Meet My Hood: Reiherstieg, Hamburg

Artikel veröffentlicht am 30. März 2016
Artikel veröffentlicht am 30. März 2016

Eine Mixtur aus Arbeiter-, Studenten-, Szene- und Migrantenviertel - geht das denn überhaupt?! Das Reiherstieg-Viertel in Hamburg-Wilhelmsburg scheint diesen Spagat tatsächlich hinzukriegen. Wie lebt es sich in einem Stadtteil, der so schwer einzuordnen ist und dessen Zukunft niemand prophezeien kann? Entdeckungstour.

„Ah, Wilhelmsburg! Das ist der Stadtteil, der sich seit Jahren widersetzt, das neue Szeneviertel zu werden“, war der erste Kommentar von einem befreundeten Wahl-Hamburger, als ich ihm erzählte, dass ich dort hinziehen werde. Obwohl meine erste Reaktion schallendes Gelächter war, muss ich inzwischen eingestehen, einen ähnlichen Eindruck zu haben. Zumindest ist es einer der vielen.

Wilhelmsburg, mit dem Reiherstieg-Viertel im Westen, das war mal ein Stadtteil, in dem vor allem Hafenarbeiter angesiedelt waren. Durch die billigen Mieten wurden auch andere Gruppen wie Migranten und Studenten angezogen. Ein bisschen hat sich auch der Ruf des Ghettos erhalten - des Teils der Hansestadt mit schmuddeligen Ecken und sozialen Problemzonen. Und mancher Bewohner der „anderen Seite“ der Stadt hat gar noch nie einen Fuß auf die größte Binneninsel Deutschlands gesetzt. Bekannt ist zumindest noch die inzwischen geschlossene Soul Kitchen, die es durch den gleichnamigen Film von Fatih Akin 2009 von einer leeren Fabrikhalle zu einem Ort für alternative Kulturveranstaltungen brachte.

Vorurteile scheinen aber immer mehr Leuten egal - und der Zuwanderungstrend, durch Stadtpolitik mitgesteuert, hält an. Neben den Preisen lockt die Insel auch mit der Nähe zur Innenstadt und die gute Verkehrsanbindung. In nur etwa zehn Minuten ist der Hauptbahnhof mit der S-Bahn erreichbar und in Wilhelmsburg selber transportiert der Bus mit der Nummer 13, von den Einheimischen liebevoll „die wilde 13“ genannt, die Bewohner. Diese ist immer überfüllt und man hört auf der achterbahnartigen Fahrt selten weniger als ein Dutzend verschiedene Sprachen auf einmal - und sich gegenseitig übertönen.

Manche Bürger von der anderen Elbseite werden hier aber auch auf der Suche nach einer dörflichen Atmosphäre fündig, die als entspannter gilt als in der Großstadt „nebenan“. Andere genießen die Multi-Kulti-Stimmung mit dem bulgarischen Tante Emma-Laden neben der Dönerbude neben dem portugiesischen Spezialitätenlokal. Inzwischen mischen sich aber darunter auch schon Bioläden und die Angst vor dem G-Wort, der Gentrifizierung, treibt alteingesessenen Anwohnern und Ladenbesitzern seit ein paar Jahren Sorgenfalten auf die Stirn.

Es scheint aber, dass manche einfach nur Wilhelmsburgs Unberechenbarkeit lieben: Während ein paar Studenten einen Wohnwagen zur mobilen Sauna, der „Zunderbüchse“, umfunktionierten, bieten ehemalige Fabriken jedes Wochenende etwas Anderes für die Feierwütigen und der alte Flakbunker beherbergt heute ein exklusives Café. Bei diesem facettenreichen Gemisch, das sich in ständigem Wandel zu befinden scheint, bleibt nur eins: eintauchen und erforschen. Bald. Denn morgen sieht Wilhelmsburg vielleicht schon ganz anders aus...

Die Nachbarn

Die Preise

Die Köpfe

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Ein paar der Hotspots im Reiherstieg-Viertel

Kaffeeliebe (Café), Am Veringhof 23a

Café Pause (Café & Bar), Industriestraße 125-131

Room with a vju (Café in einem ehemaligen Flakbunker), Neuhöfer Straße 7

TurTur (Bar & Pizzeria Mai bis Oktober, Club & Bar Oktober bis Mai), Am Veringhof 13

Bäckerei Kizmet (türkische Bäckerei), Fährstraße 22

Zunderbüchse (Sauna), mobil,

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Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit auf die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.