Mein Brief an Jean-Claude Juncker

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2016

Als ich mit meinem Fahrrad um die Ecke biege und vor dem luxuriösen 'Salons Hoche' im Herzen von Paris zum Stehen komme, merke ich sofort, dass ich in deine Welt nicht hineinpassen werde. Schade, dabei hätte ich dir als EU-Kommissionspräsident so gerne meine Fragen zu Europa gestellt.

Lieber Jean-Claude,

Die Portiers des noblen Veranstaltungsgebäudes im achten Arrondissement, in dem du heute eine Rede über die Zukunft Europas halten wirst, mustern mich skeptisch, als ich mit Regencape und Helm an meterhoher Blumendekoration vorbei in die Eingangshalle hechte. Letztlich nimmt die Dame an der Garderobe meinen durchnässten Anorak mit spitzen Fingern und einem etwas zu gezwungenen Lächeln doch entgegen und ich darf als geladene Journalistin vom Magazin cafébabel an deiner Konferenz teilnehmen.

Ich betrete den hohen, vergoldeten Saal und nicht nur das Licht riesiger Kristallkronleuchter strahlt mich an, sondern auch die scheinenden männlichen Glatzen, die jede Stuhlreihe dominieren. Die Organisatoren des Events, die Robert-Schuman-Stiftung und der Investment-Berater Financier de la Cité scheinen die Einladungen an junge, weibliche Europäerinnen wohl zu spät verschickt zu haben.

Mutig wage ich einen Schritt nach vorne, als einer der imposanten Spiegel mir unerwartet meine Reflexion entgegenwirft. In mitten von blau-grauen Nadelstreifen bin ich der einzige Farbklecks in der Menge. Ich setze mich auf einen freien Platz direkt zwischen zwei mittelalte Herren in der dritten Reihe. Nach wenigen Sekunden bereue ich meine Entscheidung, denn mein „Bonjour“‚ verwandelt sich nach dem Inhalieren zwei unterschiedlicher Aftershave-Wolken in einen Hustenanfall. Ich erkundige mich, ob mein Sitznachbar auch Journalist ist, „Nein, Bänker. Aber wir sind ja auch alle nur Menschen“, witzelt er. Jetzt bin ich es, die gezwungen lächelt.

Ich versuche mich zu konzentrieren, schließlich bin ich gekommen, um von dir zu hören, wie es mit unserem rechtsdrehenden Kontinent weitergehen soll. „Die Kommission der letzten Chance“, hast du deine Mannschaft in einem Interview genannt, und den Kontinent als „ein Europa der Polykrise“ beschrieben. Wenn du, der Präsident des Hauptkrisenstabs dieses politischen Karussells, dir also die Zeit nimmst, für einen Tag von Brüssel nach Paris zu reisen, dann doch um wirklich zuzuhören und auf Probleme einzugehen.

Leider bestätigt sich im Laufe der nächsten Stunde mein skeptisches Gefühl. Es begann schon damit, dass du Fragen nicht direkt annehmen wolltest, sondern nur die beantwortest, dir die im Vorfeld zugesandt wurden. Terrorismus, Eurozone, Brexit, Migrationskrise. Zu jedem großen Thema gibt es genau eine Frage, die du, wie so oft, kompetent und mit politischer Weitsicht kommentierst.

Aber verstehst du auch, dass du gerade deine Ideen über den „neuen politischen Humanismus“ und „Schutz sozialer Werte“ mit Menschen teilst, die sich danach bei Champagner und Lachshäppchen über die „Inkohärenz europäischer Finanz-Investitionsregeln“ beklagen?

Als Journalistin für eine junge Europaleserschaft horche ich während deiner Rede ganz besonders auf, als du davon sprichst, Lohn-Dumping zu bekämpfen und junge Start-Ups zu unterstützen. Mehr als 100 Milliarden Euro wurden bereits mit Hilfe deines 'Juncker Plans' in die Wirtschaft gesteckt. Und du unterstreichst: „Der Plan funktioniert“. Warum müssen meine Freunde und ich dann, nach fünf Jahren Universitätsausbildung, immer noch darauf hoffen, dass, wenn schon kein Job, doch wenigstens unser Praktikum bezahlt sein möge?

Europa steckt in der Krise, richtig. Die Europäische Kommission hat viele gute Verbesserungsvorschläge gemacht. Auch richtig. Doch die Mitgliedsstaaten tun sich schwer, diesen geschlossen zu folgen. In wieweit sie bereit sind, supranationale Koordination anzunehmen, liegt nicht in deinen Händen. Was es jedoch tut, ist die Freiheit zu entscheiden, wem du in dieser ‘Polykrise‘ als Kommissionspräsident Rede und Antwort schuldest.

Meine Frage an dich also, Jean-Claude: Wie stellst du dir unser Europa in fünf Jahren vor? Und hast du, so wie wir, manchmal Alpträume?

Deine Tessa