Mehr essen, länger trinken: Anticafe Paris

Artikel veröffentlicht am 6. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 6. Dezember 2013

Derzeit boomen neue Kaffeehauskonzepte. Neben Lokalen, in denen man Katzen streicheln kann gibt es jetzt in Paris auch eins, in dem man nach Zeit bezahlt, nicht für das Konsumierte. Das neue Café de Flore für Möchtegernarbeitstiere? Ein Besuch.

Kur­zer Blick auf die Uhr: seit zehn Mi­nu­ten sitze ich hier, macht also 70 Cent etwa. Schnel­ler Blick in den Geld­beu­tel: etwas über 4 Euro, ich kann hier also noch eine knap­pe Stun­de blei­ben. Ich bin weder im Son­nen­stu­dio, noch in der Wä­sche­rei oder beim Au­to­scoo­ter, son­dern in einem Café. Ge­mein haben die an­de­ren Orte mit dem An­ti-Café im Schwulenviertel Marais in Paris eins: Nach der Uhr wird hier ge­blecht und nicht nach dem Kon­sum. Be­deu­tet: vier Euro die Stun­de und so viel heiße, kalte Ge­trän­ke und Ku­chen, wie der Magen be­gehrt. Flat­rate­trin­ken und All-You-Can-Eat-Asia­ten kennt jeder. Die Idee, die­ses Zah­lungs­sys­tem auf ein Café an­zu­wen­den, gibt es je­doch erst seit Au­gust 2011 und kommt aus Mos­kau. Im April die­ses Jah­res gibt es das auch in der französischen Hauptstadt.

Aber das Zahlungs­sys­tem al­lein ist noch nicht alles: das Lokal wirbt damit, „voll­kom­men an­ders zu sein“, ein zwei­tes Zu­hau­se, wo man sich amü­sie­ren und ar­bei­ten kann. Außer Ge­trän­ken und Snacks wird hier Wifi ge­stellt. Man kann den Dru­cker sowie den Bea­mer be­nut­zen, seine Mee­tings und Prä­sen­ta­tio­nen an einem gro­ßen Mas­siv­holz­tisch ab­hal­ten und, ach ja, man kann hier auch Leute ken­nen­ler­nen. Das je­den­falls verspricht die Web­site. Einen ge­müt­li­chen Sonn­tag­nach­mit­tag An­fang De­zem­ber stellt sich der Be­su­cher so also vor. Trug­schluss: ent­spann­te At­mo­sphä­re. Be­tritt man die Stube und zieht die Tür nicht hin­ter sich zu, schreit die Meute laut auf, denn mit­tel­kal­te Win­ter­luft strömt in den gro­ßen Raum – zu­ma­chen steht doch drau­ßen groß dran! Will­kom­men im ei­ge­nen Heim also. Ein­che­cken geht an­schlie­ßend so: auf einer Chip­kar­te wird die An­kunft ge­spei­chert, dann darf man sich set­zen, vor­aus­ge­setzt man fin­det einen Platz, denn vor allem am Wo­chen­en­de ist es hier voll. 

Grund­sätz­lich gilt fol­gen­des: oben im Erdgeschoss kann man sich an einem Regal mit Brett­spie­len und Bü­chern be­die­nen, gleich da­ne­ben fin­det man die Bar, auf der Weck­glä­ser ge­füllt mit Din­gen für den klei­nen Hun­ger ste­hen: Blech­ku­chen, Ma­de­lei­nes, Salz­stan­gen, Chips und Erd­nüs­se – aber auch damit kön­nen sich die mit den gro­ßen Augen den Bauch voll­schla­gen. Der Kampf um den In­halt des Kühl­schranks er­in­nert an die WG zu­hau­se, man greift hier sehr höf­lich aber doch be­stimmt zu und kriegt mit ein biss­chen Glück noch einen Schluck Ho­lun­der­li­mo­na­de oder ein paar Blät­ter Salat ab. Und was ist mit Alkohol? "Den kann man abends selbst mitbringen. Das ist ja auch unser Prinzip: eigenes Essen und Trinken ist willkommen.", sagt einer der Gründer. 

Die ita­lie­ni­sche Kaf­fee­ma­schi­ne darf der Be­su­cher nicht be­die­nen – und rutscht dabei men­tal von der Stu­den­ten-WG in den el­ter­li­chen Haus­halt zu­rück – dafür be­kommt er von der spa­nisch spra­chi­gen Be­die­nung einen gro­ßen Café Crème zu­be­rei­tet. In der dar­un­ter­lie­gen­den „Cave“ herrscht rei­nes Ar­beits­kli­ma, von Loungemusik untermalt. Stu­den­ten sit­zen um den gro­ßen Holz­tisch herum, ma­chen Pick­nick und haben Hefte und Mac auf­ge­schla­gen, Diagramme flackern auf den Bildschirmen. 

Die Kundschaft entspricht hier der Marke BWL und Design Student zwischen 20 und 30, ein bisschen modisch, manchmal arty gekleidet, aber nicht zu viel. Zugeknöpfte Hemden und Hornbrillen erinnern an das Berlin vor fünf Jahren und passen sich an ihre Umgebung an: graue Loungemöbel, helle Holztische im Kontrast zu dunklen Ikeaablagen, ein paar Pflanzen am Fenster und sogenannte Vintage-Accessoires im ganzen Raum verteilt. An der Wand: Neon auf Leinwand zum Verkaufen und die obligatorische Uhr, die nicht mehr funktioniert.

Die Zeit vergisst man hier nämlich schnell. Man ist ja zum Arbeiten hergekommen und das wird einem so komfortabel wie möglich gemacht – das ist schön. Schade aber, dass das Lokal mit etwas wirbt, das es gar nicht hat: Andersartigkeit. Außer dem Zahlsystem ist hier nichts innovativ. Kaum jemand liest oder bedient sich an dem karg gefüllten Bücherregal, Gesellschaftsspielende wirken hier als Menschen, die sonst nichts anderes zu tun haben. Die Gespräche kreisen um das Druckerpapier, das ausgegangen ist oder um den geliehenen Filzmarker – nicht mehr, nicht weniger.

"Man kann die Leute nicht zum Reden zwingen", sagt einer der Gründer. Das stimmt. Aber man kann eine Atmosphäre schaffen, in der sich der Besucher wirklich zuhause fühlt und dann mit anderen in Kontakt kommt - an einem Ort, der nicht automatisch mit Arbeiten verbunden wird. Das Konzept ist sicher rentabel, hält aber nicht das, was es verspricht. Ein Ort für Arbeitsplatzlose und Freelancer, nicht aber für Leute, die von der angekündigten Innovation wirklich was erwarten. Und kein neues Café Flore.

AntiCafé, 79 rue Quincampoix, 3e. Montag bis Freitag von 9 bis 23 Uhr. Samstags und sonntags von 10 bis 24 Uhr. +33 (0)1 73 73 10 74