Mein Auslandspraktikum: Leben lernen in Limerick

Artikel veröffentlicht am 23. März 2015
Artikel veröffentlicht am 23. März 2015

Matrosenanzug, Geländewagen, Rugby, Irish Breakfast und eine gehörige Portion Gastfreundschaft: So in etwa sieht Irenes Limerick aus. Die Italienerin hat ein 6-monatiges Praktikum in einer kleinen Reiseagentur der irischen Stadt absolviert. 

Es ist ein seltsamer Tag, mein letzter Sonntag in Limerick. Ich sitze allein in einem coffeehouse und verzehre das letzte irische Frühstück meines Lebens (oder zumindest in näherer Zukunft). Mir fällt gerade kein passender Anlass in talien ein, zu dem ich Würstchen, Bohnen, frittierte Eier in Kombination mit einem Riesenkaffee zu mir nehmen würde.

In den Straßen ist es ruhig geworden. Die Pubs hingegen sind vollgestopft mit besorgt wirkenden Menschen. Der Grund: Irland gegen England beim Sechs-Nationen-Turnier. Kein Wunder, denn Limerick ist die Heimat von Munster, der legendären Mannschaft, die 1978 die All Blacks mit 12:0 schlug. Rugby ist nicht nur eine Leidenschaft, sondern hat hier fast Religionsstatus.

Nach den sechs Monaten, die ich hier war, habe ich die Stadt mögen gelernt: Irgendwo ziwschen Matrosenanzug und Geländewagen, fühlt sich die Bevölkerung hier sowohl zum Wasser als auch zum Lande hingezogen. Das große Stadtzentrum von Limerick befindet sich am Fluss Shannon, mit einer Vorstadt, die Richtung Land wandert, übersät von seltsamen Gebäuden, die während des Baubooms Anfang der 2000er entstanden sind.  

Ab an den Rand

Irland, das sich am äußeren Rand Europas befindet, ist Einwanderungsland. Neben den ständigen Meeresböen ist es krassen historischen Veränderungen ausgesetzt. Eigentlich bin ich eher zufällig hier gelandet. Erst wollte ich ein Erasmus-Traineeship in London machen. Nachdem ich ein bisschen darüber nachgedacht hatte (nicht zu viel, nur ein wenig), entschied ich, meiner unheilbaren Zuneigung zur Provinz zu folgen - ab an den Rand! Vielleicht bin ich einfach nicht für das Leben in einer Hauptstadt gemacht. Metropolen faszinieren mich und schrecken mich gleichzeitig ab. Da bin ich also. Hier, in der berüchtigten stabbingcity an einem Samstag Anfang Oktober, nachdem ich mit dem Zug einmal quer durch das Land und unter drei oder vier Regenbogen hindurchgefahren bin. 

Ich wohne in einem Reihenhaus, ganz in der Nähe des Stadtkerns, mit Mitbewohnern im Erwachsenenalter: Ich war tatsächlich sehr überrascht davon, wie weit das WG-Konzept hier verbreitet ist, gerade bei Erwachsenen und Berufstätigen und nicht eben Studenten. Mein Vermieter ist so um die 60 Jahre, freundlich und herzlich. Der ehemalige Fischer, der in den 1990ern nach Irland zurückkam und in den dunkelsten Jahren der Krise seinen Job verlor, hält sich nun mit einer kleinen Pension über Wasser.

Der Preis für ein Zimmer liegt durchschnittlich leicht über den Mieten in Italien. So verhält es sich auch mit den Lebenshaltungskosten grundsätzlich: Da ich bei Transportkosten spare (eine Kollegin nimmt mich morgens immer mit), komme ich im Monat mit etwas weniger als 600 Euro aus, davon gehen 350 Euro für Miete und Nebenkosten drauf. Gerade bei den öffentlichen Verkehrsmitteln käme da einiges zusammen: ein Ticket für eine Busfahrt kostet 2 Euro, ein Wochenticket 20 Euro. Und dabei liegt mein Büro ja im anderen Teil der Stadt. Ich arbeite in einer kleinen Agentur, die Studien- und Sprachreisen sowie Programme mit nicht-bezahlten Praktika organisiert. In den ersten Wochen musste ich mich erst mal eingrooven, da ich es ja nicht gewohnt war, acht Stunden am Stück außer Haus zu sein und mich so lange zu konzentrieren. Abends kam ich immer kaputt nach Hause, um acht lag ich unter der Decke und rührte mich dann kein Stück mehr bis zum nächsten Morgengrauen. Aber mit der Zeit – und mit ein bisschen Durchhaltevermögen – wurde es dann besser, und schlussendlich kann ich sogar sagen, dass mir die nine-to-five-Routine fehlen wird. 

Ebenso verhält es sich mit meiner neuen Angewohnheit, für die Work-Life-Balance zwischen 17:30 und 19:00 Uhr Bier zu trinken. Ich habe viel darüber gelernt, ein Erwachsenenleben zu führen: Kilometer weit weg von zu Hause zu sein, ohne irgendwen zu kennen, ohne die Freunde, die man schon immer hatte. Ich musste mich neu umzuschauen und von null anzufangen, das aber in kürzester Zeit und mit viel Verantwortung am Arbeitsplatz. 

 

Gefühl von Zuhause

Natürlich sind sechs Monate kaum ausreichend für eine komplette Kehrtwende. Aber unmöglich, ein neues Leben aufzubauen, ist es auch nicht. Geholfen hat dabei auf jeden Fall die enorme Gastfreundschaft der Iren: In einer kleinen Stadt wie Limerick, wo man ganz sicher nicht die Großstadtatmosphäre von Dublin einatmet, wird man als Fremder als etwas Wertvolles und Exotisches betrachtet. So ziemlich jeder versucht dir das Gefühl von Zuhause zu vermitteln.

In den letzten Tagen vor der Abfahrt erwischte ich mich auf einmal dabei, wie ich den Kassierern in meinem Supermarkt auf Wiedersehen sagte. Wie ich die Köche in der Mensa, die Verkäufer, Straßenkehrer, Frisöre und Busfahrer verabschiedete: all diejenigen Menschen eben, die diesen Abschnitt meines Lebens mit ihrer unerwarteten Freundlichkeit begleitet haben. Farewell, Ireland. Ich kehre zurück nach Hause – mit der Komikbiografie von Joyce, mit der Flagge von Munster Rugby im Rucksack, mit einer neu erworbenen Leidenschaft für Whiskey und einem echten Ekel gegenüber dem britischen Akzent.

Und mit einer Erfahrung mehr im Gepäck. Ich fühle mich bereit, den Studentenalltag wieder aufzunehmen, mit klareren Ideen über meine Zukunft und meine Fähigkeiten. Aber erst mal mache ich noch zwei Wochen Urlaub in meinem wunderschönen Gastland. Es ist März, der Regenmonat hier in Irland. Kann es etwas Besseres geben als nochmal frische irische Regenluft zu atmen?

* |©cafébabel

Sie haben verschiedene Backgrounds, sehen anders aus und glauben an verschiedene Dinge. Ihr Leben kann jede Richtung einschlagen, ihr Zuhause morgen überall sein. Aber eine Sache bleibt in diesem Rausch vorhersehbar: an einem bestimmten Punkt werden alle von ihnen ein Praktikum absolvieren. Am besten im Ausland. Intern Nation - Porträts aus der Praxis europäischer Praktikanten 2015.