Mehr als Amélie: Die Wanderlust des Yann Tiersen

Artikel veröffentlicht am 29. August 2012
Artikel veröffentlicht am 29. August 2012
Jeder kennt seine Songs vom Soundtrack zu Die fabelhafte Welt der Amélie. Aber kaum einer weiß, was er wirklich macht. Dabei hat Yann Tiersen seit dieser Erfolgsstory kaum Pause gemacht. Letztes Jahr ist sein neues Album bei Mute Records erschienen.
Zwischen den Tourneen, seiner Arbeit an Projekten in den USA, Ouessant und Paris, treffen wir ihn in seinem Pariser Nest, wo er von seiner Musik, der Bretagne, Europa und seiner musikalischen Wanderlust erzählt.

Eine helle Holztreppe führt in einen luftigen Raum, wo hunderte von Schallplatten die Wand verzieren. Ein großer einfarbiger Hund, Voltaire, bereitet mir einen herzlichen Empfang. "Ich wohne hier seit 2003", erzählt Yann Tiersen und schenkt mir eine Tasse Kaffee ein. Barfüßig in seinem Reich, eine Zigarette im Mund, durchquert er den Raum, um eine LP aufzulegen. Auf der Terrasse, wo ich Platz nehme, sehe ich ein Paar Inliner liegen. "Ich habe zwei Kinder. Das ist auch der Grund, warum ich die Hälfte des Jahres hier in Paris bleibe", verrät er, während die isländische Gruppe Múm den Raum erfüllt.

Wanderlust

Den Rest der Zeit verbringt der Bretone zwischen Touren und Ouessant, "zuhause", wie er sagt, eine kleine Insel auf der anderen Seite des Finistères, wo er in trauter Einsamkeit an seinen Alben bastelt. Seine leicht zerzausten Haare und der hervorblitzende Ohrring erinnern an einen Seemann. Der Typ Mensch, der überall in der Welt zuhause ist und bei jeder Rückkehr seine Heimat neu schätzen lernt.

AlbumcoverDer Musiker kommt gerade von einer Tournee in Island und den Vereinigten Staaten Amerikas zurück, wo er "zur Zeit am meisten unterwegs ist. Das war schon die vierte Tournee in Nordamerika innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre". Dort präsentiert er vor allem seine beiden letzten Platten, Dust Lane und Skyline, die hypnotischer und mehr "post-Rock" als die Vorgänger sind. Das Publikum ist empfänglicher für seine neuen Platten. Das ist leider weniger der Fall in Frankreich, wo man ihn meistens nur mit der Filmmusik zu Die fabelhafte Welt der Amélie in Verbindung bringt. "Das ist das Problem hier. Anderswo sind die Leute offener. Es ärgert mich zwar, aber ich weiß nicht warum. Frankreich ist kein Land mit einer besonders tiefgreifenden Musikkultur. Das ist in der Bretagne anders. Für mich ist die Bretagne ein "normales Land", in dem es eine bedeutendere musikalische Tradition gibt, wie auch im Rest Europas."

Zeitgenössischer Poet

Französisches Pop-Genre in den 60ernYann Tiersen glaubt nicht, dass er jetzt stärkere Rock- oder Elektro-Tendenzen in seiner Musik habe. "Ich habe mich in meinen Alben gemächlich weiterentwickelt. Aber von Elektro kann man da wirklich nicht sprechen. Wir haben zwar ein Elektro-Projekt, aber es gibt noch kein Album dazu." Das Projekt heißt Elektronische Staubband, was schlicht und einfach die deutsche Übersetzung von 'Dust Lane' ist. "Als wir letztes Jahr von der Tournee zurückgekommen sind, hat uns ein italienischer Promoter angeboten, die beiden letzten Platten neu aufzunehmen, als Elektro-Version. Er wusste, dass wir uns ein bisschen in diesem Bereich bewegen und so kam es, dass wir die Gruppe gegründet haben."

In Brest geboren, hat Yann Tiersen bis zu seinem 22. Lebensjahr in Rennes gelebt. Er ist Autodidakt, hat nicht studiert. Das Gitarrespielen hat er sich in Rockbands angeeignet. "Ich habe alleine angefangen Musik zu machen und ich habe wahnsinnig viel mit Samplern gearbeitet." Irgendwann hatte es Tiersen dann aber satt, stundenlang vor den Maschinen zu sitzen. "Dann bin ich zu den akustischen Instrumenten zurückgegangen. Die Idee, Dinge zu samplen, habe ich beibehalten, nur habe ich das dann live mit einem Mikrofon gemacht, eigentlich in Umkehrung des Prozesses." Für ihn sind Instrumente vor allem "Werkzeuge". Er betrachtet sie als "Dinge, die Töne produzieren. Diese Dinge können alles Mögliche sein."

In der Ferne Frankreichs

Auf seinen letzten Alben widmet sich Yann Tiersen der Sprache Shakespeares. Er findet sie offener und einfacher. "Sie kann viele Dinge anklingen lassen und sie ist präziser, weil sie viel mehr Wörter bereithält. Ich finde, dass die französische Sprache zu analytisch ist und sich nicht so gut für die Musik anbietet. Natürlich gibt es auch tolle Projekte innerhalb der französischen Chanson-Kultur. Aber ich höre selbst zu wenig davon. Je mehr ich herumreise, umso weniger fühle ich mich an Frankreich gebunden." Yann findet auch, dass Frankreich zu sehr auf sich selbst und auf einer künstlichen Frankophonie zentriert ist, "dabei hat das Land einen unheimlichen Reichtum und eine riesige Vielfalt zu bieten. Aber diese Art, die französische Sprache in der Musik zu verteidigen ist kontra-produktiv. Man tötet die Kulturen unter dem Vorwand, man wolle keinen Kommunitarismus."

Anders ist das hingegen in der Bretagne, wo die lokale Sprache älter als die französische und die Kultur weltoffener ist, so Tiersens Beobachtung. Er selbst identifiziert sich zwar weder mit dem traditionalistischen noch mit dem unabhängigen Lager, aber seiner Meinung nach "leugnet Frankreich total seine Kulturen, wie etwa die baskische oder die korsische Kultur. Dabei ist das die wirtschaftliche Zukunft. Egal von welchem Blickwinkel aus man das betrachtet, ob man nun gegen die Globalisierung oder voll dem europäischen Wirtschaftsmodell verhaftet ist, die Zukunft liegt in diesen wirtschaftlichen und kulturellen Einheiten, die viel mehr innerhalb Europas liegen als innerhalb der Großnationen."

Yann Tiersens letzte Platten spiegeln diese Entdeckung der Welt wieder und präsentieren Reiseimpressionen, fernab des franko-französischen Chauvinismus. Seine Musik mit analytischen Begriffen zu beschreiben würde nichts taugen: Man muss sie hören und sich ganz einfach mitnehmen lassen.

Illustrationen: ©Natalie Curtis; Im Text (cc)mairaeiou/flickr, ©courtoisie du label Mute ; Videos (cc)themutechannel/YouTube