Mazedonien, die Zweite: Wie war das noch mal mit dem Award, dem City-Blog, der EU und den Galliern in Skopje?

Artikel veröffentlicht am 12. September 2011
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Artikel veröffentlicht am 12. September 2011
In Skopje treffen wir neben Boris Kaeski auch den Journalisten Gojko Keselj. Er ist 23 Jahre alt und arbeitet bei einer 24-Stunden Nachrichtenstation in Mazedonien. „Es ist ein Full-Time-Job, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Das ist auch der Grund warum ich momentan bei cafebabel.com nicht besonders aktiv bin und es auch keinen Babel-Blog in Skopje gibt.
“ Lediglich ein Artikel von ihm ist auf der Seite des Magazins zu finden. Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem montenegrinischen Journalisten Marko Vesovic und thematisiert die Unabhängigkeitsbemühungen des Kosovo. Für den Artikel wurden beide mit dem European Young Journalist Award 2008 ausgezeichnet. Spricht man ihn direkt auf die Auszeichnung an, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Die Auszeichnung wird vollkommen überbewertet. Insgesamt hatten nur drei Leute aus Mazedonien einen Artikel eingereicht. Und da aus jedem Land ein Preisträger hervorging, war die Wahrscheinlichkeit recht hoch etwas zu gewinnen. Ich habe nicht länger als zwei Stunden an dem Artikel gearbeitet. Bei Bewerbungsschreiben kommt die Auszeichnung als Referenz allerdings überall gut an (lacht).“Eine gute Sache für junge Menschen

„Das Konzept von cafebabel.com ist interessant. Es ist multikulturell und greift viele interessante, vor allem europäische Themen auf. Kurz gesagt: eine gute Sache für junge Menschen.“ Beim Thema City-Blog sind sich Boris und Gojko einig: „Es wäre der erste Schritt um eine breite Öffentlichkeit anzusprechen und eine Möglichkeit über vermeintliche `No-Go`- Themen zu berichten. Ein City-Blog ist eine tolle Sache, es ist jedoch schwierig ihn hier an den Start zu bekommen. Gerade für Journalisten es ist nicht einfach einen Full-Time-Job mit geregeltem Einkommen zu bekommen. Viele können sich nicht auf eine Sache, wie zum Beispiel einen City-Blog konzentrieren, denn sie müssen mehreren Jobs nachgehen, um über die Runden zu kommen. Und gerade ein Blog erfordert einen großen Zeitaufwand und braucht viel Engagement. Ich denke, dass es sehr schwierig ist Freiwillige zu finden, die ohne Bezahlung arbeiten wollen.“ Für den Blog könnte eine Kooperation mit der Universität eine Option sein. „Die Studenten könnten Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren. Obwohl die offene und kritische Berichterstattung von cafebabel.com zu Schwierigkeiten führen könnte (lacht). Selbst in der Universität gibt es Probleme mit der freien Meinungsäußerung. Viele junge Menschen wollen sich kritisch zu Wort melden und sich frei äußern. Jedoch fehlt ihnen die entsprechende Plattform. Es ist momentan einfach schwierig, dem etwas entgegenzusetzen"

"Natürlich gibt es viele Proteste und Bürgerbewegungen, dennoch haben wir relativ wenig Jugend-Aktivismus hier in Mazedonien. Es ist wichtig Projekte ins Leben zu rufen, damit die Leute aktiv werden. Junge Menschen kämpfen nicht für ihre Rechte. Sie akzeptieren die Dinge so wie sie sind. Viele glauben nicht daran, dass sie Dinge verändern können. Die Regierung versucht die öffentliche Meinung zu beeinflussen, indem sie versucht Bürgerbewegungen oder Proteste so darzustellen, als wären sie von der Opposition initiiert. In meinen Augen haben viele Politiker leider den Bezug zur Realität verloren. Nicht die Bürger stehen im Mittelpunkt, sondern größenwahnsinnige Projekte wie `Skopje 2014`. Das Stadtbild erinnert mich an Filme von `Asterix und Obelix`. Es wird versucht, verschiedenste Stile und Epochen miteinander zu verbinden. Es wird viel Geld für Gebäude und Monumente ausgegeben, obwohl es viele andere `Baustellen` gibt. Da werden teilweise die Prioritäten falsch gelegt. Was wollen wir denn mit dem Triumphbogen in Mazedonien? Soll der Erfolg assoziieren? Ich glaube viele EU-Staaten machen sich mittlerweile lustig über das Projekt. Die Menschen, die die Regierung gewählt haben, interessiert das aber alles nicht. Die Parteien kaufen teilweise ihre Stimmen. Die Leute interessiert hier einfach nichts. Ihr könnt euch nicht vorstellen was hier abgeht. Um dem entgegenzuwirken, wären Debatten (z.B. an der Universität) von Nöten, wo unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen. Erst wenn man hier einen Konsens gefunden hat, können Veränderungen in der Gesellschaft in Angriff genommen werden.“Ein weiteres Problem sieht er darin, dass der TV Sender A1 und drei große Zeitungen geschlossen wurden. „Der mazedonische Medienmarkt ist sehr klein und A1 hatte einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Doch wie sollen die Medien ihre Unabhängigkeit bewahren? Wir haben eine schwache Wirtschaft und mazedonische Unternehmen geben kein Geld für Werbung aus. Wenn die Medien keine Einnahmen durch Werbepartner erzielen, müssen sie wohl oder übel mit Parteien zusammenarbeiten, um an Geld zu kommen. Es ist ein Kreislauf: Hast du eine starke Wirtschaft, steigen die Werbeausgaben der Unternehmen und die Medien können unabhängig von den Parteien arbeiten.“Das Problem mit dem Namen„Es liegt doch im Interesse aller Länder, die geografisch zu Europa gehören, in die EU aufgenommen zu werden. Erst einmal müssen wir den Namensstreit mit Griechenland beenden. Obwohl das in meinen Augen absolut absurd ist. Ich hätte kein Problem mit einem anderen Namen. Zumal Griechenland durch seine lange Mitgliedschaft in der EU in einer stärkeren Position ist. Wenn wir Teil der EU werden wollen, müssen wir dieses Problem schnellstmöglich lösen. Hier arbeitet die Regierung aber bereits an einer Lösung. Auch wenn wir viele Probleme haben, sehe ich uns auf dem Weg in die Staatengemeinschaft. Natürlich ist es ein langwieriger Prozess bis zum Beitritt, aber auch andere Balkanstaaten wie Montenegro oder Serbien haben noch eine Menge Nachholbedarf.“Last but not least gibt uns Gojko noch folgendes mit auf den Weg: „Glaubt nicht den tollen Werbungen über Mazedonien. Wenn du in Mazedonien angekommen bist, weißt du, dass du in der Hölle angekommen bist.“