Manuele Fior: Von Italien nach Paris... mit 5000 Kilometern pro Sekunde

Artikel veröffentlicht am 6. März 2013
Artikel veröffentlicht am 6. März 2013
Auf dem Comic-Festival von Angoulême wurde Manuele Fior 2011 für seinen Grafikroman Fünftausend Kilometer pro Sekunde mit der Fauve d’or ausgezeichnet. Der italienische Comiczeichner lebt in Paris, wo er sich gerade auf die Veröffentlichung seines fünften Werks Das Interview vorbereitet.
Wir haben ihn auf einen Plausch getroffen: ein französisch-italienisches Kauderwelsch inmitten von Büchern, Blättern, Stiften und Teetassen.

19 Uhr, an einem regnerischen Abend in Paris. „Bonsoir“ begrüßt uns Manuele Fior auf Französisch. Er führt uns durch das Labyrinth des Gartens in der Nähe des Pariser Ostbahnhofs und schwingt die Tür zu seiner Wohnung auf, die in warmes Licht und das Rot der Vorhänge getaucht ist. Von einem großen Fenster aus sieht man den Bahnhof, daneben steht ein Arbeitstisch voller Farben, Wasserfarben, Pinsel und Bücher. Und drumherum ein buntes Durcheinander aus Postern, Illustrationen und Post-its mit Kritzeleien und Skizzen an den Wänden. In den ersten zehn Minuten sprechen wir ein Mischmasch aus Italienisch und Französisch, bevor wir uns auf Italienisch für den Rest unseres Gesprächs festlegen. Wenig später sitzen wir, jeder eine Tasse voll heißen Tee vor sich, um den Tisch. Manuele Fior erklärt uns, dass das Durcheinander in seiner Wohnung damit zu erklären sei, dass er überall arbeite. Dabei schaut er sich im Zimmer um, als ob er selbst gerade das erste Mal hier wäre.

Das Porträt einer mobilen Generation

Gleich ein Dutzend Ausgaben von Manuele Fiors 2011 erschienen Grafikroman Fünftausend Kilometer pro Sekunde (Cinquemila chilometri al secondo) füllt fast ein komplettes Fach in seinem Bücherregal. Bald wird sein Buch auch auf Englisch(Five Thousand Kilometers Per Second) beim amerikanischen Verlag Fantagraphics erscheinen. „Der Comic ist zwar nicht autobiografisch, aber dennoch eine persönliche Geschichte: ich war selbst an allen Orten, von denen ich erzähle.“

Eine „prekäre“ Generation, „auch was ihre Gefühle anbelangt“

In den drei Charakteren Piero, Lucia und Nicola findet das Porträt einer Generation Ausdruck, die Manuele als „prekär“ beschreibt, „auch was ihre Gefühle anbelangt“. Die drei haben sich in den 1970er Jahren in einer ländlichen Gegend Italiens kennengelernt und warten nur darauf, endlich von dort wegziehen zu können. Wieder zurück in Italien nachdem sie lange in verschiedenen Ländern gelebt hatten, stellen die Freunde fest, dass ein Wiedersehen manchmal trauriger als ein Abschied sein kann. Denn selbst wenn keine 5000 Kilometer mehr zwischen ihnen liegen, trennt sie eine erbarmungslose Sekunde, in der sie sich fremd sind.„Es ist eine Geschichte von der Angst, zu reisen. Von der Angst davor, sich an Veränderungen zu gewöhnen - und sich in diesem Prozess immer auch ein Stück weit selbst zu verlieren.“, erklärt Manuele. „Es geht um Erinnerungen und um Hoffnungen.“ Was wie eine Geschichte in Form eines Tagebuchs klingt, wird als Comic präsentiert.

"Meine Zeichnungen sollen mich auf neue Ideen bringen"

Manuele Fior springt auf, um Blutch von Les Autres Gens(Die anderen) zu holen, eine Art digitale Comicreihe der beiden Genies Thomas Cadène und Bastien Vivès. Danach zeigt er uns die aller ersten Entwürfe seines neuesten Buches. „Ich verzichte bei meinen Zeichnungen immer auf ein Szenario. Ich möchte, dass mich meine Zeichnungen auf neue Ideen bringen und sich meine Figuren frei entfalten können. Wie meine Leser möchte auch ich herausfinden, wie die Geschichte endet; so als ob auch ich meine Figuren das erste Mal träfe.“

Die Figuren seines letzten Comics The Interview (der im Frühjahr 2013 in den Verlagen Futuropolis (Frankreich) und Coconino (Italien) erscheinen wird) seien in drei Jahren voller „geduldiger, einsamer und disziplinierter Anstrengungen“ entstanden, erzählt uns Manuele Fior. „Die Geschichte ist frei erfunden. Sie spielt im Jahr 2050 in Udine, also im Ort, aus dem meine Eltern stammen. Wenn ich Geschichten schreibe, handeln sie unweigerlich von den Fragen, die ich mir oft selbst stelle.“

Pariser Inspiration für italienische Geschichten

In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage nach Manueles Leben in Paris geradezu auf. Er wurde 1975 in Cesano geboren und kam, nachdem er einige Zeit in Oslo und Berlin gelebt hatte, nach Frankreich. „Ich mache italienische Comics in Frankreich“, fasst er kurz und knapp zusammen. „Ich sehe mich selbst gerne als Miniwelle, die sich von der großen Welle der Comics in Italien hat mitreißen lassen. Die ging von Gipi aus: er war der Erste, der Ölzeichnungen in Comics verwendete. Obwohl ich mich hier manchmal zu italienisch fühle, würde ich Frankreich nie verlassen.“

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Manuele kann mittlerweile auch im Ausland von seiner Arbeit leben. Das ist aber nicht sein einziger Grund zu bleiben. „Ein Italiener und Ausländer in Frankreich zu sein, ist zu einem Teil meines Lebens und auch meiner Karriere geworden.“ Fior ist Mitglied im Fußballteam seines italienischen Verlags, aber mittlerweile auch Teil der französischen Comic-Szene, um Bastien Vivès oder David Prudhomme.

„Wir haben das Recht, komplexere Comics zu machen“

„Die Comics, die momentan am meisten verkauft werden, sind schnell zu verstehen und einfach zu lesen. Sie verlangen unserer Arbeit weniger Qualität ab.“, sagt Manuele Fior. „Wir haben aber das Recht, Comics zu machen, die eben nicht intuitiv, sondern komplex und nicht einfach zu lesen sind.“ Genau diesen Eindruck hat man, wenn man Immigrants liest, einen bei Futuropolis erschienenen Kollektivband, in welchem Manuele und andere Künstler die Schicksalsschläge und Lebenswege von Immigranten in der heutigen Zeit erzählen. „Von richtigen Immigranten“, lacht Manuele, „nicht so wie ich.“

Unser Treffen neigt sich seinem Ende zu. Manuele Fior kramt seine ersten Entwürfe für Das Interview hervor und erklärt uns bis in Detail, wie er die Landschaft in seinen Zeichnungen gestaltet und warum Google Street View heutzutage unentbehrlich für jeden Comiczeichner geworden ist. Wir sprechen wieder auf Italienisch miteinander und bemerken, dass wir uns – zwei Italiener im Ausland – noch gar nicht gefragt haben, wo wir ursprünglich herkommen.

Draußen regnet es noch immer, als ich mich auf den Heimweg mache - in einem Zustand der Ungläubigkeit darüber verlasse, was mir mein Lieblingscomiczeichner gerade erzählt hat. Als er klein war, hat er vier Jahre lang in dem kleinen italienischen Dorf Salento, gleich neben meinem, gelebt… zwischen beiden liegen so viel weniger als 5000 Kilometer.

Fotos: Teaser ©Felisleo/wikipedia; im Text: ©Adrien le Coärer; Video: ©Mediacontainer/YouTube.