Martine: Mama für einen Sommer

Artikel veröffentlicht am 22. August 2016
Artikel veröffentlicht am 22. August 2016

Martine hat sich diesen Sommer als Mama ausprobiert und im Rahmen eines spanischen Hilfsprogramms ein Flüchtlingskind aus der Westsahara aufgenommen.

Als Brahim vor zwei Monaten aus dem algerischen Tindouf ankommen soll, hat Martine weiche Knie. Es ist Ende Juni und der Bus aus Pamplona mit den Kindern hat sechs Stunden Verspätung. In der Sahara hatte es am Morgen einen Sandsturm gegeben. Alle anderen Familien, die heute in der nordspanischen Region La Rioja mitwarten, haben bereits andere Kinder dabei. “Da habe ich richtig Bammel bekommen und gedacht - oh mein Gott, worauf habe ich mich hier nur eingelassen?”

Martine, halb Spanierin und halb Französin, die eigentlich in Paris lebt, hat sich diesen Sommer entschieden, nicht noch eine x-te Reise zu machen. Schon lange hatte sie die Idee im Hinterkopf, ein Kind aus einem Flüchtlingscamp in Westsahara einige Wochen bei sich in Spanien aufzunehmen. Der Westsahara-Konflikt ist weltweit in Vergessenheit geraten. Seit Spanien die Kolonie 1975 aufgegeben hat, beansprucht Marokko bis heute einen großen Teil des Gebiets. 

Als Martine im Europaparlament arbeitete, hatte sie bereits die Chance das Flüchtlingscamp in Tindouf zu besuchen, das seit nunmehr 40 Jahren besteht. Dort hörte sie auch von dem spanischen Hilfsprogramm Vacaciones en Paz (Ferien in Frieden), in dessen Rahmen dieses Jahr für die Sommermonate um die 1000 Kinder in spanischen Familien untergebracht werden konnten. Die ersten Tage und Nächte mit dem 10-jährigen Brahim musste man sich erst aneinander gewöhnen. Soll er im Bett oder auf dem Boden schlafen? Mittlerweile haben Martine und Brahim einen guten Deal gefunden: “Ich schlafe diesen Sommer wie du in der Sahara, und du schläfst wie ich normalerweise hier zuhause im Bett.”

Während wir skypen, kocht Martines Opa Mittagessen. Denn das Tagesprogramm ist straff. Punkt 13 Uhr, wenn der Junge vom Sport zurückkommt, wird gegessen. Dann der obligatorische Mittagsschlaf, tagsüber klettern die Temperaturen auf über 40 Grad. Die Familie, die in der spanischen Region La Rioja lebt, greift Martine kräftig unter die Arme. Denn es ist gar nicht so einfach, von heute auf morgen und ganz ohne Vorbereitung Mama zu werden. “Ich wusste nicht, was da auf mich zukommt. Das Kind kommt ja und ist schon ziemlich groß. Man wächst nicht zusammen. Nach 10 Tagen war ich körperlich erstmal am Ende.”

Dass ihr Freund Arabisch sprach, kam Brahim und Martines Familie am Anfang sehr zu Hilfe. In unsicheren Momenten konnte der Junge so in seiner Muttersprache kommunizieren. Nur zu seiner komplizierten Familiensituation will Brahim nichts sagen. “Uns ist es egal, wer deine Eltern sind, wir sind jetzt deine spanische Familie, haben wir dann gesagt. Und er nennt mich seine spanische Mama”, sagt Martine und strahlt.

Am Tisch und in Familie wird jetzt nur noch Spanisch gesprochen, diese Regel wurde schnell aufgestellt. Der schönste Moment war eigentlich die größte Normalität, erinnert sich Martine, als Brahim allein zum Sport ging. “Er klingelte als er zurück zum Mittagessen kam und war so stolz und glücklich, dass er die 200 Meter alleine geschafft hat.” Und natürlich als er nach 2 Wochen das Schimmen gelernt hatte.

Ob diese Art des Engagements etwas für jedermann sei? “Man muss offen und geduldig sein, bereit, nicht immer seine eigene Weltanschauung auf das Kind zu projizieren”, sagt Martine. “Der kommt her mit anderen Ideen. Muss man z.B. mit einer Gabel essen? Er ist daran gewöhnt mit Brot zu essen und das machen die meisten Völker auf der Erde so. Mein Vater insistierte aber, dass er doch mit der Gabel essen soll. Und dann habe ich gefragt: Papa, und wenn du in die Sahara fährst, isst du mit der Gabel oder mit dem Brot? Und er sagte: Mit einer Gabel. Da habe ich gesagt: Dann spielst du das Spiel nicht mit. Weil das heißt, dass dein kulturelles Modell mehr wert ist als andere. Und damit bin ich nicht einverstanden.” Und isst Brahim nun mit der Gabel oder mit dem Brot? “Mit beiden. Das kommt ganz darauf an, ob es Spaghetti gibt.”

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Dieser Artikel ist Teil unserer Sommerserie 'The other side of summer'