Marinaleda: Das Utopia ohne Arbeitslosigkeit

Artikel veröffentlicht am 1. August 2014
Artikel veröffentlicht am 1. August 2014

In Spanien versucht eine 2.800 Seelen Stadt die Idee des Sozialismus am Leben zu erhalten. Dieser magische Ort heißt Marinaleda. Aber was befindet sich hinter Worten und Slogans? Eine Reise in Bildern, an einen Ort, an dem Arbeitslosigkeit „nicht existiert“.

Marinaleda ist ein realexistierendes Utopia. Es ist eine kleine Stadt in Andalusien, die, wenn es nach der ausländischen Presse ginge, keine Arbeitslosigkeit kennt. Die offizielle Arbeitslosenzahl in Spanien liegt bei 29 Prozent. Aber wo sind die Grenze zwischen Utopie und Realität?

Marinaleda ist eine Stadt Andalusien mit 2.650 Anwohnern. In den 1980gern, war der Aktivist Juan Manuel Sánchez Gor­dil­lo, der bis heute der Bürgermeister der Stadt ist, einer der größten Bodenbesitzer zusammen mit einigen seiner com­pañeros. So wurde das heutige Marinaleda geboren. Bis heute versucht Gordillos Verwaltung hier ein einzigartiges urbanes Projekt zu schaffen.

In einem Land, das eine Immobilienkrise fast zu Grunde gerichtet hat, bauen sich in Marinaleda die Menschen ihr eigene Häuser ganz ohne Kredite. Ein Stück Land wird jedem Selbstbauer umsonst zur Verfügung gestellt. Dank eines Abkommens mit der andalusischen Regierung, ist sogar das Baumaterial umsonst. Lediglich 15 Euro muss ein Hausbesitzer pro Monat an Gebühr bezahlen. Da alle Häuser in Marinaldeda selbst gebaut werden, sind viele der 350 Bauprojekte noch nicht fertiggestellt. 

Mein erster Stop ist die Stadtverwaltung. Der Bürgermeister Juan Manuel Sanchez Gordillo (der vor Kurzem aufgrund eines Mangels an Beweisen für die Plünderung eines Supermarkts, an dem sich Hunderte von Menschen beteiligt hatten freigesprochen wurde) hat leider keine Zeit für ein Treffen. Also machen verabreden wir ein Treffen mit dem stellvertretenden Bürgermeister für den Nachmittag. Währenddessen streunern wir im Gebäude rum und finden einen öffentlichen Computerraum. 

Ein Mitarbeiter erzählt uns, dass hier nicht viele Menschen herkommen. Die meisten Bewohner von Marinaleda sind Farmer, die kaum mehr als mindeste Bildungsstandards haben. Außerdem gäbe es hier kaum spezialisierte Trainingsprogramme, während der unternehmerische Geist hier sehr stark ausgeprägt sei. Wenn die Zukunft tatsächlich in den Händen junger Menschen liegt, dann müssen wir natürlich bei der öffentlichen Schule vorbeischauen.



Jorge Delgado Martin, der Schulleiter der En­car­na­ción Ruiz Por­ras Schule, begrüßt uns hier sofort.  Er erklärt uns dann, das der Lehrstoff von der Region Andalusien festgelegt wird. 

Im Mittelpunkt der Erziehung in der Schule von Marinaleda steht die Erziehung im Gartenbau, an dem alle Kinder teilnehmen müssen. Der Bürgerunterricht steht beispielhaft für die tief verwurzelten sozialistischen Ideale, die in diesem Teil Spaniens vermittelt werden sollen.

Wir kommen an einer Sparbank vorbei. Wegen des Bankgeheimnisses kann uns dort aber leider nicht auf unsere Fragen geantwortet werden. Was gibt es für Transaktionen in Marinaleda? Wer sind die Kunden dieser Bank? Hat die Stadtverwaltung hier ihr eigenes Konto? Neben den Gehältern der Bevölkerung, die recht niedrig sind, kommt ein Teil der Geldes, das hiern im Umlauf ist, aus der Tasche der PER (Plan de Empleo Rural, Anmerkung der Redaktion). Eine Agrarsubvention von 325.000 Euro erreicht die Stadt Marinaleda jeden Tag. Diese Summe erhalten die Farmer unter bestimmten Bedingungen. Viele Bewohner hilft diese Subvention auch, um das Material für ihr Bauprojekt zu finanzieren. 

Von Angesicht zu Angesicht

Als wir schließlich in die Büros der Stadtverwaltung gebeten werden, hören wir, wie sich dort jemand über Diebstahl beschwert. Warum wird der Diebstahl nicht der Polizei gemeldet? Wir stellen diese Frage auch der verstellvertretenden Bürgermeisterin Esperanza Saavedra, die uns nun endlich empfangen hat, stellen.

„Hier in Marinaleda gibt es keine Polizei. Wir glauben an das Gewissen der Bürger und lehnen Unterdrückung ab“, erklärt sie uns. „Wir bevorzugen es zum Beispiel dafür zu sorgen, dass es in der Stadt ein bezahlbares Schwimmbad gibt.“

Gerade als wir das Büro verlassen, treffen wir vor der Tür einen jungen Mann mitte 20 und eine Dame. Die beiden suchen nach einem Job. War das hier nicht ein utopischer Ort, an dem Arbeitslosigkeit nicht existiert? „Nicht mehr“, versichern die beiden uns. Jeder arbeitet in dieser Stadt, aber durchschnittlich nur fünf Tage im Monat für ein Gehalt von 235 Euro. In anderen Worten: die Krise hat auch Marinaleda gefunden. Mitarbeiter werden nicht sofort bezahlt und manchmal kommt das Gehalt drei Wochen zu spät an.

Die Stadtverwaltung konnte uns nicht genau sagen, wie hoch die Arbeitslosenquote offiziell ist. Einer Studie des Servicio Publico de Empleo Estatal (National Centre for Employment; Anmerkung der Redaktion) zu Folge, haben von den 2.800 Einwohnern der Stadt nur 199 einen angemeldeten Arbeitsvertrag. Die meisten davon sind befristet und im Agrikulturbereich.

Wir treffen verschiedene Menschen in der Bar. Besonders Farmer, die gerade von der Olivenernte zurückkommen. Hier wie fast überall in der Stadt (außer in der Bank), tragen die Leute hier Trainingsanzüge, diese wirken hier fast wie Uniformen. Der sowjetische Charakter von Marinaleda zeigt sich auch durch den Van, der jeden Abend mit Lautsprechern durch die Stadt fährt. Den Farmerkollektiven, die alle ihren eigenen Namen haben, wird hier bekannt gegen, welches Feld sie am nächsten Tag bearbeiten können.

Als wir in Marinaleda ankamen, hatten wir die Hoffnung ein Utopia zu finden. Nichts könnte hingegen weiter von der Realität entfernt sein. In der Stadt gibt es weder ausreichende Weiterbildungsmöglichkeiten, noch Unterstützung für Unternehmen. Der Bürgermeister, der hier bereits seit 35 Jahren im Amt ist, hat eine Welt nach seinem eigenen Abbild geschaffen: ein pseudo-kommunistisches Projekt, das keine Raum für Veränderung lässt.

An diesem „Nichtort“ hat der Stadtrat keine Arbeitsplätze für Menschen geschaffen. Die Stadt ist auf regionale, nationale und EU Fördergelder angewiesen. Marinaleda wurde für „Paz, Pan y Tra­bajo“ (Frieden, Brot und Arbeit, Anmerkung der Redaktion) gegründet. Arbeit, die gesichertes Einkommen verschafft, gibt es hier nicht aber nicht.

Ein besonderer Dank gilt Clara Fla­jardo Trigueros, die unsere Journalistin nach Marinaleda gefahren hat und eine große Hilfe für die Umsetzung dieses Artikels war. 

DIE­SER AR­TI­KEL IST TEIL EINER SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE ÜBER DIE STADT SE­VIL­LA, DAS IM RAH­MEN DES PRO­JEKTS « EU-TO­PIA TIME TO VOTE » DURCH­GE­FÜHRT WIRD. EINE IN­ITIA­TI­VE VON CA­FÉ­BA­BEL IN ZU­SAM­MEN­AR­BEIT MIT DER HIP­PO­CRÈNE-STIF­TUNG, DER EU­RO­PÄI­SCHEN KOM­MIS­SI­ON UND DEM FRAN­ZÖ­SI­SCHEN AUS­SEN­MI­NIS­TE­RI­UM. BALD FIN­DET IHR ALLE AR­TI­KEL AUS SE­VIL­LA AUF DER ERS­TEN SEITE UN­SE­RES MA­GA­ZINS.