Mehr als Gurkenkrümmung und Olivenkännchen?

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2014

Wirtschaftlicher Aufschwung, Wohlstand und Arbeitsplätze – lange Zeit spielten diese Argumente eine große Rolle für die Legitimation der Europäischen Union. Die Euro-Krise hat die Assoziation der EU mit wirtschaftlichen Vorteilen zerbröseln  lassen. Wie soll es weitergehen mit der Idee des geeinten Europas? „A New Narrative for Europe“ soll dieser Frage nachgehen.

Das Narrativ der EU als Wirtschaftsmacht scheint gebrochen. Es ist kein unangefochtenes Argument mehr, dass es uns besser geht, wenn wir in der EU sind. Immer wieder wird der Nutzen der Union in Frage gestellt. Möchte Europa seine Legitimität stärken, muss ein neues Narrativ her - ein Grund, warum es sich lohnt, an der Idee eines geeinten Europas festzuhalten und nicht bei jedem Problem sofort die gesamte Europäische Union als solche in Frage zu stellen.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso sucht nach einer solchen Lösung. Diese soll von den Bürgern – vor allem Künstlern und jungen Menschen - im Rahmen des Projekts „A New Narrative for Europe“ erarbeitet werden. Am 21. Jänner fand die Veranstaltung dazu in Wien statt. Schüler, Studenten und Künstler diskutierten in Kleingruppen über neue Ideen für Europa und präsentierten diese anschließend im Plenum. Auch in den anderen Mitgliedsstaaten wird in ähnlichen Diskussionen nach neuen Leitmotiven für Europa gesucht.

Europa à la House of Cards?

Nach der Diskussion am Vormittag stehen alle Teilnehmer beim Mittagsbuffet in den Veranstaltungsräumen im Wiener MuseumsQuartier. Gut gelaunt wird über die Ergebnisse des Vormittags geplaudert. Dass in einer Woche Prüfungen an der Universität anstehen, hat die Studenten nicht davon abgehalten zu kommen. „Europa ist in der Krise und vieles läuft falsch. Aber man sollte sich nicht beschweren, wenn man nicht versucht, sich einzubringen. Deshalb bin ich heute hier“, sagt Stefan Schobesberger, der in Linz Jus studiert.

Doch wie kann den Menschen die europäische Identität nun näher gebracht werden? Mit trockenen Fakten kann kein Vertrauen hergestellt werden, da sind sich alle einig. Eine Idee ist, europäische Telenovelas, Filme und Comics zu gestalten. Keine Diskussionssendungen oder Dokumentationen auf hohem Niveau, sondern unterhaltsame Sendungen, die den Alltag von Europäern zeigen und den Leuten die europäischen Institutionen näher bringen.

Der Sündenbock EU

Eine zentrale Forderung ist auch die Ausweitung von Programmen wie Erasmus. Nicht nur Studenten soll der Auslandsaufenthalt in anderen europäischen Ländern schmackhaft gemacht werden, sondern auch Lehrlingen und Schülern. „Ich war im Gymnasium eher EU-Gegner. Dann bin ich aber über das European Youth Parliament mit vielen Leuten aus anderen Ländern zusammengekommen. Ich hab gesehen, dass die dieselben Probleme haben und habe viel Positives an der EU erkannt“, sagt Patrick Bruschek, IBWL Student an der WU Wien. Er meint weiter, man müsste Jugendorganisationen verstärkt fördern, die den Austausch mit anderen europäischen Ländern möglich machen.  Auch gratis Studienreisen zählt er dazu.

Durch Austauschprogramme soll neben der Vernetzung mit anderen Europäern auch das Interesse für die Institutionen geweckt werden. Denn kaum jemand weiß so richtig, wie die EU organisiert ist. „Die Leute zeigen mit dem Finger nach Brüssel. Als Erklärung für die Ursache von allen Problemen. Sie zeigen da auf eine Entität, die es eigentlich gar nicht gibt. Dass etwa im Europäischen Rat ihre Staatschefs den Ton angeben, wissen die meisten nicht“, sagt Stefan Windberger. Nur negative Beispiele seien bekannt. Etwa, dass die Gurken nicht gekrümmt sein dürfen und dass Olivenöl-Kännchen nicht offen in Restaurants stehen durften.  Die vielen positiven Errungenschaften der EU werden da gerne vergessen. Diese fangen an bei der gemeinsamen Währung, die mühsames Geldwechseln erspart, gehen über Wasserqualitätsstandards in allen Mitgliedsstaaten bis hin zu genormten Handyladekabeln und Netzsteckern.

Emotionen der Europäer

Doch was stiftet nun eine europäische Identität? Gemeinsame Sportteams? Das Spielen der EU-Hymne vor nationalen Hymnen bei Großveranstaltungen? Jedenfalls soll schon frühzeitig mit dem Kennenlernen von Europa begonnen werden. Schriftstellerin und Malerin Julia Rabinowich meint, dass schon im Kindergarten ein erster Kontakt mit Englisch hergestellt werden soll. Denn der Abbau von Sprachbarrieren sei ganz wichtig, damit das Gefühl einer gemeinsamen Identität entstehen kann. Auch das schon frühe, spielerische Kennenlernen der EU soll gefördert werden.

Die Ergebnisse der Diskussionen werden im Anschluss an Barroso weitergeleitet. Eine neue Narrative für Europa – Identität. Emotion. Begeisterung. Das fehlt, sagen die Teilnehmer. Und jetzt?