Medienkritik: Wer wird Europas nächster Buhmann?

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2016

[KOMMENTAR] Feindbilder in den Medien erleben gerade ein glorreiches Comeback. Existiert haben sie natürlich immer, aber beim genaueren Blick auf die Medien wird im Stundentakt ein neuer Feind erschaffen. Wer wird Europas Next Buhmann?

Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr eure engsten Freunde kennengelernt habt? Mal abgesehen vom Standort der ersten Begegnung oder dem nervigen ersten Small-Talk... wie wurde das Eis zwischen euch gebrochen? Zum größten Teil wahrscheinlich durchs Lästern. „Der Professor macht alle nur zur Sau“, „Der Chef ist echt das Letzte“- durch solche Parolen wurden die ersten gemeinsamen „Feinde“ identifiziert und eine neue, starke Front gebildet. Freundschaft via Echauffieren.

So erleben auch Feindbilder in den Medien gerade ein glorreiches Comeback. Existiert haben sie natürlich immer, aber beim genaueren Blick auf die Medienlandschaft wird im Stundentakt ein neuer Feind erschaffen.

Die beliebtesten Buhmänner kommen meist aus sogenannten „Schurkenstaaten“, nota bene aus Ost- und Südosteuropa. Das allgemein negative Bild dieser Staaten wurde vom slowenischen Philosophen und Kulturkritiker Slavoj Zizek folgendermaßen beschrieben: „Westliche Klischees, welche die osteuropäischen post-kommunistischen Staaten als debile, arme Vettern sehen, die nur zurück in die Familie aufgenommen werden, wenn sie sich ordentlich benehmen.“

Unsere Medien konzentrieren sich darauf, dass die Menschen in diesen Schurkenstaaten nur Leid, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit kennen. Darüber hinaus wissen wir nicht viel über diese Länder und ihre wahrlichen Umstände. Wenn man es wagt, deren Sichtweise besser kennenlernen zu wollen, wird man gleich abgestempelt, aber nicht wie früher als „rote Socke“ oder „Sozi“. Nein, nun wird man als „Versteher“ eingestuft.

Ich verstehe nicht, warum man nicht verstehen darf

Eine ironische Entwicklung, wenn man bedenkt, dass das Verstehen doch eigentlich eine positive Eigenschaft sein sollte. Sich in die andere Person einzufühlen kann sehr aufschlussreich sein, somit kann die Wurzel eines Problems besser nachvollzogen oder identifiziert werden; man bemüht sich um eine neutrale Position. Mann wird irgendwo nicht selbst zum Buhmann, der jede Gegenposition kategorisch ausschließt.

Nun ist es ein Schimpfwort, denn im Volksmund wird somit automatisch angenommen, dass man durch das Verstehen-Lernen eines gegebenen Systems einen Akteur sofort akzeptiert. Hier liegt die gefährliche Diskrepanz, die man anscheinend aus den Augen verloren hat. In dem Schweizer konservativen Politmagazin Die Weltwoche erschien einmal ein Kommentar, dass die Umstände des neuen Schimpfwortes gut beschrieb: „Seit wann ist das Nichtverstehen eine intellektuelle Tugend? Was sonst ist die Aufgabe der schreibenden und denkenden Zunft, als die Welt zu verstehen und sie zu erklären?“ Der Autor schrieb weiter: „So viel Weltoffenheit ist offenbar nicht erlaubt“ und „Ich verstehe nicht, warum man nicht verstehen darf.“

Es scheint, als wären wir somit erfolgreich an den Punkt angelangt, an dem wir eher den akribisch-kreierten und regelrecht gepflegten Klischees mehr Glauben schenken als den eigentlichen Tatsachen. Symbolik hat mittlerweile Fakten übertroffen. Wenn sich unsereiner dennoch die Arbeit macht, nicht einfach das geschriebene Wort unüberlegt als unsere Meinung anzunehmen und individuelle Recherche zu einem Thema macht, wird dies auch eher nicht geschätzt. Wenn sich nämlich herausstellt, dass beispielsweise die Deutschen nicht den Griechen im Alleingang das schöne Leben finanzieren oder dass in Osteuropa nicht nur korrupte Menschen leben, dann merkt man erst, dass der Akt der Propaganda auf beiden Seiten seine volle Blüte genießt.

Mancheiner wird vielleicht die Situation wiedererkennen, in der er seinem Gegenüber nun alle Argumente widerlegt, ihn über die wirklichen Gegebenheiten bis ins kleinste Detail aufgeklärt hat und man sich schon fast damit zufrieden geben kann, dem Anderen endlich „die Wahrheit“ klar gemacht zu haben. Dennoch kommt am Ende der Dolchstoß; „Na ja, aber korrupt/verrückt/gierig/faul/gefährlich sind die trotzdem.“ Oder es kommt die kleine Nachsicht „aber warum wird das dann hier nicht berichtet? Das kann doch nicht sein.“ Die Fakten wurden somit unter den Teppich gekehrt, man lehnt sich an die vertraute Unwahrheit. Denn wenn man anfangen würde, nun alles zu hinterfragen, wo kämen wir denn dann hin? Ist es also eine Frage der reinen Denkfaulheit?

Glücklicherweise werden Menschen langsam hellhöriger. Die Medien werden vermehrt unter die Lupe genommen, als „Lügenpresse“ beschimpft und angezweifelt. Gut so, obwohl man den Medien nicht die ganze Schuld in die Schuhe schieben darf. Durch die rasante moderne Kommunikation leidet der Qualitätsjournalismus, alles muss schnell sein aber nicht unbedingt gründlich recherchiert. Es ist im Grunde genommen ein Paradox, dass uns das Zeitalter der endlosen Möglichkeiten nicht unbedingt zu mehr Weisheit führt, sondern eher zu mehr Kurzzeitwissen und Likes.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Spezialreihe EAST SIDE STORIES, die zu einer größeren Vielfalt an Standpunkten in den europäischen Medien beitragen soll.