Medientransparenz ade? Litauens korrupter Presseklüngel

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2007

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Medien und Business gehen seit der Finanzkrise Ende der 90er Jahr in Litauen Hand in Hand. Monopolistische Verhältnisse und Medienmogule beherrschen den lokalen Markt. Politik und Wirtschaft bezahlen für gute Berichterstattung. Systemkritiker werden öffentlich diffamiert.

(Foto: ©Marta Palacín)

"Auf diesem Bild sehe ich aus wie Putin." Rytis Juozapaviius sitzt in seinem Dachgeschoss-Büro in der renovierten Altstadt von Vilnius und zeigt auf sein Foto, das die Titelseite der überregionalen Boulevardzeitung Respublika schmückt. Er lacht und scheint gleichzeitig empört. Der Chef der litauischen Abteilung von Transparency International, der weltweit agierenden Antikorruptionsorganisation, kennt die Taktiken der Boulevardpresse Litauens genau. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie aufzudecken und zu benennen.

In puncto Pressefreiheit mischt Litauen im internationalen Vergleich mittlerweile zwar in den ersten Rängen mit. Laut der diesjährigen Studie von ‚Reporter ohne Grenzen’ belegt das Land noch vor Großbritannien, Frankreich oder Italien Platz 23 (von 169 Ländern). Tendenz steigend. Das Problem der litauischen Printmedien ist jedoch ein anderes: "Schwammige Sprache ist das Schlüsselwort für litauischen Journalismus", so Rytis Juozapaviius. "Statt Fakten zu sammeln, denken sich die Autoren einfach etwas aus. Es gibt einige Zeitungen, die wirklich brutal vorgehen. Leute haben Angst davor, von ihnen öffentlich an den Pranger gestellt zu werden." Rytis Juozapaviius selbst ist schon öfter ins Visier der Skandalpresse geraten. "Sie hassen mich", sagt er und vergleicht die Journalisten der einschlägigen Medien samt ihrer giftspritzenden Artikel mit Auftragsmördern" - allerdings keine, von denen er sich von seiner Aufgabe abhalten lassen würde: "Glücklicherweise sind die Killer, die sie schicken schlecht", witzelt er.

Der Investor als Chefredakteur

Das Leben von Journalisten ist in Litauen nicht bedroht, wohl aber ihr Berufsethos. Laut einer Umfrage der Meinungsforscher von TNS Gallup (Sommer 2007) sind die meistgelesenen Zeitungen des Landes die Skandalblätter Lietvos Rytas, Vakaro Zinios, die Gratiszeitung 15 Minutes und Respublika. Zusammen erreichen sie mit ihren vorgefertigten Meinungen 57,9 Prozent der litauischen Leserschaft.

Schon die innere Organisationsstruktur der Zeitungen spricht gegen Meinungsvielfalt, denn der Redaktionsleiter ist 'Allumfasser'. "Alle drei Zeitungen zeigen diese interessante Eigenheit: Es gibt keine strikte Trennung zwischen Besitzer und Redaktion", erzählt Juozapaviius. So ist der Eigentümer der Publikationen Respublika und Vakaro Zinios, Vitas Tomkaus, auch deren Chefredakteur. Der Investor Gedvydas Vainauskas legt seinerseits den Inhalt seiner Blätter Lietuvos Rytas und 15 Minutes fest. Wirtschaft und Medien gehen in Litauen Hand in Hand.

Die Medienlandschaft wird von lokalen Geschäftsmännern beherrscht. Anders als internationale Holdings, die in die litauischen Presselandschaft investieren, mischen Tomkas und Vainauskas in Politik und Wirtschaft kräftig mit. Ihre große Reichweite gibt ihnen eine wirtschaftliche Macht, mit der sie etwa den Anzeigenmarkt kontrollieren. Dadurch graben die Boulevardgiganten zum einen kleineren, unabhängigen Publikationen das Wasser ab. Zum anderen haben sie die Wirtschaft in der Hand, die sie mit 'Quasi-Schutzgeldern' erpressen. Denn positive Berichterstattung über Unternehmen lässt sich das Medienbusiness mit Anzeigenaufträgen bezahlen.

Geld für gute Publicity

Im Gegenzug vermeiden die Meinungsmacher negative Schlagzeilen. Der Chefredakteur der Wirtschaftsabteilung der Nachrichtenagentur Baltic News Service, Artras Raask, benennt die Affäre um den vergifteten Reis aus Indien, der im Februar dieses Jahres in der größten Supermarktkette Litauens, Maxima, im Angebot war. "BNS hat darüber mehrmals berichtet, aber die litauischen Medien haben nicht reagiert." Raask wirkt ruhig, keinesfalls abgeklärt. Das ausbleibende Medienecho hat ihn jedoch nicht erstaunt: Die VP Gruppe, zu der auch Maxima gehört, hat die Medien aufgrund ihrer Anzeigenvolumen in der Hand.

Eine Umfrage von Transparency International unter 500 Geschäftsleuten in Litauen, die im Juni 2007 veröffentlicht wurde, brachte zum medialen Geschäftsgebaren die eindeutigen Zahlen: Etwa 80 Prozent der Befragten aus unterschiedlichen Wirtschaftsunternehmen halten die Medien für korrupt, 35 Prozent hatten ein Angebot erhalten, gute Presse durch Anzeigenschaltung zu kaufen. Und 12 Prozent gaben zu, Geld für gute Publicity gezahlt zu haben.

Ein perfektes Image in der Presse lässt sich aber nicht nur die Wirtschaft etwas kosten. Auch die Politik steckt tief drin im Geschäft mit der versteckten Werbung. "Die Regierung kauft Platz in den Medien und veröffentlichte dort Artikel, die in den Ministerien verfasst wurden", berichtet der renommierte PR-Experte Artras Jonkus, während ein eifriger Kellner fast lautlos Tee auf einem gläsernen Couchtisch in einer Vilniusser Hotellobby serviert. Jonkus hat bis zur Auflösung des russischen Erdölkonzerns Yukos dessen PR in Litauen verantwortet. Heute leitet er eine eigene Consulting-Firma. Die ministeriellen PR-Texte würden nicht als Werbung gekennzeichnet. So habe, laut Jonkus, etwa das Landwirtschaftsministerium in der ersten Hälfte des Jahres 2007 500.000 Litas (knapp 145.000 Euro) in diese Art des Marketings investiert.

Hoffnungsträger Internet

Viele unabhängige Journalisten sehen die Zukunft ihrer Zunft im Internet. Die Redaktion von delfi.lt, eines der ersten und wichtigsten Online-Nachrichtenportale in Litauen, befindet sich in einem modernen Büro mit spektakulärer Aussicht über Vilnius. Laut Chefredakteurin Monika Garbaiauskait lägen die Vorteile des Internets darin, dass Onlinemagazine und Weblogs neue Informationskanäle eröffneten und mit ihrer Möglichkeit Artikel zu kommentieren zum direkten Meinungsaustausch aufforderten. Auch sind sie bisher nicht von Werbung abhängig, denn nur etwa 8 Prozent der jährlich 400 Millionen Litas (115 Millionen Euro) werden für Anzeigen ausgegeben. Delfi.lt wird von einem ausländischen Investor, der estnischen Mediengruppe Ekspress, finanziert, die keinen direkten Einfluss auf die redaktionelle Linie des Portals nimmt.

In Litauen ist somit die kritische Öffentlichkeit gefragt. Sie hatte sich schon einmal vehement gegen die Vereinnahmung ihrer Medien gewehrt: Im Januar 1991, während der friedlichen Unabhängigkeitsbestrebungen, versuchte die sowjetische Armee den Fernsehturm in der Hauptstadt zu besetzen. Und scheiterte am Willen der Litauer.

Sehen Sie die Live-Debatte zum Thema „Medientransparenz in Litauen“

Fotos: ©Marta Palacín; ©Jorden van der Ven; ©Lena Meier)