Massentourismus auf Mallorca: Probleme im Paradies

Artikel veröffentlicht am 20. November 2017
Artikel veröffentlicht am 20. November 2017

Mallorca bedeutet mehr als Sommer, Sonne und Sex: Allein im letzten Jahr sind mehr als 13 Millionen Urlauber nach Mallorca gereist, Tendenz steigend. Die Einwohner klagen über hohe Preise und immer weniger öffentlichen Raum. Während eines Protests im September haben sie ihrem Unmut Luft gemacht und gesagt, was endlich einmal gesagt werden musste: So weit ist es schon gekommen!

Die Tourismusindustrie auf Mallorca wächst stetig, sie hat einen weiteren Sommer mit Rekordzahlen hinter sich. Jetzt gehen die Inselbewohner auf die Straße, um zu protestieren. Mehrere Aktivistengruppen organisierten am 23. September eine Demonstration mit dem Namen „Fins aquí hem arribat“, was so viel bedeutet wie „So weit ist es schon gekommen.“ Die Demonstranten wollen mit der Aussage das Bewusstsein für die negativen Auswirkungen der unkontrollierten Tourismusströme wecken und eine klare Nachricht an die lokale Regierung senden. Die Bewegung gegen den Massentourismus wurde über die letzten Jahre hinweg immer stärker und wird durch die unermüdliche Arbeit der beteiligten Organisationen vorangetrieben. 

Die Gründe für den Protest sind zahlreich: der Umwelteinfluss auf Strand und Grünflächen, Luftverschmutzung, Lärmbelästigung, Gentrifizierung der urbanen Räume, chronische Überlastung, ein Mangel an gewöhnlichem Wohnraum, schlechte Arbeitsbedingungen für Einheimische sowie die Zerstörung der traditionellen Wirtschaftszweige und des mallorquinischen Lebensstils. Mallorca ist dabei keine Ausnahme; ähnliche Proteste fanden in den letzten Jahren bereits auf den Straßen Barcelonas und in anderen beliebten Städten Europas statt. Die Message ist klar: „Ohne Grenzen keine Zukunft“. Für diejenigen, die Tourismus immer als etwas Positives und eine wichtige Einkommensquelle für die Region gesehen haben, mag es seltsam klingen, doch die Realität der unermüdlichen Touristenmassen, Billigairlines und Low-Budget-Unterkünfte entspricht mit Sicherheit nicht der Idealvorstellung der Einheimischen.  

Wenn Touristen die Einwohnerzahl verdoppeln

Für Nordeuropäer war Mallorca schon immer das perfekte Ferienparadies, ideal, um dem schlechten Wetter Londons und dem stressigen Alltag in Paris zu entfliehen. Ende des 19. Jahrhunderts begann der Tourismustrend auf Mallorca. Einheimische Geschäftsmänner und Politiker wollten der Welt die Schönheit und Kultur der Insel zeigen. Im Jahre 1973 betrug die jährliche Besucherzahl des neuen Flughafens bei Palma de Mallorca bereits mehr als 7 Millionen Passagiere. Dieser rasante Anstieg bewirkte radikale Veränderungen in der sozioökonomischen Struktur der Insel: Eine regelrechte Immigrationswelle setzte ein und veränderte die Bevölkerungsverteilung und die Wirtschaft auf Mallorca.

Heute sind einige Teile der Insel als beliebte Partyziele bekannt. Beinahe als ritueller Schritt ins Erwachsenenleben ist ein Sauf-Trip auf die Insel für viele junge Engländer und Deutsche auf der Suche nach Sonne, Meer und Sex ein absolutes Muss. Urlaubsorte wie Magaluf und Arenal haben sich erfolgreich neu erfunden und ihr Image als familienfreundliche oder romantische Urlaubsunterkunft durch ein abwechslungsreiches Spaß- und Partyangebot für achtzehn- bis dreißigjährige Nachtschwärmer ersetzt. Nonstop, über eine immer längere Hochsaison hinweg.   

Wenn dies die Ausmaße der Situation noch nicht verdeutlicht, werden es die folgenden Zahlen tun. Die letzten Sommer zeigen einen Schub bei den Besucherzahlen: Mehr als 13 Millionen Passagiere sind im Jahr 2016 nach Mallorca gereist, 2015 waren es noch 11 Millionen. Die Einwohnerzahl Mallorcas beträgt dabei weniger als eine Million Mallorquiner – über die Sommermonate kommen monatlich mehr als zwei Millionen Touristen auf die Insel. Das bedeutet, dass sich die Anzahl der Menschen auf der Insel während dieser Monate annähernd verdoppelt, Bootspassagiere nicht mitgezählt.  

Die Beanspruchung der lokalen Infrastruktur ist ein Faktor, der für Reisende eher weniger wichtig erscheint, für die Bewohner jedoch eine entscheidende Rolle spielt. Ärzte und Krankenhauspersonal klagen über eine chronische Überlastung der Krankenhäuser während der Sommermonate und über Probleme, die durch die schwierige Kommunikationssituation mit fremdsprachigen Patienten entstehen.

Tschüss günstiger Wohnraum, tschüss öffentliche Plätze

Laut einer Studie, die in der Zeitung Diario de Mallorca veröffentlicht wurde, stieg die nationale Inflation dieses Jahr auf dem Immobilienmarkt um circa 1,25 Prozent an, in Palma betrug sie 7,2 Prozent. Das erschwert die Wohnungssuche gerade für junge Arbeitskräfte und Studenten wesentlich. Viele junge Mallorquiner leben deswegen bis in die Dreißiger bei ihren Eltern.

Schlendert man durch das Stadtzentrum von Palma, sind die schwarz-gelben Schilder mit der Aufschrift Ciutat per qui l’habita an Fensterscheiben und Balkonen kaum zu übersehen. Ursprünglich Name einer Aktivistengruppe, die sich für das Wohlergehen und die Rechte der Einheimischen einsetzt, hat sich der Spruch weiterverbreitet. Ciutat per qui l’habita ruft zu einem neuen Bewusstsein für die Folgen von Massentourismus auf und sendet eine klare Nachricht an die zuständigen Autoritäten: Es muss etwas getan werden. Eines der Ziele ist es die Aufmerksamkeit auf die unzähligen unbewohnten Immobilien in Palma de Mallorca zu lenken. Aufgrund von Plattformen wie AirBnB wurden viele städtische Gebäude für touristische Zwecke aufgekauft und werden nun als Urlaubsunterkünfte genutzt.  

Marc Morell, ein Mitglied von Ciutat per qui l’habita und Forscher an der Universitat de Les Illes Balears, hat sich genauer mit dem Gentrifizierungsprozess in Palma beschäftigt und sieht das größte Problem in der Mietsituation. „Das Problem der Mietsituation entsteht durch Angebot und Nachfrage. Die Besitzer verlangen einen Preis, den die meisten Mieter nicht zahlen können. Während sich die Bereitschaft und finanzielle Situation der potenziellen Mieter langsam aber stetig erhöht, sind die von den Besitzern verlangten Preise geradezu durch die Decke geschossen.“ Dabei zeigt er mit seinen beiden Armen auf der Tischplatte zwei unterschiedlich steigende Geraden an, einmal im 10-Grad-Winkel und einmal im 45-Grad-Winkel: „Über die Zeit wurde die Differenz immer größer.“ Marc argumentiert, dass die Gentrifizierung im Fall von Palma nicht durch die Neuankömmlinge verursacht werde. „Die sogenannte Mittelschicht, die in dieser Nachbarschaft wohnt, verändert zwar den Bewohnerquerschnitt, für die unbezahlbaren Mietpreise sind aber die Besitzer der Häuser und Wohnungen verantwortlich, die als Feriendomizil anngeboten werden.“ Während die Gentrifizierung in anderen Städten das Ergebnis einer Bewegung der wohlhabenden Mittelschicht in ärmeren Wohngegenden ist, meint Marc, dass die Situation in Palma mit der Nachfrage nach Ferienwohnungen zusammenhängt.

Ciutat per qui l’habita setzt sich auch für den Erhalt von öffentlichen Räumen ein, die immer mehr von Restaurantterrassen und Hotels eingenommen werden. Marc erzählt, wie sie kürzlich eine Veranstaltung organisierten, bei der sich eine große Gruppe von Menschen auf einem öffentlichen Platz traf, um gemeinsam dort zu essen. Es wurde kein gemütliches Abendessen. Die lokale Polizei verwies sie des Platzes und drohte mit hohen Geldstrafen. Die Erklärung: „Man würde die Fußgänger am Durchkommen hindern.“

„Unternehmen können diese Plätze zu Werbezwecken mieten, aber normalen Menschen wird verboten auf einem öffentlichen Platz zusammen zu essen… das neue Gesetz unterbindet eine freie Gesellschaft, die öffentlich Kritik übt.“ Dabei bezieht sich Marc auf das umstrittene Gesetz „Ley Mordaza“, welches den Umgang mit Demonstrationen  (auch friedlichen Sitzstreiks) regelt und unerlaubte Proteste verbietet.

Feliciano ist feliç

Doch nicht alle Mallorquiner stimmen mit Marc überein. Feliciano, Besitzer einer kleinen Bar mit dem Namen Merendero Minyones, welche in der Nähe des touristischen Passeig del Born liegt, erklärt, wie selbst Jobs, die zunächst keine direkte Verbindung mit der Tourismusbranche zu haben scheinen, von ihrem wirtschaftlichen Wachstum profitieren. Er begründet, dass obwohl die meisten seiner Kunden keine Touristen sind, seine Gäste sich aus Bauarbeitern, Maklern, Mechanikern, Tourguides und Kellnern der umliegenden Nachbarschaft zusammensetzen. Sie alle hängen indirekt vom Tourismus ab. „Diese Stadt lebt vom Tourismus. Keiner von uns hätte einen Job ohne diese Branche. Es ist unmöglich über Mallorca zu sprechen und den Tourismus außen vor zu lassen.“

Feliciano macht weiter und weist auf das zunehmend kosmopolitische Make-up seiner Nachbarschaft hin: „Früher war das kulturelle und soziale Profil der Personen aus meiner Nachbarschaft recht einseitig, jetzt habe ich Nachbarn mit den unterschiedlichsten Nationalitäten, Hautfarben, Altersstufen und sexueller Ausrichtung.“ Feliciano sieht in dieser breiten Vielfalt eine positive Veränderung, die der Tourismus in der Stadt hinterlassen hat.

Was viele allerdings häufig vergessen, wenn sie der wirtschaftlichen Argumentation folgen, ist die Frage nach dem Gewinn. Wer profitiert tatsächlich von dieser wirtschaftlichen Entwicklung? Fest steht, dass der Massentourismus auf Mallorca enorme Geldsummen hervorbringt, doch kommt der Reichtum auch bei den Inselbewohnern an? 

“So weit ist es schon gekommen”

Die Organisation Front comú en defensa del territori versucht den weit verbreiteten Mythos - Tourismus sei gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Wohlstand - zu entlarven. Bei einer Spendenaktion für einen Dokumentarfilm, der 2018 veröffentlicht werden soll, erklärt eines der Mitglieder die Motive und Gründe der Organisation: „Wir wollen den Menschen die tatsächlichen Folgen für die Bewohner Mallorcas zeigen. Uns wird immer erzählt, wie toll und wichtig Tourismus für die Wirtschaft ist, doch die Realität sieht anders aus. Es stimmt, dass wir vom Tourismus abhängig sind, doch ist dieses Verhältnis wirklich gesund und nachhaltig? Wir haben alles auf den Tourismus gesetzt, aber was ist, wenn die Blase platzt? Was passiert, wenn die Benzinpreise steigen und die Reisekosten in die Höhe schnellen? Wir müssen dringend eine nachhaltigere Beziehung zum Tourismussektor aufbauen. In den letzten Jahren sind die Zahlen immer weiter gestiegen, wir haben Weltrekordniveau erreicht. Doch auch die Insel ist an den Grenzen des Machbaren angelangt.“

Während des Protests am 23. September wurden Aussagen von vertriebenen Mietern und unterbezahlten Hotelangestellten unter Jubelrufen aus der Menge vorgelesen. Plötzlich war klar, dass zwischen den vermeintlichen Vorteilen des Massentourismus und der Realität der Einheimischen ein heftiger Graben klaffte. Die Organisatoren sprachen davon, verlorene Bestandteile des mallorquinischen Lebens zurückzugewinnen, die von einer übermäßig tourismusabhängigen Wirtschaft verdrängt wurden. Der Protest fand am Passeig del Born statt, wo sich auch Felicianos Bar befindet. Dort gibt es vor allem luxuriöse Designerläden und gehobene Restaurants. Der Passeig verläuft durch das Zentrum von Palma und endet an den königlichen Gärten und der Kathedrale - beides äußerst beliebte Orte für Touristen. Die umliegenden Viertel zeigen anschaulich, welche Art von Gentrifizierung Ciutat pro Qui l'Habita vermeiden will.

Angels Isern und Llucia Juan, beide 30 Jahre alt, waren Teil der Demonstartion und erklären uns ihre Beweggründe dafür. Sie äußern ihre Frustration über die steigenden Mietpreise in Palma und die Schwierigkeiten, die sie und ihre Freunde bei der Suche nach einer Unterkunft hatten. „Es ist mittlerweile fast unmöglich, für weniger als 800 Euro im Monat eine Wohnung in Palma zu finden. Vor ein paar Jahren war das noch so viel einfacher. Touristen übernachteten in Hotels und Ferienanlagen und kamen für ein oder zwei Tage in die Stadt“, sagte Angels. Llucia erläutert, wie dieser Wechsel von den Einheimischen ursprünglich sogar gefördert wurde: „Wir wollten, dass die Besucher die Insel kennenlernen. Ich habe ihnen immer gesagt: ‚Mieten Sie ein Auto und erkunden Sie die Insel. Bleiben Sie nicht nur im Hotel am Pool.‘ Wir wollten, dass die Urlauber sich in die lokale Kultur integrieren und mit den Menschen vor Ort interagieren. Aber jetzt, da AirBnB erfolgreicher denn je ist und die Autobahnen voll von Mietwagen sind, bin ich mir nicht sicher, ob es eine positive Veränderung ist.“

„Früher hatten wir Geheimtipps und verlassene Strände, an die wir gehen konnten und wussten, dass sie nicht voller Touristen sein würden“, erklärt Angels traurig. „Aber dank des Internets ist es für Touristen heute leichter, ein Auto zu mieten und nach den schönsten versteckten Stränden und Buchten zu suchen. Historische Monumente in den Bergen und malerische Städtchen, zu denen wir früher immer gefahren sind, sind jetzt voller Touristen und die Preise sind überall gestiegen.“

Der Tourismus hat geholfen, Mallorca zu einer der reichsten Regionen Spaniens zu machen, aber es ist auch klar zu sehen, dass es für junge Menschen dort immer schwieriger wird, eine Wohnung und eine langfristige Beschäftigung zu finden. Digitale Plattformen und der Wunsch der Touristen nach einer authentischen Erfahrung haben die Einwohner der Insel stark beeinflusst. Steigende Mietpreise und überfüllte öffentliche Räume führen dazu, dass die Mallorquiner ständig mit Touristen und den Nachbeben des Massentourismus in Kontakt kommen. Aber heute stellen sie sich der Situation, indem sie sagen, genug ist genug, „So weit ist es schon gekommen“.

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