Marokkaner in Sevilla: Auf dem Weg zurück?

Artikel veröffentlicht am 6. April 2012
Artikel veröffentlicht am 6. April 2012
Durch seine maurischen Einflüsse haben Andalusien und Sevilla, die Hauptstadt der Region, eine lang andauernde Beziehung mit dem Maghreb, auch wenn diese in der Vergangenheit nicht immer positiv war. Aufgrund der Krise im Bausektor sei die stärkste Gemeinschaft - die marokkanische - nun dabei, die Rückreise in die Heimat anzutreten. Tatsächlich?

Das Vecinal Pumarejo Center in Sevilla ist ein Mikrokosmos. Vor fünfzehn Jahren war das größte Gemeindezentrum im Stadtteil San Louis ein heruntergekommenes, besetztes Anwesen. Der Platz vor dem Gemeindehaus war ein Treffpunkt der Drogenszene und bekannt für gelegentliche Gewaltexzesse. Heute sind die meisten Häuser im Umkreis bewohnt, der Platz ist von Zitronenbäumen überwuchert und das Erdgeschoss beherbergt mehrere Gemeindeorganisationen. 

Im letzten Jahrzehnt haben viele Singles mit geringem Einkommen die Arbeiterfamilien, die davor die engen Terrassen von San Luis bewohnt haben, abgelöst. Aber wie in ganz Sevilla ist auch in San Luis nicht alles Gold was glänzt. Die klamme Stadtverwaltung droht, das neu renovierte Gebäude zum Verkauf anzubieten. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die in Spanien von der Wirtschaftskrise betroffen sind und im Zentrum Sevillas nach Hilfe suchen.

2006 lebten ca. 3000 Marokkaner in der andalusischen Hauptstadt, die größte Migranten-Community Sevillas.

Marokkaner in La Macarena

Carlos Serrano, ein Mitarbeiter im Gemeindezentrum, der sich für die sozialen Rechte der Anwohner einsetzt, sagt, dass mehr und mehr Menschen nach Hilfe suchen. „Vorher brauchten die Leute Hilfe beim Ausfüllen der Dokumente. Doch mittlerweile kommen sie, um nach Arbeit zu suchen oder aus Angst ihr Haus zu verlieren“. Viele von ihnen sind Migranten aus dem nahe gelegenen LaMacarena. Während der Stadtteil mit seinen Wohnblöcken aus den 1950er und 1960er Jahren zur Jahrtausendwende von älteren Andalusiern bewohnt wurde, sind im letzten Jahrzehnt viele Migranten aus Ecuador und Nordafrika hinzugezogen, was man an den zahlreichen Phoneshops und Schnellimbissen an der Avenida Doctor Leal Castano erkennen kann.

La Macarena ist das Herz der marokkanischen Gemeinschaft in Sevilla. 2006 waren die 3000 Marokkaner Sevillas die größte Migrantengemeinde der andalusischen Hauptstadt. Durch die maurischen Einflüsse haben Andalusien und Sevilla eine lang andauernde Beziehung mit dem Maghreb. Allerdings begann die derzeitige Einwanderungswelle von Marokkanern erst in den 1970er Jahren. Während des Häuserbooms in den 1990er Jahren stieg die Anzahl der Immigranten weiterhin drastisch an. Von 1998 bis 2009 verzehnfachte sich die Einwanderungsquote sogar. Mittlerweile leben 500.000 Marokkaner in Spanien

Eine Frage der Wirtschaftslage

Die Wirtschaftskrise hat die Einwanderer besonders hart getroffen. Laut einer Umfrage zur Arbeitslosigkeit im Jahr 2009 waren 31% der männlichen Ausländer in Spanien arbeitslos, während der Landesdurchschnitt bei 15% lag. Simone Castellani, ein Anthropologe der Universität von Sevilla, der sich insbesondere mit der marokkanischen Einwanderung zweiter Generation beschäftigt, meint, dass sich die Situation der Marokkaner besonders nach 2008 dramatisch verschlechtert habe. Durch den Einbruch im Bausektor, in dem gut die Hälfte aller Einwanderer eingestellt waren, seien viele Arbeitsplätze weggefallen. Viele männliche Arbeitnehmer haben seitdem keine Weiterbeschäftigung gefunden. Viele Frauen, die meist in der Gastronomie und im Pflegesektor arbeiten, haben dagegen ihren Job behalten können, auch wenn die Gehälter teilweise reduziert wurden. Viele Migranten haben sich durch die billigen Kredite und hohen Gehälter ein eigenes Zuhause finanzieren können. Durch den Wegfall von Arbeitsplätzen haben Banken jedoch begonnen, die Kredite einzufordern und tragen so zusätzlich zur Mittellosigkeit der Migranten bei.

Carlos Serrano vom Vecinal Pumarjero Gemeindezentrum schätzt, dass 20% bis 30% der Migranten aus Sevilla in ihre Heimatländer zurückkehren werden. Einige von ihnen haben bereits das „Freiwillige-Rückkehr Programm“ („plan der retorno voluntario“), welches die sozialistische Regierung unter Zapatero 2008 eingeführt hat, um Migranten zur Rückkehr zu bewegen, in Anspruch genommen. Das Programm sieht vor, dass sich Migranten, die ihren Job verloren haben, ihren gesamten Anspruch auf Arbeitslosengeld in zwei Raten auszahlen lassen können, wenn sie Spanien anschließend für mindestens drei Jahre verlassen. Die damalige Migrationsministerin Anna Terron bezeichnete die Idee des Programms im TimeMagazine Anfang 2011 als „relativ einfach“: „In der derzeitigen Situation hilft es allen, wenn jeder, der in sein Heimatland zurückkehren möchte, die Möglichkeit dazu hat“. Viele Migrantenorganisationen haben diese Logik jedoch kritisiert, da das Programm einen Keil zwischen Spanier und Einwanderer treiben könnte.

Politische Integration

Die Effektivität des Programms selbst ist umstritten. 2008 hatte der damalige Minister für Arbeit und Migration behauptet, dass eine Million Immigranten zurückkehren wollen. Im Oktober des gleichen Jahres wurde diese Zahl auf 87.000 nach unten korrigiert. Bis März wollten nur 3.700 Personen in ihre Heimatländer ausreisen. Unter diesen Personen waren nur 20 Marokkaner. „Die Motivation der spanischen Regierung war, die Situation für spanische Arbeiter zu verbessern. Aber für Marokkaner ist und bleibt es lukrativer in Spanien zu bleiben, als nach Marokko auszureisen“, so Julia Kushigian, Professor am Connecticut College für Spanischstudien, die sich mit der marokkanischen Immigration in Sevilla beschäftigt hat.

Obwohl viele Marokkaner entschieden haben, in Spanien zu bleiben, steht die Gemeinschaft vor großen Schwierigkeiten. Laut einer Umfrage des niederländischen Meinungsforschungsinstitut BVA denken 80% der in Europa ansässigen Marokkaner, dass es aufgrund ihrer Herkunft schwieriger ist, einen Job zu finden. Nur 28% meinten, in ständigen Kontakt mit Spaniern zu stehen. „Ein visueller Reminder, der die Spannungen zwischen beiden Völkern veranschaulicht, sind die arabischen Straßenschilder an der Südküste Spaniens, die auf arabisch den Weg nach Marokko weisen“, so Kushigian.

Einer der journalistischen Veteranen Andalusiens, Juan Jose Tellez, widmet sich seit 30 Jahren dem Thema Einwanderung in Spaniens sonnigem Süden. Bei einem Kaffee in der Nähe der berühmten Plaza del Toros  - Symbol der Stadt und ihrer Stierkampftradition - plaudert er aus dem Nähkästchen. Für ihn seien die Andalusier weniger gastfreundlich, als sie sich selbst eingestehen wollen. „Die Andalusier sehen sich vor allem als Christen und akzeptieren andere Religionen nur zögerlich. Alle Moscheen in Sevilla sind inoffizielle Einrichtungen“, so Tellez. Er glaubt, dass einer der Lösungsansätze in der Annäherung von Politik und Immigranten liegen könnte. „Die meisten Einwanderer haben keinerlei politisches Leben hier. Unsere Politiker haben es nicht geschafft, diesen Teil der Realität mit einzubeziehen. Wir können das Problem nicht lösen, solange unsere Einwanderer nicht in Politik und Medien mitmischen“.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2011/2012. Vielen Dank an das Localteam in Sevilla.

Illustrationen: (cc)Herman Rhoids/flickr; Im Text ©Agata Jaskot