Megaupload, FBI, Anonymous: Netz-Krieg ums Urheberrecht

Artikel veröffentlicht am 1. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 1. Februar 2012
Nach einem Rundumschlag der amerikanischen Justiz wurde die Internet-Plattform Megaupload geschlossen. Urheberrechtsstreit? Dritter Weltkrieg? Es gibt mehrere Interpretationen. Einige davon stellt ein Babelianer hier vor.

Seit Mitte Januar 2012 weiß die Netzgemeinde nicht, ob sie staunen oder toben soll: Megaupload ist „down“! (Für diejenigen, die auf einem anderen Stern geboren sind und heute zum ersten Mal im Internet surfen: Megaupload ist die populärste Plattform zum Austausch von Datensätzen im Internet, insbesondere durch ihr Streaming-Angebot über Megavideo.)

Das plötzliche Verschwinden einer der meistfrequentierten Seiten im Netz geht auf die umfangreichen rechtlichen Schritte zurück, die das FBI und das amerikanische Justizministerium gegen das Megaupload-Imperium eingeleitet haben. Parallel dazu sind sieben Schlüsselfiguren der Internet-Plattform unter Beobachtung gestellt. Der Gründer der Seite, der Deutsche Kim Schmitz (alias Kim Dotcom), wurde mit zwei Mitarbeitern in Neuseeland verhaftet. Die Anklage lautet folgendermaßen: Die Megauploader hätten ein System aufgebaut, mit dem sich enormer Profit aus der Netz-Piraterie ziehen ließe. Ihnen drohen nun Gefängnisstrafen von bis zu sechzig Jahren.

Das brutale Vorgehen gegen eine so populäre wie kontroverse Plattform hat sofort den Zorn der Internet-Watchdogs Anonymous angestachelt, einer dezentralen Gruppe von Hackern, die für Freiheit und Anonymität im Internet kämpft. Nach der Schließung der Megaupload-Plattform konnte ich nur noch das Ausmaß des Schadens feststellen: Das Forum IRC, auf dem die 'Piraten' ihre Rachefeldzüge koordinieren, ist in vollem Aufruhr. In nur wenigen Stunden waren dutzende von Seiten nicht mehr zugänglich: So zum Beispiel die Internetseite des FBI, des amerikanischen Justizministeriums sowie Webauftritte von Urheberrechts-Organisationen der amerikanischen Musik- und Kinoindustrie.

Vom guten Umgang mit der Piraterei 

Was ist von all dem zu halten? Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich dem Problem zu stellen. Es gibt die einfache Methode - medienwirksam, effizient, polarisierend. Sie besteht darin, zu behaupten, dass gestern der Dritte Weltkrieg im Internet ausgebrochen ist. Und sie grenzt zwei klare Fronten ab: Auf der einen Seite die Internetnutzer, freiheitssüchtig und verliebt in die freie Verteilung aller Güter. Auf der anderen Seite die Unternehmen und ihre bewaffnete Vorhut, die Regierungen, die sich darum bemühen, die Anonymität zu begrenzen, in der sie eine gefährliche Gegenmacht und eine Bedrohung für die Kulturindustrie erkennen. Aber es gibt noch eine andere Realität, sie ist komplexer und weniger sexy: Wir sind Zeugen eines Kampfes zwischen Firmen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen – die amerikanische Kulturindustrie und Megaupload. Beide üben Druck auf den Gesetzgeber aus und auf die Justiz, um Recht zu bekommen. Die Fragen des Copyright und der Finanzierung kultureller Werke sind nämlich seit der Verbreitung des Internets um einiges komplexer geworden. Wer sich näher dafür interessiert, dem sei das hervorragende Buch von Florent LatriveDu bon usage de la piraterie: cultures libres, sciences ouvertes empfohlen [dt. Übersetzung: 'Vom guten Umgang mit der Piraterie: freie Kultur und offene Wissenschaft'].

Am meisten stören im Grunde die Kampfmethoden. Wie hat die amerikanische Justiz so leicht eine Internetseite blockieren können, die nicht in den Vereinigten Staaten beheimatet ist, sondern in Hongkong? Ganz einfach: Indem die Institution, die sich um die Verwaltung und die Vergabe von Domainnamen kümmert, eine amerikanische ist. Weil sie die Seite an ihrer Wurzel packen kann, an ihrer Adresse, verhindert sie, dass Internetnutzer aus der ganzen Welt auf die Seite zugreifen können. All dies findet statt, während für die Besitzer von Megauploud die Unschuldsvermutung gelten muss – denn Beweise für ihre Schuld wurden noch nicht erbracht. Am Tag nach der weltweiten Mobilisierung gegen SOPA und PIPA, zwei amerikanische Projekte, die man als freiheitsbedrohend bezeichnen kann, weil sie dabei helfen, mutmaßliche Piraten-Seiten zu blockieren, bewies Amerika lautstark, dass es keiner neuen Gesetzte bedarf, um im Netz die Zähne zu zeigen.

Illustrationen: (cc)Ricard Clupés/flickr; Videos: Magaupload Song (cc)misterangelalonso/YouTube (cc)Barbier(cc) GeekoLife/YouTube