Mazedonien: Geschichten mit der Schaufel ausgraben

Artikel veröffentlicht am 25. August 2011
Artikel veröffentlicht am 25. August 2011
Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit Mazedoniens porträtieren junge Dokumentarfilmer ihr Land neu.

Ob der Taxifahrer, der vom Flughafen durch halbfertige Häuserlandschaften nach Skopje fährt, mazedonische Filme nennen kann? Before the Rain von Milcho Manchevski (1994) hat er gesehen. Der Film war sogar für einen Oscar nominiert und hat weltweit über 30 Preise gewonnen. Und sonst? Seit der Unabhängigkeit Mazedoniens 1991 hatte das Land mit anderen Problemen zu kämpfen. Die Filmkunst sei „in ein leeres Loch gefallen“, so Dokumentarfilmer Atanas Georgiev.

Dabei hat der mazedonische Dokumentarfilm eine lange Tradition: 1905, ein Jahrzehnt nachdem die Brüder Lumière zum ersten Mal Straßenszenen filmten, nahmen die griechischen Brüder Manaki Alltägliches und Besonderes mit ihrer 35-mm Bioscope No. 300 Kamera auf. Sie waren die ersten auf dem Balkan. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich mazedonische Autorenfilmer einen Namen. Die Filmwissenschaftlerin Vesna Maslovarik in der Nationalen Kinemathek erklärt: „Unter der Jugoslawischen Regierung wurde die nationale Filmproduktion zwar vom Kulturministerium gesteuert und von der einzigen Filmproduktionsfirma VARDAR FILM umgesetzt - Themenwahl und ästhetische Herangehensweise wurden jedoch den Regisseuren weitestgehend selbst überlassen“. Einen ganzen Stapel DVDs hat sie aus dem Archiv bringen lassen, damit ich mit eigenen Augen sehen kann, dass ihre Worte keine leere Floskel sind. In der Tat bestechen die kurzen Dokumentarfilme von Branko Mihajlovski, Meto Petrovksi oder Trajce Popov durch ihre ästhetische Originalität. Für Dae (1979) – eine balladenhaft-poetische Beschreibung der Rituale von Sinti&Roma – hat Regisseur Stole Popov 1980 sogar eine Oscar-Nominierung erhalten.

Heute kämpfen eine handvoll Filmemacher für eine differenzierte künstlerische Darstellung von Menschen und Geschichten aus Mazedonien. Marija Dzidzeva ist eine von ihnen. Sie hat dunkle Augenringe, weil sie für das Kinderprogramm im Fernsehen und an mehreren Filmprojekten zeitgleich arbeitet. Sie ist trotz aller Hindernisse davon überzeugt, dass man in Mazedonien die Geschichten „mit der Schaufel ausgraben“ kann: „Die Menschen und ihre Geschichten, die Farben und Landschaften, die Musik“, beginnt sie zu schwärmen. Sie plant einen Dekalog von Dokumentarfilmen, inspiriert von aktuellen Nachrichtenmeldungen. Ihr Film Look at the Life through my eyes (2008) entstand, weil ein Pharmaunternehmen alte Medikamente über einem isolierten albanischen Dorf abwarf und Kinder daran erkrankten. Fast anthropologisch ging sie an den Film heran, lebte über drei Jahre für mehrere Monate bei einer Familie, interviewte eine Mutter von fünf Kindern zu ihrem Leben, Wünschen und Hoffnungen. Da der Ehemann nicht erlaubte, das Gesicht der Frau zu zeigen, sieht man nur den Ausschnitt ihrer Augen. Dass eine muslimische Frau in einem Film zu Wort kommt, ist schon eine kleine Sensation.

Der Enge entfliehen

Berlin ©CLFür Biljana Garvanlieva ist Mazedonien ein schwieriger Arbeitsort. Sie lebt in Berlin, denn „als Belgrad 1999 bombardiert wurde, wollte ich einerseits nicht Teil dieses Konflikts sein. Andererseits musste ich der Enge Mazedoniens entfliehen, weil ich mich als Künstlerin nicht selbst verwirklichen konnte.“ Die ernsthafte Regisseurin möchte den Stereotypen über Mädchen und Frauen in ihrem Land etwas entgegensetzen. In ihren Filmen sind sie nicht Opfer von Zwangsheiraten oder sexueller Gewalt, sondern aktive Heldinnen. So wie ihre Cousine Emilia in dem Film Die Akkordeonspielerin (2006), eine talentierte und ambitionierte Musikerin, die ihr Akkordeon nicht in Kneipen, sondern auf internationalen Bühnen spielen möchte. Ihr Instrument müsste neuer und besser sein, um ganz vorne mitzuspielen, doch ihre Eltern können die 6.000 Euro nicht aufbringen. „Ich sehe keine Zukunft hier. Wie kann ich hier weiterkommen? Wie zeigen, was ich kann?“ fragt sie enttäuscht in die Nacht. Hindernisse überwinden, den eigenen Platz suchen, die Heimat verlassen, um sich im Ausland verwirklichen zu können – das sei auch ihre Geschichte gewesen, sagt Biljana Garvanlieva.

Plattform für den Filmnachwuchs

Mit der Gründung des Mazedonischen Film Fund 2008 haben sich neue Möglichkeiten eröffnet, die Filmlandschaft in Mazedonien wieder zu beleben. Im holzvertäfelten, dunklen Gebäude, das früher von VARDAR Film genutzt wurde, haben Direktor Darko Basheski und sein Team die Arbeit aufgenommen. 2011 stand ein Budget von 1.788.618 Euro zur Verfügung, um Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Animationsprojekte zu unterstützen. Zwischen 2008 und 2011 konnten insgesamt 31 Dokumentarfilmprojekte gefördert werden, während es vorher ein bis zwei Produktionen im Jahr waren.

Noch müde von den anstrengenden Tagen auf dem Karlovy Vary International Film Festival, verweist Darko Basheski auf seine Strategie, vor allem jungen Filmemachern eine Plattform zu geben. Internationale und südosteuropäische Koproduktionen sollen gefördert und die Distribution und Bewerbung dieser Filme unterstützt werden. Seiner Meinung nach muss Mazedonien seine Potentiale für die Filmwirtschaft ausschöpfen: Kurze Transportwege, billige Produktionsbedingungen, ausgebildetes Fachpersonal. Für The Aviator [Martin Scorsese; 2004] haben mazedonische Fachkräfte die Visual Effects gestaltet, auch The Peacemaker [Mimi Leder; 1997] wurde zum Teil in Mazedonien gedreht.

Dokumentarfilme als Beitrag zu einer besseren Zivilgesellschaft

Finden künstlerische Dokumentarfilme überhaupt ein Publikum in Mazedonien? Das MakeDox! Festival leistet seit 2010 Pionierarbeit in dieser Hinsicht. Kirijana A. Nikoloska und Petra Seliskar sind die Festivalleiterinnen und –gründerinnen und begreifen Dokumentarfilme als wichtigen Beitrag zu einer besseren Zivilgesellschaft. Kirijana A. Nikoloska, die eigentlich Sozialarbeiterin ist, erklärt: „Mit unserer Arbeit tragen wir zu einer Zukunft bei, in der wir selbst gern leben möchten.“ Dass dieses Jahr kein einziger mazedonischer Dokumentarfilm im Wettbewerb lief, weil es an aktuellen Produktionen mangelte, ist bezeichnend. Deswegen seien die Programme für Schulklassen, Workshops für Filmemacher und das „travelling cinema“ so wichtig, mit dem das Team Dokumentarfilme in abgelegenen Orten Mazedoniens auf dem Marktplatz vorführt. Welche Filme könnten den Mazedoniern denn gefallen? Kirijana A. Nikoloska weiß das genau. „Filme, die ohne Angst vor Schmutz und Dreck wagemutig nach den Wurzeln graben. Filme, die Dich in ihrer einzigartigen Weise verstören, die Dich schaudern lassen. Vielleicht verändern sie Dich sogar gegen Deinen Willen!“ Die Filme von Marija, Biljana und anderen Nachwuchsregisseuren aus Mazedonien tun jedenfalls genau das.

Dieser Artikel ist Teil des cafebabel.com Reportageprojekts Orient Express Reporter 2010/ 2011.

Illustrationen: Fotos ©Sabrina Boudon; Film-Trailer (cc)YouTube