Mein Auslandspraktikum: Lost in Prag

Artikel veröffentlicht am 19. März 2015
Artikel veröffentlicht am 19. März 2015
Praktikum in Prag – das kam mir ganz schön weit weg vor. Lara wohnte mit Blick auf die Burg, traf den bekannten tschechischen Künstler David Černý und fühlte sich beim ständigen Flanieren in andere Zeiten versetzt.

Ach, Prag. Denke ich daran zurück, flammt vor allem eins wieder auf: die Wohnungsgeschichte. Denn das mit der Wohnung war natürlich mehr als Glück. So etwas gibt es eigentlich gar nicht. Beim letzten Praktikum noch, in Paris, hatte ich in einem ehemaligen Puff gewohnt – ja: 12 Quadratmeter mit vier verspiegelten Wänden, jaja: ein viel befahrender Boulevard vor dem Fenster und jajaja: man zahlt über 500 Euro dafür! 

In Prag ist dann alles ganz anders. Zuerst verbringe ich eine Woche bei einem Couchsurfer, ohne zu wissen, wohin danach. Dann, an einem Julimittag im Innenhof des Goethe-Instituts, sitzt man beim Mittagessen mit den Kollegen. Und die aus der Buchhaltung sagt plötzlich: „Ach, du suchst eine Wohnung? Na, warum nimmst du nicht die Gästewohnung im vierten Stock?“Ja, warum nehme ich nicht die Gästewohnung im vierten Stock? Ein gemütliches Zimmer neben Küche und Bad habe ich da vor Augen. 

Gibt es eigentlich gar nicht

Die aus der Buchhaltung fährt mit mir Aufzug, ein schöner Aufzug in einem schönen Haus (unbedingt mal hineinlugen): Jugendstil, ehemalige bulgarische Botschaft und psst: auch die der DDR. Vier Schlüssel in der einen Hand, zeigt sie mit der anderen nach links: da wohnt der Institutsleiter, dort jemand von der Botschaft. So. Dann also öffnet sie meine Tür und ich reiße die Augen auf: da sind Küche, Bad und drei Zimmer. Zur Hälfte der Pariser Miete. Das gibt es, wie gesagt, eigentlich gar nicht. 

Was es aber sehr wohl gibt, ist die Hitze in diesem Sommer. Die Stadt ist voller Touristen. Mein Timing ärgert mich. Merke: alle Einheimischen sind im Sommer aus Prag ausgeflogen. Viele Tschechen in meinem Alter lerne ich also nicht kennen. Sommerpause auch im Goethe-Institut – was heißt: kein Internet. 

Ich flaniere tagelang abgeschnitten von der Außenwelt in meiner Wohnung herum und lese. Zum Beispiel Die Tochter vom in Prag geborenen Maxim Biller. Mein Chef leiht mir ein paar tschechische Filme, so kann ich mir, tu ich das schon nicht von den Tschechen selber, wenigstens so die Kultur aneignen. Ich fange an mit der Rückkehr des Idioten (Návrat Idiota). 

Und ja: wie ist es um Prag herum, in Brno zum Beispiel? Bei Sex in Brno (Nuda v Brně) verstehe ich plötzlich den tschechischen Humor. Und die Dokumentation über den ehemaligen Präsidenten Václav Havel (mit vielen Szenen im Kult-Café Café Slavia!). Den lieben hier noch immer alle. Mein Schreibzeug kaufe ich bei papelote, einem Papiergeschäft gleich um die Ecke: dort haben junge Designer wirklich schöne Schreibutensilien zusammengestellt.

Blöde Weisheiten

Anfangs allerdings fällt man in dieser Stadt erst einmal auf die Schnauze: wieso sind die hier so unfreundlich? Ach ja, der Reiseführer, vorsorglich gekauft und nur genau einmal – nämlich zu diesem Zweck – aufgeschlagen, sagt: „Der Tscheche ist nicht freundlich, aber menschlich.“ 

Was für eine blöde Weisheit, aber ich erlebe es ähnlich: es dauert, bis der Couchsurfer auftaut – eine ganze Woche. Dann aber werden wir richtig gute Freunde. Wir trinken Bier und ich freue mich über die Preise (natürlich). Wir flüchten vor den Touristen und ihren brausenden Seways in der Innenstadt: ins Plavecký Stadion Podolí Schwimmbad. 1965 wurde es gebaut, wir schwimmen und legen den Kopf in den Nacken: zwischen einem Steinbruch auf der einen Seite und der Tribüne auf der anderen, schmilzt der Geschmack von anderen Zeiten auf der Zunge. 

Und dann gehen wir ins Unijazz, sitzen und schweigen mit Zitronenlimonade auf Sofas oder gepolsterten Stühlen. Ganz versteckt liegt es, erst einmal klingeln muss man und bis in den vierten, fünften Stock steigen. Zwischen gelben Wänden voller Bücher hört man Musik, die dürfen wir hier selbst aussuchen: Platten und CDs en masse. 

Lost in Praha

Fast, ach ja, fast vergessen ist neben all dem Flanieren und Entdecken, wofür ich eigentlich da bin: Für jádu, das deutsch-tschechische Magazin des Goethe-Instituts. Ein kleines Team mit vielen freien Autoren – aus Deutschland und Tschechien. Mann, Mann, Mann: ein paar Interviews müssen schleunigst her. Wie wäre es zum Beispiel mit David Černý? Eine verrückte Idee, ist er doch einer der bekanntesten Künstler im Land. Aber David Černý, der Trabis auf Beinen aufgestellt hat, der Mittelfinger auf der Moldau hat schwimmen lassen, der zwei Statuen vor das Kafka-Museum (das sich im Übrigen nicht lohnt) pissen lässt und der sich über die gesamte Kunstwelt mokieren darf (Entropa)– ja, der David Černý sagt tatsächlich zu. Große Aufgeregtheit davor. Große Enttäuschung folgt sofort: Er weiß leider über seine Begehrtheit längst selbst Bescheid. Skurrilste Interviewform: Er kommt mit Loch in der Hose und setzt sich – eine halbe Stunde zu spät – erst einmal an den Nachbartisch. Dort spricht er über das neue Flugzeug, das er sich kaufen wird: ein Viersitzer, aber mit Gepäckraum, bitte. Eine Stunde später ist er beim dritten Bier; das darauffolgende Gespräch lohnt es nicht, abzudrucken oder online zu stellen. Interessanter ist da Cirk La Putyka, der Kunstzirkus. Oder das Gespräch über die Prague Pride. Ach, Prag. Man muss hier, das habe ich hier gelernt, die Dinge oft selbst in die Hand nehmen. Im Sommer vor allem, da ist die ganze Stadt faul. Also ran. Oder aber – weitersitzen in Vyšehrad mit Blick auf die Stadt, im Café Neustadt (Hipster glotzen gehen, so nennt es die tschechische Kollegin) oder im Letná-Park

Zufällig Jaroslav Rudiš kennen lernen, hier in Prag ist er ein bekannter Schriftsteller. Auf dem Weg von einer Kneipe in die andere (bei der ersten klagte er, dass sein Prag auch nicht mehr dasselbe sei wie früher), rufen ihm Jugendliche den Titel seines letzten Buches nach. 

Zuhause höre ich mir das Hörspiel Lost in Praha (Martin Becker und Jaroslav Rudiš) an und mache es ähnlich wie die Hauptfigur: Einmal spazieren gehen und wach bleiben, um den Sonnenaufgang über den Brücken zu sehen. Mit der Kaffeetasse in der Hand wandere ich die Moldau entlang, der Busfahrer schaut sich nach mir um und deutsche Touristen sprechen mich an, sagen: „Mensch, in Berlin ist alles so abgerockt, hier nicht.“ Schnell weiter. Die Augen offen halten. Nach unten sehen, nach oben sehen, durchatmen. Die Luft ist so klar hier.

An einem der letzten Morgen sitze ich mit Kaffee lesend im riesigen Wohnzimmer, der Sommer wird kühler nun. Aus dem Augenwinkel sehe ich drei Männer auf dem gegenüberliegenden Dach: Handwerker gucken mir ins Fenster hinein. Und da wird es mir noch mal klar: ich hatte es ganz schön gut hier. 

Sie haben verschiedene Backgrounds, sehen anders aus und glauben an verschiedene Dinge. Ihr Leben kann jede Richtung einschlagen, ihr Zuhause morgen überall sein. Aber eine Sache bleibt in diesem Rausch vorhersehbar: an einem bestimmten Punkt werden alle von ihnen ein Praktikum absolvieren. Am besten im Ausland. Intern Nation - Porträts aus der Praxis europäischer Praktikanten 2015.