Meet My Hood: Noailles, Marseille

Artikel veröffentlicht am 21. April 2016
Artikel veröffentlicht am 21. April 2016

Noailles ist das sechst-ärmste Viertel Frankreichs, wo täglich der berühmte Marché des Capucins stattfindet und Banden illegal Zigaretten verkaufen. Mitten im Zentrum von Marseille, wo Arm und Reich dicht beieinander liegen, befindet sich Noailles voller Licht und Schatten - ein Schmelztiegel der Kulturen.

Noailles ist verwirrend. Jeder Schritt bringt einen neuen Geruch, eine neue Farbe, einen neuen Geschmack. Sie durchmischen und vermengen sich. Minze und Basilikum, Hefe und Zimt. Für jeden Duft eine andere Kultur, ein anderer Geschmack im Mund. Der „Bauch von Marseille“ ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Küchen der Welt. Man weiß nicht mehr, wo man is(s)t.

Nur zwei Schritte vom Porto Vecchio von Marseille entfernt liegt das beliebte Viertel Noailles, eingeklemmt zwischen den Straßen La Canebière und Cours Julien. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war es ein Aristokratenviertel. Allmählich nahmen Männer und Frauen, die vor allem aus dem Maghreb und Subsahara-Afrika kamen, Besitz von dem Viertel und brachten ihre Kulturen mit. Einer nach dem Anderen zogen die Adligen aus Noailles in den Osten Marseilles. Heute ist Noailles eines der multikulturellsten Viertel der Hafenstadt. Dem letzten Zensus (2012) zufolge leben in dem Viertel fast 5000 Einwohner, von denen mehr als die Hälfte unter 29 Jahre alt ist und etwas mehr als 40% ursprünglich nicht aus Frankreich kommen.

Jeden Tag trägt der Marché des Capucins die Küchen der Welt nach Noailles. Der Markt ist fast durchgehend geöffnet: Für die Händler beginnt der Tag schon vor dem Morgengrauen, wenn ihre Waren angeliefert werden; und endet erst nach Sonnenuntergang, wenn der Markt endlich schließt. An sechs von sieben Tagen in der Woche. Hier werden Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch zu bezahlbaren Preisen verkauft, der Markt wird von allen sozialen Gruppen besucht: Studenten, Rentner, Familien kommen her, um ihre Kühlschränke zu füllen.

Preise

Wenn man die rue Longue des Capucins entlang ins Herz des Viertels geht, öffnen sich die Tore zum Orient. Wie auf einem Basar werden zwischen den Ladentischen Tauschgeschäfte verhandelt, man bietet Zigaretten an, man streitet über Preise, trinkt türkischen Chai. Die Masse der Käufer lichtet sich erst, wenn die Sonne untergeht. Orangen, Zimt, Soja, Türkisches Konfekt, Couscous, Teeblätter, Beeren und Trockenfrüchte. Wenn man in diesem Ambiente einkauft, bekommt die Geste des Kaufes - Geld gegen Nahrung - ihre alte, fast vergessene menschliche Dimension zurück. Der Journalist und Schriftsteller Jean-Claude Izzo, der auch aus Marseille stammt, schreibt in Casino Totale über eine Straße von Noailles: „Die rue d'Aubagne hinunterzugehen ist zu jeder Tageszeit wie eine Reise. Geschäfte und Restaurants folgen einander wie viele Anlaufhäfen. Italien, Griechenland, Türkei, Libanon, Madagascar, La Réunion, Thailand, Vietnam, Afrika, Marokko, Tunesien, Algerien.“ Auch wenn die Massenabfertigung der großen Ketten vielen kleinen Geschäften den Gar ausmacht, bleibt Noailles, dieses menschlich-globale Dorf, zweifellos ein Ort des Widerstands gegen den aggressiven Kapitalismus der Großkonzerne.

Stimmen des Viertels

Englische Untertitel sind unter Einstellungen (unten rechts) verfügbar.

Schmuggel im Schatten

Unter den großen Bevölkerungszentren ist Marseille eine der ärmsten Städte Frankreichs: vier der sechs ärmsten Arrondissements des Landes befinden sich in der Hafenstadt. Aber Marseille ist die einzige Stadt, in der die Armen im Zentrum wohnen. Dazu gehört Noailles, das erste Arrondissement der Stadt, wo 4 von 10 Einwohnern arbeitslos sind und viele unter der Armutsgrenze leben (Daten von INSEE, dem französischen Statistikinstitut).

Während im Sonnenlicht mit Lebensmitteln gehandelt wird, finden im Schatten und an Straßenecken vorsichtigere Austausche statt. Die Kreuzungen werden ständig von Fahrradpolizisten überwacht und wer aufmerksam nach oben sieht, kann die Überwachungskameras entdecken, die die Stadt angebracht hat, um illegale Aktivitäten zu beobachten. Aber viel ändert das nicht. Zwischen einem Kauf und dem nächsten werden einem oft die bekanntesten Tabak- und Zigarettenmarken ins Ohr gewispert. Die Einwohner sprechen von richtigen organisierten Banden von Schmugglern und Dealern, die seit Jahren im Viertel sind, ohne dass die Polizei irgendetwas ausrichten könnte.

Gesichter

Auch Noailles kennt Gentrifizierung

Noailles wird oft mit Problemen der Unsicherheit, Krankheit, Armut in Verbindung gebracht und ist daher ein Kandidat für die Aufwertung der Stadt. Das Viertel ist eines der 35 Gebiete in Marseille, die die Behörden für die Realisierung eines riesigen Erneuerungsprojekts für das Stadtzentrum prüfen: Grand Centre Ville. In anderen Worten: Gentrifizierung. Dieses Phänomen, bei dem die alteingesessenen Bewohner der beliebten Viertel entwurzelt und ihre Wohnungen von reicheren Städtern kolonisiert werden. In Marseille drängen die öffentlichen Einrichtungen in diese Richtung, während die Einwohner Widerstand leisten. Allerdings können sie die Notwendigkeit von Restrukturierungsmaßnahmen für einige als ungesund eingestufte Gebäude nicht leugnen.

Die Vereine des Viertels knüpfen an diese Themen an. Komitees und Kollektive arbeiten an den Schwachstellen des „Bauchs von Marseille“ und bemühen sich, Noailles von innen heraus zu verändern. Sie wollen dabei das Gleichgewicht des Viertels respektieren und seine interkulturelle Seele beibehalten. „Noailles muss bleiben, wie es ist, das Gleichgewicht der Stadt hängt daran“, erläutert ein Einwohner.

Die Straßen

Adressen

Marché des Capucins rue du Marché des Capucins. Montag-Samstag, 8:00–19:00.

Café Prinder rue du Marché des Capucins 1. Hier gibt es den besten Pfefferminztee des Viertels.

Pizzeria du Marché rue des Feuillants 22. Rashida begrüßt dich mit ihrem schönsten Lächeln.

Destination Familles rue d'Aubagne 43. Ein Verein für Bildung und Kindheit.

Recyclodrome rue d'Aubagne 47. Secondhandladen für Kleidung und Einrichtung. Jeden Mittwoch 10:00–19:00 geöffnet (am ersten und dritten Mittwoch des Monats nur 10:00–17:30).

Théatre Mazenod rue d'Aubagne 88. 1934 gegründet, ist es eins der ältesten Theater Marseilles. Aufführungen und Theaterkurse.

Torrefaction Noailles boulevars St. Jean 68. Hier findet man den besten Kaffee des Viertels.

Collectif vélos en Ville rue Moustier 24. Ein Verein, der die Bürger für den Nutzen von Fahrrädern in der Stadt sensibilisieren möchte. Solidarische Fahrradwerkstätten. Montag-Freitag, 16:00-21:00, Samstag 11:00-19:30.

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Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts Meet My Hood, das euch mit in die Kieze der europäischen Metropolen nimmt.