Mattafix: Brit Hip Hop in Darfur

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2007

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Das Video zur neuen Single "Living Darfur" wurde in einem Flüchtlingslager in Tschad, an der Grenze zu Darfur, aufgenommen. Es ist damit der erste Clip einer international erfolgreichen Band, der in einem Kriegsgebiet gedreht wurde.

Der 22-jährige Londoner Frontmann der Band Mattafix, Marlon Roudette, ist jung und hat die Ausstrahlung eines coolen, karibischen Sunnyboys. Im Gespräch über seinen neuesten Song zeigt er jedoch eine überraschende Reife und umfassendes Wissen über die Kriegsregion Darfur. Dort spiele sich die größte und komplizierteste humanitäre Krise ab, mit der die Weltgemeinschaft derzeit konfrontiert sei, so der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Antonio Guterres.

Die britische Nothilfeorganisation Oxfam kontaktierte Marlon Roudette und seinen Partner Preetesh Hirji, nachdem das US-Hilfsnetzwerk "Save Darfur" ihre Single bekannt gemacht hatte. Unterstützt von diversen Wohltätigkeitsorganisationen und namhaften Musikern, startete Oxfam im September die Festival-Reihe "Oxjam" in einem seiner Londoner Secondhand-Läden.

Wie bist du aufgewachsen?

Die ersten acht Jahre meines Lebens verbrachte ich in Ladbroke Grove. Als ich neun war, zog meine Mutter mit uns in ihre Heimat, auf die Karibik-Insel St. Vincent and the Grenadines. Mit 18 bin ich nach London zurückgekehrt.

Welche Musik hört man, wenn man in der Karibik aufwächst?

Mein Musikgeschmack wurde in der Karibik sehr positiv beeinflusst. Als ich anfing, mich für Musik zu interessieren und auszugehen, kamen die ersten Hits von Sean Paul gerade heraus. DJ General Degree aus Buju Banton aus Jamaika war auch sehr erfolgreich. In St. Vincent hört man traditionell viel Soca-Musik, zu Hause hörte meine Mutter meistens Black Music, zum Beispiel südafrikanischen Reggae von Lucky Dube oder Hugh Masekela, aber auch sehr viel amerikanischen Soul.

Wann hast du angefangen, selbst Musik zu machen?

Ich war Mitglied einer Steelband. Wir traten in Hotels auf, spielten also für Touristen. Als ich wieder in London war, entwickelte ich meinen eigenen Stil. Ich wusste, dass ich mit meinem Reggae-Einfluss eine Nische für meine Musik finden würde. Es dauerte jedoch eine Weile, bis ich tatsächlich im Studio landete.

Ihr wart kürzlich auf Europa-Tournee und habt insgesamt in 30 Ländern gespielt. Wie waren die Reaktionen?

Mattafix haben außerhalb Großbritanniens mehr Erfolg als zu Hause. Wir starteten die Tour, nachdem unsere erste Single "Big City Life" letztes Jahr in sieben Ländern (in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Polen und Luxemburg) auf Platz 1 der Charts landete. Solche langen Reisen verändern einen, man wird genügsamer. Besonders der Videodreh zu "Living Darfur" hat mich umdenken lassen - man kann so etwas nicht einfach durchziehen und hinterher so sein wie immer. Heute merkt man unserer Musik an, dass wir uns weiterentwickelt haben.

Mattafix Video - 'Big City Life'

Wie seid ihr darauf gekommen, das Video in einem Flüchtlingslager in Tschad zu drehen?

Ich war in Südafrika und habe dort zusammen mit einem Kollegen im Studio gearbeitet. Währenddessen schrieb ich einen Song über den ständigen Überlebenskampf in Afrika. Wir haben dann zusammen an dem Lied gearbeitet und es immer wieder umgeschrieben. Schließlich wurden die Initiatoren von "Save Darfur" auf uns aufmerksam. Sie fragten uns, ob wir sie unterstützen wollen und ich meinte "auf jeden Fall, so war das geplant". Ich hatte den Darfur-Konflikt schon die ganzen Jahre verfolgt. Heute ist daraus eine der größten Katastrophen der Menschheit geworden. Die internationale Gemeinschaft muss diese Krise endlich ernst nehmen! Insofern bin ich froh, dass ich mich auf diese Weise engagieren konnte.

In eurem Video sieht man glückliche, spielende Kinder und auch mit dem Refrain "You shall rise" (Erhebt euch) betont ihr eine positive Sichtweise auf den Konflikt. Ist das medienwirksamer, als die Tragödie in ihrem ganzen Ausmaß zu zeigen? 400.000 Menschen sind bisher in Darfur ums Leben gekommen.

Was ich in letzter Zeit sehe ist, dass nicht mehr jede Krise medienkompatibel ist - Bilder von verhungernden Kindern scheinen ihre Wirkung zu verlieren. Für unser Video waren wir auf der Suche nach originellen, unverbrauchten Bildern. Die Menschen, die uns im Flüchtlingslager begegneten, haben viel durchgemacht. Wir trafen Frauen, die zum Teil mehrfach vergewaltigt wurden, Kinder hatten ihre Eltern verloren, ganze Familien waren auseinander gerissen worden. Das ganze Leid war offensichtlich, aber trotzdem organisierten sich die Leute und versuchten, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Diesen Kampfgeist wollten wir in unserem Video festhalten.

Wie effektiv ist das Oxjam-Festival im Vergleich zu einem Mega-Event wie Live8?

Das kann man nicht vergleichen. Live8 war eine globale, extrem medienwirksame Initiative. Historisch gesehen bringen solche Massenveranstaltungen aber keine bleibende Veränderung. Die Revolution kommt von unten - mit diesem Gedanken im Hinterkopf schreibe ich meine Musik. Kleine Aktionen wie Oxjam können unter Umständen nachhaltiger sein.

Haben Musiker überhaupt Einfluss auf Politiker oder die öffentliche Meinung?

Ich bin da optimistisch. Aber natürlich sehe ich die Politikverdrossenheit und den Zynismus, der sich neuerdings in Großbritannien breit macht. Wir müssen den Leuten wieder das Gefühl geben, Einfluss nehmen zu können. Mattafix trägt einen kleinen Teil dazu bei.

Mattafix Video - 'Living Darfur'