ich, wenn ich Neues von einer Freundin wissen wollte, einfach zu ihr ging. Jetzt schreibe ich ihr eine SMS. Und wenn sie nicht antwortet, schicke ich ihr eine Mail. Und so sagt sie mir, wenn ich sie sehe und über ihren neuen Haarschnitt begeistert bin, dass es schon drei Wochen her ist, seit sie beim Friseur war.

Technologie enthält uns wirkliche Kontakte und menschliche Wärme vor. Der Platz, den wir diesen Geräten in unserem Leben gewähren, ermöglicht ihnen, uns nach und nach auch in Maschinen zu verwandeln. Und wir rennen immer schneller darauf zu. Die Gesellschaft Epicenter schlägt seit Neuestem ihren Angestellten vor, sich zur Identifikation einen Mikrochip einpflanzen zu lassen, um ihren Firmenausweis zu ersetzen, zu kopieren, in der Kantine zu bezahlen oder ihrem Arzt Informationen zukommen zu lassen. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt, um sich von Elektrizität zu ernähren. Ich bin weder paranoid noch Anhänger von Verschwörungstheorien, aber dennoch stehen wir kurz vor einer von Maschinen geführten Gesellschaft. Vielleicht wussten die Wachowskis irgendetwas, als sie Matrix gedreht haben.

Jedenfalls bereite ich mich jetzt darauf vor, die Sommererfahrung ohne Technologie zu wiederholen. Ich bin nicht immer zu 100% ausgeglichen (und wenn ich jetzt eine wichtige Information verpasse?), aber mein Gehirn braucht wirklich diesen Hauch Sauerstoff, um all die Wellen zu ersetzen, die es ohne Pause absorbiert. Und außerdem, er hatte recht: „Keine Sorge, die EU wird schon noch da sein, wenn du zurückkommst!“