Marseille: Die Kunst geht auf die Straße

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2017
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2017

Einmal jährlich ist Europa zu Gast bei Travellings, einem Streetart-Festival in Les Aygalades, Vorort im Norden von Marseille. Momentaufnahme der künstlerischen Korrespondenzen zwischen Performern und Anwohnern. 

Es ist schon dunkel als wir durch den A7-Tunnel in einem Vorort in Marseille waten. Langsam laufen wir an diesem Septemberabend in die anbrechende Nacht gehüllt bis zu dem kleinen Park, in dem ein Freiluft-Theaterstück im Rahmen eines Festivals vorgeführt werden soll. Vor uns geht Maxime, der für das Festival arbeitet. Mit Taschenlampe in der Hand. Er plappert fast durchgängig. Es kommt nicht allzu oft vor, dass sich Touristen oder andere Neugierige in einem der quartiers prioritaires von Marseille verlaufen: Les Aygalades. Und wenn es doch manchmal passiert, dann sicherlich im Rahmen des europäischen Festivals Travellings.

Einmal im Jahr bezieht das Festival den Kunsthof Cité des arts et de la rue in Les Aygalades, diesem Viertel im 15 Arrondissement im Norden von Marseille. Wenn man hier von quartiers Nord sprechen hört, dann ist der Kontext gleich mitgeliefert - gemeint sind die ziemlich heruntergekommenen Vororte der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Les Aygalades - da wären auf den ersten Blick furchtbare Bauklötze in ockergelb, sozialer Wohnungsbau, die Autobahn A7, die das Viertel wie eine Miniatur der Berliner Mauer in zwei Hälften teilt. Aber Les Aygalades sind eben auch neugierige Kindergesichter, tausende Geschichten von Einwandererfamilien, Jugendliche wie Nas und Ryan, die rauchen und von einer internationalen Rap-Karriere träumen, Wäscheleinen und Neugierige, versteckt hinter ihren Fenstern, wenn sie die kleine Meute junger und weniger junger Menschen mit ihren hippen Tote Bags aus dem Stadtzentrum einfallen sehen.

Auch 2017 hat die vierte Auflage von Travellings, das Europa-Event des Veranstalters Lieux publics, wieder zahlreiche Künstler vom ganzen Kontinent für ein jährliches Treffen zwischen Künstlern und Bewohnern eingeladen. Unterstützt wird die Aktion außerdem von der interkulturellen Plattform In Situ. Da sind ein Italiener (Marco Barotti), der die Wellen von Smartphones als Androiden-Gezwitscher einfängt, eine Bulgarin (Veronika Tzekova), die in ihrer Performance ein Fußballspiel mit vier Teams im Stade de l'Oasis wagt, Stadion des Viertels, dessen „Name sie kaum aussprechen kann”; ein griechischer Storyteller (Alexandros Mistriotis), der griechisch-französische Poesie aus einer Metallkiste auf seinen Knien vor dem Sonnenuntergang mit Vorort-Charme liest. Das oft magische Ambiente der Kontraste stellt sich immer wieder ein, zum Beispiel auch dann, wenn die österreichische Kompanie Liquid Loft überall in Europa aufgenommene Sprachfetzen auf der großen Freiluftbühne des Kunsthofs tanzt (Foreign Tongues). Das Treffen hat etwas Intimes. Man kennt sich unter Künstlern und Festivalgängern. An der improvisierten Bar am Eingang empfängt ein auf den Kopf gestellter Linienbus das Publikum. Hier gibt es ein frisch gezapftes Bier oder hausgemachtes Essen, bevor es zur nächsten Performance geht.

Heute Abend im Park geht es drunter und drüber. Ein überdimensional großes Nest steht mitten auf dem Spielplatz. In diesem sollen die Tänzer der Pariser Tanzkompanie ADHOK jetzt gleich ihre Performance Immortels (Le Nid et L’Envol; dt. Unsterblich - das Nest, der Höhenflug) aufführen, die sich mit dem Jungsein im Jahr 2017 auseinandersetzt. Unter den Zuschauern sind vor allem Kinder, die den Weitgereisten Chipstüten reichen und auf das Startsignal warten. Manchmal hört und sieht man ein paar Knaller in die Luft gehen. „Es ist mitunter schon schwierig, man muss sich dem Spielort anpassen. Die jungen Leute waren hier schon ganz schön aufgebracht. Wir spielen ja in einem geschlossenen Ort, einem hohen Nest. Beim kleinsten Geräusch wissen wir nicht, woher es kommt. Es stimmt schon, unter solchen Bedingungen zu spielen, ist nicht immer einfach. Da muss man sich manchmal ganz schön zusammenreißen”, sagt eine der Tänzerinnen. „Aber es gibt auch eine dankbare Seite, hier spielen zu dürfen. Das Theater der Straße ist eben nicht nur kulturell, sondern auch sozial”, antwortet ein weiteres Mitglied der Kompanie.

Nach der Vorstellung leert sich der Park umgehend. Die wenigen Besucher aus dem Stadtzentrum von Marseille gruppieren sich um die extra für den Anlass aus dem Boden gestampfte Bar neben der Freiluftbühne. Die Girlande rund um die Bar gibt das einzige Licht inmitten dieses Nirgendwo. Hier steht ein kleines Insider-Publikum aus Paris oder Pristina und tauscht sich über die Aufführung oder Europa aus. Und auch wenn sich das Ganze ein wenig wie Sozialtourismus anfühlt, ist das Festival Travellings wohl eine der raren Korrespondenzen zwischen Europa und Les Aygalades. Fünf Minuten noch und die Zeit ist gekommen, den letzten Shuttle-Bus zurück ins Stadtzentrum von Marseille zu nehmen. Durchgeschüttelt vom lokalen Fahrstil und dem Facettenreichtum der Vorführungen.

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