Margaret Thatcher-Film 'Die Eiserne Lady': eisern aber ehrlich

Artikel veröffentlicht am 5. März 2012
Artikel veröffentlicht am 5. März 2012
Die Eiserne Lady zeichnet ein einfaches Bild von Margaret Thatcher, dargestellt von Meryl Streep, Golden Globe- und Oscar-Gewinnerin 2012. Der Film beschreibt ihren bescheidenen Politikstil und wirft einen nostalgischen Blick auf Thatchers Regentenzeit. Eine Filmkritik aus Spanien.

Sie ist weiter gegangen als jede Andere: sie schloss Mienen, privatisierte den halben Staat, eroberte die Falkland-Inseln für Großbritannien zurück. Sie trug bescheidene Hosenanzüge, eine Perlenkette, das Haar zurückgekämmt. Sie ist eine Frau, die Worten Taten folgen lässt. Sie kürzte, sparte, erschloss neue Märkte. Sie tat was nötig war, um Großbritannien wieder auf Vordermann zu bringen. Nebenbei überwand sie Jahrhunderte des Chauvinismus und Elitismus. Sie war die erste und seitdem letzte Frau, die in die Downing Street Nr. 10 einzog.

Parallelen zur heutigen Politik

Die Eiserne Lady porträtiert Margaret Thatcher als senile Frau, die von den Geistern ihrer Vergangenheit in ihrem Londoner Zuhause heimgesucht wird. Aber der Film wirft auch einen mitfühlenden Blick auf Großbritanniens einstige konservative Premierministerin (1979 -1990). Rückblenden beschreiben den Weg der verwitweten Mutter zweier Kinder in die Politik. Das Augenmerk liegt auf ihrem Privatleben. Nur selten berührt der Film die dunklen Momente, die sie während ihrer Zeit als Premierministerin durchaus erlebte. Massenentlassungen, Streiks und gewalttätige Demonstrationen zeigen sich lediglich als eine Aneinanderreihung von Szenen, verbunden durch Musik. Keine Erwähnung finden zum Beispiel ihre Verbindungen zu dem ehemaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet. Der Film bleibt simpel, er soll den Massen gefallen. Selbst Meryl Streep, von Kritikern hochgelobt und technisch fehlerfrei, kann an dessen Einfachheit nichts ändern.

Rechts: Margaret Thatcher, Premierministerin.

Streep überrascht als "eiserne Lady". Viele Entscheidungen, mit denen sich Thatcher im Film konfrontiert sieht, haben bis heute Relevanz. Die Regierungsspitzen Europas entscheiden täglich über ähnliche Situationen: Mienen oder Werften? Renten oder Krankenhausbetten? Fördergelder für Studenten oder Zugangsprüfungen? Politiker sprechen von Kürzungen, Einsparungen und Deckelung. Ihnen zufolge muss der öffentliche Sektor “abspecken”, als ginge es darum einfach ein paar Kilo loszuwerden, um wieder in Form zu kommen Doch Ideologie beiseite: “Meryl Thatcher” sprüht vor Energie und Temperament. Jede ihrer Zeilen überzeugt. Aus dem Zentrum des Films heraus scheint sie jede Handlung in der realen Welt zu steuern und zu kontrollieren. Wütende Demonstranten pressen ihre Nasen an ihrem Dienstwagen platt. Archivbilder zeigen die wahre Margaret Thatcher als frisch berufene Premierministerin, wie sie Hände schüttelt und zehn Kameras in unmittelbarer Nähe radikale Äußerungen zukommen lässt. Woher kommt dieser Sinn für Nähe und politische Effektivität? Warum lässt die moderne Politik diesen so vermissen?

Das Gras auf der anderen Seite

Wahrscheinlich liegt das an der fehlenden Tiefe des Films, der sich auf die Appetithäppchen konzentriert und so nur Schlüsselmomente großer Veränderung wiedergibt. Oder es liegt am Stereotyp des britischen Politikers, der nicht viel auf Pomp und zeremonielles Gebaren gibt. Stattdessen pfercht das System seine Abgeordneten in ein stickiges Parlament, das sie dazu zwingt, sich gegenseitig anzuschreien, herausfordernde Blicke auszutauschen und den Geruch vergangener Tage zu ertragen. Diese Atmosphäre findet sich auch im Domizil der Premierministerin, aus dunklem Ziegel und mit Fenstern zur Straße. Dort lebte Thatcher in einer kleinen Wohnung. Hier zeigt sich die Textur der Vergangenheit: körnige Bilder von altmodischen Haarschnitten, biederen Autos und Kordjacken. Statt Tweets und Kamerahandys nutzt man noch bunte Schnurtelefone.

Für ihre Darstellung der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher erhielt Meryl Streep 2012 den Oscar als beste Schauspielerin. Der Film stellt die Frage, wie bodenständig und transparent  europäische Regierungschefs heute ihrem täglichen politischen Geschäft nachgehen. Viele Entscheidungen sind  zunehmend abhängig von einer nicht-gewählten, unsichtbaren Befehlskette. Bevor etwas beschlossen wird, ist es schon lange als Gerücht in der Welt. Selbst professionelle Journalisten verlieren hier den Durchblick. Politiker wie der spanische Premier Mariano Rajoy informieren erst andere Regierungen über ihre Vorhaben - und dann die eigene Bevölkerung. Sie reisen nach New York und Brüssel, einen bestimmten Plan im Gepäck, und kehren mit einem anderen zurück. Sie verändern Verfassungen innerhalb von zwei Tagen, um die öffentlichen Ausgaben zu begrenzen und heben die Steuern an, obwohl sie zuvor versprochen haben, diese zu senken. Sie landen ohne ordnungsgemäße Wahl im Amt und verlassen dafür ihre Posten in jenen Banken, die die Wirtschaftskrise ausgelöst haben.

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, ob Meryl Streeps eiserne Lady heute einen Spielraum für autonome Politik finden würde. Zwar vertritt sie selbst den Neo-Konservatismus,  war eine treibende Kraft bei der Deregulierung der Finanzmärkte. Doch würde diese starke, prinzipientreue “Lady”  auch heute noch "eisern" abrechnen? Wie würde sie sich Arbeitern und Gewerkschaften, aber auch Erpressungen durch Kreditratingagenturen, Großbanken und Investementfonds gegenüber verhalten? Könnte sie jene, die auf ganze Länder spekulieren, in die Schranken weisen? Ihre Reaktion kann man sich zumindest vorstellen. Wahrscheinlich würde sie die Hände in die Hüften stützen und mit mahnendem Blick sagen: “Soweit sind wir also gekommen.“

Fotos: Margaret Thatcher im Text und auf Filmplakat, mit freundlicher Genehmigung der offiziellenFilmhomepage "The Iron Lady"; Margaret Thatcher: mit freundlicher Genehmigung der offiziellen Seite des Premierministeriums; Video (cc)concorde filmverleih/YouTube