Mazedonien: Skurrilitäten, VMRO-DPMNE und mazedonische Tiger

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2011
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Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2011
Eigentlich kann sich die Republik Mazedonien nicht beklagen. Vor 20 Jahren erlangte sie ohne große Zwischenfälle die Souveränität. Seit 2005 zählt das Land zu den offiziellen Beitrittskandidaten der EU. In der Hauptstadt Skopje wird an jeder Stelle gebaut – neue Bürogebäude entstehen, Einkaufstempel werden aus dem Boden gestampft, 3-spurige Highways bahnen sich ihren Weg durch die 500.
000–Einwohner-Metropole. Eigentlich deutet vieles auf eine verheißungsvolle Zukunft hin. Eigentlich.

Das Stadtbild von Skopje wirkt dennoch skurril. Im Zentrum reiht sich ein Monument an das Andere, Statuen und Skulpturen geben sich sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Der Star dieses verschrobenen Bildes ist ganz klar die Statue von Alexander des Großen. Der 23 Meter hohe bronzene Klotz des Königs von Makedonien überragt alles bisher da gewesene (mit 9,5 Mio. Euro auch kostentechnisch) auf dem Main-Square von Skopje. Auch wenn es bereits die dritte Alexander Statue in Mazedonien ist, stellt dies für den Großteil der Bevölkerung kein Problem dar. Viele sehen sich in der Tradition des antiken Reiches Makedonien, was die Verehrung des Königs nachvollziehbar macht. Dem Nachbarn Griechenland schmeckt diese Huldigung allerdings überhaupt nicht. Die Griechen sehen die Verehrung eher als Provokation an, denn egal wie groß und bedeutend das Reich Makedonien zu seiner Zeit auch war, Alexander der Große wurde auf griechischem Territorium geboren. Da die Mazedonier aber ein friedvolles Völkchen sind und keine Probleme mit dem großen EU-Nachbarn wollen, heißt die Statue nun schlicht und einfach Der Soldat auf dem Pferd. So oder so, auf dem „Monumenten-Square“ ist für Jedermann etwas dabei.

Aber damit nicht genug, denn die Stadtväter haben noch großes mit der Hauptstadt vor. Für das Projekt Skopje 2014 steht neben weiteren Skulpturen und Statuen auch der Bau von  Museen, Hotels und einer Kirche auf der Agenda. Diese soll übrigens die größte mazedonisch-orthodoxe Kirche des Landes werden. Mitten im Zentrum. Die passt bestimmt gut ins Stadtbild. Übrigens dort, wo Mutter Teresas Geburtshaus stand. Die nächsten Proteste sind da wohl vorprogrammiert. Nicht nur die Opposition schlägt Alarm, auch die so genannte  Bildungs-Elite und der mittlerweile geschlossene, regierungsferne Fernsehsender A1 äußerten sich mehrfach kritisch zu den Plänen der Regierung. Proteste hier, Kritik da, Mazedoniens Premier Nikola Gruevski interessiert das alles recht wenig. Die Baukosten für das Projekt wurden schon mal von 80 Mio. Euro auf knapp 200 Mio. Euro nach oben korrigiert. Übrigens: die Arbeiten am Triumphbogen zu Skopje sind fast abgeschlossen.

Eine andere Baustelle der Republik Mazedonien ist der Name Mazedonien. Auch hier mimt der Nachbar aus dem Süden den Spielverderber. Da eine Provinz im Norden Griechenlands den Namen Makedonien trägt, fürchten die Griechen nach dem EU-Beitritt territoriale Ansprüche des Nachbarn. So scheiterte der NATO-Beitritt Mazedoniens ausschließlich am griechischen Veto. Um die Lage zu entspannen, trägt die Republik Mazedonien seit 2008 auch den Namen Former Yugoslavian Republic of Macedonia (FYRM). Dennoch gehen die Griechen weiter auf Konfrontationskurs und fordern einen anderen Namen für das Land. Bemüht man das Orakel namens Internet werden Namensvorschläge wie Republik Skopje oder Südslawien ausgeworfen. Hier jedoch stellt sich die mazedonische Regierung quer. Laut Umfragen wollen 90 Prozent der Mazedonier (immerhin 65 Prozent der Gesamtbevölkerung sehen sich als Mazedonier) keinen anderen Namen für ihr Land und ihre nationale Identität wahren. Zumal über 106 Länder den aktuellen Namen Republik Mazedonien offiziell anerkannt haben. Die Beitritt-Verhandlungen der EU mit Mazedonien sind wegen des Namensstreits jedoch vorerst auf Eis gelegt.

Kennst du wen bist du wer, oder wie jetzt?

Boris Kaeski ist in Rage und frustriert über die Situation im Land. Der 29-Jährige Kamerastudent kann die jüngsten Entscheidungen der Regierung weder nachvollziehen noch verstehen. „Ehrlich gesagt könnte ich weinen. Es ist unglaublich, wie viel Geld für das Projekt Skopje 2014 verbrannt wird. Haben wir denn keine anderen Probleme? Unsere Wirtschaft ist schwach, das Verkehrsnetz im Land alt und marode. Zuerst sollte die Regierung in Bildung und die Infrastruktur investieren. Es gibt viele Menschen, die von 3 Euro am Tag leben und dann wird Geld für so einen Unsinn ausgegeben. Ich kann das nicht verstehen.“ Boris kam als Kind mit seiner Familie als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Mazedonien. Der Start in ein neues Leben war für seine Familie nicht leicht, denn im Krieg hatten sie alles verloren und mussten in der neuen Heimat bei null beginnen. Heute steht er kurz vor seinem Universitätsabschluss. Er selbst bezeichnet sich als aktiven Bürger, der auf die Straße geht, wenn ihm Dinge nicht passen. „Die Parteien denken zu wenig an das Wohlergehen unseres Landes. Sie versuchen ausschließlich ihre persönlichen Interessen durchzusetzen. Ich spreche hier von Vetternwirtschaft. Parteimitglieder und -freunde bekommen einen guten Arbeitsplatz oder ihnen werden Positionen zugesprochen, unabhängig von ihrem Bildungsgrad. Und das nur, weil sie Mitglied einer Partei sind. Es ist nicht besonders verwunderlich, dass die Politik eine geringe Wertschätzung in der Bevölkerung genießt.“ Eine Verbesserung der Situation ist in seinen Augen nicht in Sicht. „Man fragt sich schon warum man überhaupt studiert und ob man in einem anderen Land nicht besser leben kann. Dort wo ich durch meine Bildung anerkannt werde und nicht durch meine Parteizugehörigkeit. Ich denke, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen in den kommenden Jahren das Land verlassen werden.“

Politische Veränderungen wurden Anfang Juni 2011 mit Neuwahlen angestrebt, nachdem die Opposition seit Anfang des Jahres das Parlament boykottiert hatte. Bei der Wahl am 05.06.2011 wurde die regierende Partei VMRO-DPMNE um Premier Gruevski im Amt bestätigt. Somit bleibt wohl vorerst alles beim Alten in der Republik Mazedonien.

„Ich denke schon, dass es bei der Wiederwahl mit rechten Dingen zuging. Aber, wenn die Wähler kritisch wären, hätten sie die konservative VMRO-DPMNE nicht wiedergewählt. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen verunsichert sind und sich der aktuellen Situation Mazedoniens nicht bewusst sind. Ich weiß dass wir eine hohe Arbeitslosigkeit haben und die Hoffnung Vieler auf der Regierung liegt, z.B. ihren Kindern Arbeit zu verschaffen. Alle sehnen sich nach Verbesserungen, aber viele glauben auch den leeren Versprechungen der Parteien. Es gibt keine Veränderungen. Und wenn meine Interessen als Bürger nicht vertreten werden, gebe ich doch der Opposition eine Chance, oder nicht?“ Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit die Opposition einen neuen Kurs einschlagen würde oder ob sie auch lediglich ihre persönlichen Interessen durchzusetzen versucht. „Die aktuelle Regierung macht jedenfalls ihr Bestes dafür einem EU-Beitritt entgegen zu wirken. Wie ich gehört habe, will sich die Regierung jetzt auch in die Kommission für Medien einmischen. Sollte das passieren, gibt es keine freien Medien mehr.“ Die Schließung des Fernsehsenders A1 und von drei Zeitungen deuten die momentane, angespannte Lage im Medienbereich an und zeigen exemplarisch, wie es um kritische Berichterstattung in der Balkan-Republik bestellt ist. Auch aus diesem Grund glaubt Boris, dass Mazedonien noch weit von einem EU-Beitritt entfernt ist.

„Meine Hoffnungen liegen hier auch bei cafebabel.com, das als offenes Magazin solche Storys verbreiten kann und das Land zeigt, wie es ist und was hier eigentlich los ist.“

„babel-lized“

Den ersten aktiven Kontakt zu cafebabel.com hatte Boris beim Green Europe On The Ground-Projekt. „Zunächst machte mich ein Freund auf das Magazin aufmerksam. Er meinte, dass cafebabel.com viele interessante Themen aufgreift und ich mich doch mal für ein Projekt bewerben soll. Das tat ich auch. Leider erhielt ich eine Absage, weil das Team damals schon voll besetzt war. Als sie dann hier in Skopje im Rahmen des Orient Express-Projektes unterwegs waren, habe ich den Teilnehmern mit Kontakten weitergeholfen. Schließlich schrieb mich Katharina Kloss (Redakteurin von cafebabel.com) an und fragte ob ich Ende Juni 2011 für das Green Europe On The Ground-Projekt in Wien verfügbar wäre. Ich sagte sofort zu.“ Sein Projektfilm versucht die Symbiose zwischen Einwohnern und Grünflächen Wiens herzustellen. „In Wien leben viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft - in meinen Augen eine sehr multinationale Metropole. Ebenso gibt es viele Grünflächen. Der Film zeigt, wie grüne Flächen auf unterschiedlichste Art und Weise von den unterschiedlichsten Menschen genutzt werden. Das Projekt an sich war eine tolle Erfahrung für mich. Am Tag hat jeder an seinem Thema gearbeitet und die Abende haben wir zusammen verbracht. Jeder war freundlich und die Stimmung im Team war super. Ich bin total babel-ized.“

Seine Begeisterung reicht momentan so weit, dass Boris in absehbarer Zukunft eine Non Government Organisation (NGO) mit anderen jungen Leuten gründen möchte, um dann in Form eines Blogs Teil des Babel-Netzwerkes zu werden. „Ich fühle, dass cafebabel.com ein Nerv meines Körpers ist und ich darüber mit anderen Menschen verbunden bin.“ Bei allem Lob sieht er aber auch Verbesserungspotential beim Online-Magazin. „Cafebabel müsste mehr Werbung für sich selbst machen. Das Magazin gibt es seit 10 Jahren, aber viele Leute haben noch nie etwas davon gehört. Auch ich kannte das Magazin bis vor kurzem überhaupt nicht, dabei interessiere ich mich wirklich für viele Themen. Ich würde es Schade finden, wenn cafebabel.com lediglich eine Nischenrolle in Mazedonien einnehmen würde, denn der Ansatz des Magazins ist super.“

Alpha und Tiger

„Martin Neskoski wurde ermordet! Der Vorfall ereignete sich in der Nacht zum 06. Juni 2011 nach dem Wahlsieg der VMRO-DPMNE auf dem Main Square von Skopje. Dabei war er Anhänger der Partei und feierte wie viele andere den Wahlsieg. Am Rande der Veranstaltung prügelte ein Mitglied der Tiger, einer Sondereinheit der Polizei, aus bisher noch ungeklärten Gründen auf den 22-Jährigen ein bis er tot war. Über Facebook und Twitter verbreitete sich die Nachricht vom Tod des Jungen recht schnell.“ Was Boris und viele kritisieren, ist die Reaktion der Regierung und die mangelnde Aufklärung des Vorfalls. Der Polizist wurde zwar einige Tage nach dem Vorfall verhaftet, dennoch „wurden falsche Informationen an die anderen Polizisten weitergegeben. Ich habe mit einem Polizisten gesprochen und der sagte mir, dass der Junge mit einer Kanüle im Arm gefunden wurde und eine Überdosis hatte. Diese Geschichte wurde an die Polizisten weitergegeben. Das ist aber nicht wahr! Jeder konnte es sehen. Er hatte am ganzen Körper Hämatome. Auf uns macht es den Eindruck, als würde die Polizei versuchen den Tod unter den Teppich zu kehren. Es gab leider vorher schon einige Vorfälle im Zusammenhang mit Polizeibrutalität, aber der Tod von Martin Neskoski war das ausschlaggebende Ereignis für unsere Proteste. Dabei geht es uns in erster Linie um die Polizeibrutalität und nicht um andere politische Themen. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls und die Bestrafung jener, die die Verantwortung dafür tragen. Außerdem sollten Stresstests für Polizisten und die Sondereinheiten Tiger und Alpha eingeführt werden. Es muss geklärt werden, ob die Polizisten psychisch stabil sind oder ob sie in Stresssituationen schnell Wutanfälle bekommen.“ Auch hier sollte ein neuer Name her. Diesmal jedoch für die Sondereinheiten, „denn mit den Namen Tiger und Alpha verbinden viele Mazedonier schlechte Erinnerungen.“ - Namensvorschläge sind willkommen.

Axel Matz