M**Bun, Eataly, GROM: Turin setzt in Krisenzeiten auf Bio

Artikel veröffentlicht am 17. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 17. Dezember 2009
Gutes Essen kann die Umwelt, die Wirtschaft und das örtliche Kulturerbe schützen - so Slow Food Movement, eine gemeinnützige Organisation für Ernährungspädagogik, die 1989 von dem italienischen Schriftsteller Carlo Petrini gegründet wurde. Seine appetitliche Prämisse ist der Kampf gegen Assimilierungseffekte durch die Stärkung regionaler und biologischer Produkte.
In ihrem Manifest ist dies als „das Recht auf Genuss“ verankert. Und dieses Recht wird in Turin energisch wahrgenommen.

Mitbegründer Francesco Bianco ist besonders stolz auf M**Buns Tatar, welches ausschließlich aus qualitativ hochwertigstem Fleisch hergestellt wird. Alle Zutaten stammen von örtlichen Bauernhöfen und preisgekrönten Metzgereien, die seinem Geschäftspartner Gaetano Scaglia gehören. Die Hamburgerbude - „MacBun“ ausgesprochen, aber verschlüsselt geschrieben, um rechtliche Probleme mit McDonalds zu vermeiden - wurde im September 2009 eröffnet. Trotz der Finanzkrise scheint sie außerordentlich gewinnträchtig zu sein. „Abends stehen die Leute bis um den Häuserblock Schlange“, fügt Bianco hinzu. 4 Euro für einen klassischen Hamburger - die Italiener können hier gut speisen für wenig Geld und gleichzeitig eine Lebensweise unterstützen, die eine Alternative zum McDonalds-Lifestyle darstellt.

Rentabilität

Chiara Veza ist die Eigentümerin der Tavola di Babele, einem kleinen Restaurant im Viertel San Paulo, das sich ebenfalls rühmt, heimische Bioprodukte zu verwenden. Da sie nicht auf Importe angewiesen ist, kann sie auch in Krisenzeiten sicher sein, alle nötigen Zutaten zu bekommen. „Vor eineinhalb Jahren gab es einen Streik im Transportwesen“, erinnert sich Vezza. „Meine Produkte kamen von einer Einheimischen, und so habe ich - im Gegensatz zu anderen Restaurants - alles Nötige bekommen.“

Trotz dieser Rentabilität, kann man inVezza einen Rest von Argwohn gegen “nachhaltige” Unternehmen wahrnehmen, die auch global agieren und erfolgreich sind. Ist es nicht schließlich ein Widerspruch in sich, wenn man ein Geschäft globalisiert, dessen ethische Grundsätze sich um kleine landwirtschaftliche Betriebe und das örtliche gastronomische Kulturgut drehen?

Dieses Paradoxon wird überdeutlich auf dem Eataly, dem “größten Markt an hochwertigen Produkten” Turins in der ehemaligen Carpano-Wermut-Fabrik. Der weitläufige Supermarkt mit einer Fläche von 30.000 Quadratmetern wurde im Februar 2007 von dem ortsansässigen Unternehmer Oscar Farinetti eröffnet und mutet an wie ein keimfreier Bazar. Es gibt weder Trubel noch übermäßigen Lärm, dafür eine Ecke, in der man mit Mac-Rechnern im Internet surfen kann und eine schwindelerregende Auswahl an Mineralwassersorten. Auch mit dem Slow Food Movement im Rücken, ist Eataly weniger der Gegenentwurf zum typischen Unternehmensmodell, als vielmehr dessen clever vermarktete Kopie.

Festa della Donna 2008

Tragen wir zu einer weniger anonymen Welt bei, indem wir unser Geld in dieser Hochburg an fair gehandelter Lieblichkeit aus biologisch-organischem Anbau lassen? Hätte es nicht denselben Effekt, würde man im Tante-Emma-Laden um die Ecke eine Cola kaufen? Obwohl Eataly behauptet, für alle bezahlbar zu sein, scheint der ausgestellte Lifestyle für diejenigen, die am stärksten von der Krise betroffen sind, unerschwinglich zu sein. Im Februar 2010 soll eine 32.000 Quadratmeter Filiale in Manhattan eröffnet werden.

Turiner Anti-Konsum

Bio-Eis aus ItalienIn Anbetracht dieser Widersprüche, trete ich Guido Martinetti mit einer gewissen Vorsicht gegenüber. Von Martinetti und seinem langjährigen Freund Frederico Grom erstmals 2003 in Turin eröffnet - beide waren damals 28 Jahre alt - ist die GROM Gelateria heute in 22 italienischen Städten sowie in Paris, New York und Tokio vertreten. Die Eissorten werden aus frischen, sorgfältig angebauten Naturerzeugnissen von Martinettis und Groms Bauernhof außerhalb von Turin gefertigt - unterstützt durch intensive weltweite Recherche nach den köstlichsten Zutaten. Martinetti liegt nicht so viel an Bezeichnungen wie “Bio” oder “Fair-Trade”, deren Zertifizierung beispielsweise für eine entlegene, autochthone landwirtschaftliche Gemeinschaft in Bolivien sehr schwer zu erhalten ist. Obwohl GROM weltweit aktiv ist, scheinen seine Prinzipien keinen Schaden genommen zu haben. Der Erfolg des Unternehmens ermögliche den Erwerb von Ackerland, um Obst und Gemüse vor Ort anzubauen, so Martinetti. Zudem befolgen die beiden Männer eine Reihe strenger wirtschaftsethischer Grundsätze: sie lehnen es ab, GROM zu einem Franchise-Unternehmen zu machen. Sie beantworten jede E-Mail persönlich. Sie zahlen sich selbst ein niedrigeres Monatsgehalt als ihren Filialleitern. Und statt auf Maschinen wird wo immer möglich auf manuelle Arbeit gesetzt. Martinetti würde lieber mehr Menschen einen Arbeitsplatz geben, als schnelles Geld zu machen.

Der Erfolg von GROM ist der Beweis dafür, dass Geschäftsmodelle, die gewinnorientierte und unverantwortliche Tendenzen vieler Großunternehmen meiden, durchaus rentabel sein können. Mehr denn je ist eine kurze Fertigungskette wirtschaftlich sinnvoll: Die Transportkosten sind niedriger und das Unternehmen ist nicht so sehr den Schwankungen auf dem Weltmarkt ausgesetzt. Auch aus Umweltschutzgründen wird es immer wichtiger, auf kleinständische, örtliche Produktion zu setzen. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht wird davon ausgegangen, dass Bauernhöfe - vor allem die industriellen - für 18% der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind - wodurch sie als Verursacher der Erderwärmung sogar das Transportwesen übertreffen. Was Initiativen wie GROM anspornt, ist das leise Bekenntnis zu ausgewogener Ernährung und Gemeinschaftswerten, nicht zu glitzernden Marketingtaktiken, die sich der Fair-Trade-Masche bedienen.

Unternehmen geben zu, dass sich mit dem umweltfreundlichen Lebensstil Profit machen lässt. Im Jahr 2008 war der Biomarkt ein milliardenschwerer Industriezweig, der jedoch Gefahr läuft zu einem weiteren Artikel der Massenproduktion zu werden, der den Verbraucher ködern soll. Da wir nun stärker auf unser Geld achten müssen, werden wir vielleicht in Zukunft auch mehr darauf achtgeben, was wir essen, wer es verkauft und warum.

Tavola di babele, Via Cumiana 41/b, borgo san Paolo. Eataly, Turin, Via Nizza, 230 int. 14 (in front of “8 Gallery”) Torino Lingott, GROM, Piazza Pietro Paleocapa, 1 10121