Martha Wiessing: „Die Deutschen sind eifersüchtig“

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2008

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Trotz ihrer 79 Jahre verwandelt Martha Wiessing jeden Samstag ihre Galerie jüdischer Kunst in Amsterdam in einen multikulturellen Beichtstuhl. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Nachkriegsspanien: “Was soll ich dir erzählen?”

Vor zwei Jahren lernte ich Martha Wiessing kennen, Herrscherin über und Künstlerin in der Galerie für jüdische Skulptur und Malerei „Linka“, in der Prinsengracht, einem der Hauptkanäle Amsterdams. Die Energie der fast 80-Jährigen nahm mich gefangen. An einem x-beliebigen Samstag wird ihr Ausstellungsraum zu einer improvisierten und multikulturellen Zusammenkunft, um über alltägliche Probleme zu diskutieren - eine Art Beichtstuhl. Auf dem Rückweg meiner Reise grübelte ich, welche Vergangenheit Martha Wiessing verbirgt: Hat sie ein Konzentrationslager wie Auschwitz überlebt? Am heutigen 22. November 2008, wiederum ein Samstag, schicke ich mich an, mehr über diese besondere Frau in Erfahrung zu bringen, die die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer auf die Probe stellt, weil sie im Laufe des Gesprächs immer wieder Zeichnungen anfertigt.

©Clara FajardoEs ist 12 Uhr mittags, die Galerie ist geschlossen. Ich klingele und höre, wie jemand aus dem Fenster im dritten Stock nach mir pfeift. Martha beugt sich aus dem Fenster, mit einem Schal gegen die ersten Schneeflocken des Jahres in Amsterdam gewappnet. Sie bittet mich auf Englisch zu warten, damit sie aufmachen kann. Beim Eintreten kann ich die vielen Geschichten förmlich riechen, die sich am Ende des Flurs stapeln: Zeitungsausschnitte, Bücher, Fotos, Bilderentwürfe. Ein Chaos, das Martha perfekt beherrscht. Die Wärme der gerade angeschalteten Elektroheizung gibt mir das nötige Vertrauen, um das Interview zu beginnen. Um die Geschichte der Galerie nachzuvollziehen, muss man sich erst mit Marthas Lebensgeschichte auseinandersetzen. Also antworte ich auf ihre Frage, „Was soll ich dir erzählen?“ einfach: “Dein Leben”.

“Als Kind war ich häufig krank. An die wichtigen historische Ereignisse erinnere ich mich, weil ich jedes Mal krank im Bett lag: September 1939, die Invasion Polens, die Befreiung der Niederlande im Juni 1945. Ich bedauere, dass der gut aussehende kanadische Soldat, der kam, um mich zu retten, mich so fürchterlich gesehen hat.”, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln.

Der Krieg, ein Kinderspiel

Die Künstlerin bewertet die 8 Monate, die sie wegen des Krieges in einem Hotel in Veluwe, einem Dorf in Nordholland, eingesperrt war, als ein “unterhaltsames Kinderspiel”. Auch wenn ihr Gesicht sich vor Traurigkeit verdunkelt, als sie die Behandlung der anderen „Gäste“ im Hotel durch die Deutschen schildert, erklärt sie, dass ihre kindliche Unschuld einen inneren Konflikt verhinderte. “Nur die Schreie der Deutschen konnte ich nicht ertragen. Sie können nicht normal reden, nur schreien”. Einer der Mieter in Marthas Haus ist Deutscher. Jedes mal wenn er sich mit Frau oder Kindern streitet, bittet sie ihn, dies auf der Straße zu tun, weil der laute Tonfall der deutschen Sprache sie aus der Fassung bringt. “Ich bin alt, so alt, und jetzt habe ich den Faden verloren. Wo waren wir? Oh ja, Kinderspiele”. Während wir reden, zeichnet Martha Wiessing ganz alltägliche Dinge, wie beispielsweise das Wasserholen aus dem Hotelbrunnen. Für Martha sind die Deutschen in ihrem Innern einfach nur „eifersüchtig auf Menschen“ wie sie und ihre Familie, die ihnen „an Intelligenz überlegen waren“. 

Nach dem Krieg konnte Martha mit ihrer Familie zurückkehren in ihr Haus in der Huyghenslaan und den Geburtstag ihrer bolivianischen Mutter feiern, nachdem sie ihr Heim aus den Kriegstrümmern wieder aufgebaut hatten. “Außerdem”, fügt sie hinzu “hat mein Vater seine Textilfabrik bald zurückerhalten und so war die Rückkehr zur Normalität veloce [schnell]". Wir werden von ihrem Großneffen Sven unterbrochen, der die Galerie betritt, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist. Martha sagt mir auf Spanisch, dass es sie wütend macht, dass so junge Menschen sich um sie kümmern müssen. “Jetzt rufen sie mich grandnanie (Großmütterchen)". Mit einem Pfiff, den sie seit der Grundschule beherrscht, komplementiert Martha ihn hinaus und nimmt eines der 21 Alben, in denen sie seit Ende der 50er Jahre alles zusammengetragen hat, was ihre Galerie angeht, und beginnt die Reise durch ihre berufliche Karriere.

Als Kindermädchen im Nachkriegsspanien

Nachdem sie mit 18 Jahren das Kunststudium in Arnheim begonnen hatte, weckte Martha ihren Vater das erste Mal in ihrem Leben aus seinem tiefen Schlaf, um ihn um Erlaubnis zu bitten, nach Spanien gehen zu dürfen. Es war das Jahr 1948. Sie hatte in einer katholischen Zeitschrift gelesen, dass man in Malaga ein englischsprachiges Kindermädchen suchte. Martha sah darin ihre Chance, die Welt kennen zu lernen. 5 Jahre lang pendelte sie zwischen Spanien und Italien hin und her, weswegen sie manchmal die beiden Sprachen vermischt. Aber die sechs glücklichsten Monate ihres Lebens verbrachte sie in Toledo. Dort, erzählt Martha, lernte sie Menschen aus aller Welt kennen, verschiedene Kulturen, andere Sichtweisen, in einem Spanien, in dem ihr die Uniformen der Guardia Civil wie „unheimliche Verkleidungen“ vorkamen.

“Ich konnte nie den Mund halten”

Im Jahr 1958 zog Martha endgültig nach Amsterdam. Zusammen mit der israelischen Künstlerin Silvia Linka, die sie in Toledo kennen gelernt hatte, eröffneten sie die Galerie. Als Quasselstrippe bestens geeignet, übernahm Martha die Öffentlichkeitsarbeit. “Ich konnte nie den Mund halten, und deswegen wurde ich in der Schule oft bestraft.”

Nach dem Durchforsten von Marthas Alben verstehe ich, warum ihre Galerie und ihr Haus während der letzten 50 Jahre für alle ein Heim gewesen sind. Ihr Blick lässt den Reichtum dessen erahnen, was sie erlebt hat. Sie ist mit sich selbst im Reinen. Martha Wiessing ist viel zu gesellig, um sich von familiären Bindungen lösen zu wollen. Martha hat das Leben gespürt, genossen und gelitten, geliebt und gehasst. All dies spiegelt sich in ihren Werken wider. Sie sind davon durchtränkt und jetzt schließt die Galerie Linka für immer.

Bevor wir uns verabschieden, gesteht sie mir, dass sie vom Internet nicht den reinsten Schimmer hat, dass ich aber dieses Porträt ausdrucken und ihr auf normalem Postweg schicken soll. Sie gibt den jungen Europäern einen Rat: “Europa kann keine Einheit werden, weil sich die Teile zu sehr unterscheiden, aber die Länder können sich einander annähern - mit sorgfältiger Beobachtung, wie bei jedem Schritt, den man macht, bevor man ein großes Kunstwerk fertig stellt.” “Seid gesellig und beobachtet, alles ist vorhanden”. Bevor sie mich umarmt, warnt sich mich davor, den Fallschirmen in meinem Flugzeug zu vertrauen, denn „diese Dinger funktionieren nie“. Dann stimmt sie ein französisches Lied an, das von der Zurückweisung eines Jungen auf Freiersfüßen erzählt, denn die Rothaarigen sind gefährlich und die Brünetten misstrauisch.

Auf der anderen Straßenseite wartet ihr Großneffe Sven auf mich. Er eröffnet mir, dass er nicht “befugt” ist, zu bestätigen oder zu leugnen, dass Martha eine Überlebende von Auschwitz ist. Sie selber wollte nicht mehr erzählen und so bleiben mir nur ihre Erlebnisse im Hotel von Veluwe.