Männlichkeit: 50 Shades of Mann

Artikel veröffentlicht am 30. November 2012
Artikel veröffentlicht am 30. November 2012
Am Anfang war 1994 David Beckham. Bereits 17 Jahre ist es her, dass der englische Journalist Mark Simpson den Begriff ‘metrosexuell’ prägte. Seitdem sind unzählige Attribute zur Beschreibung des Mannes aufgekommen, die den Mann in eine Schublade stecken wollen. Immer darauf bedacht, sich von Homosexualität und Verweibung abzugrenzen.

Befeuert hat dieses linguistische und soziologische Spiel die Kulturindustrie. Haben wir jemanden vergessen? Ach ja, die Rolle der modernen Frau.

Es ist vorbei. Schluss aus. Wir Männer sind am Ende. Ihr glaubt mir nicht? Dann lest es doch selbst in Hanna Rosins Streitschrift The end of men (and the rise of women). Das Buch beschreibt - so Stephanie Coontz in der New York Times – "unsere heutige Geschlechtersituation, in der Frauen die Brötchen verdienen, Ehefrauen der Mittelschicht ihre Männer unterdrücken, während sich Single-Männer entmutigt in eine nicht enden wollende Adoleszenz flüchten."

Aber wann hat das Dahinsiechen des Mannes eingesetzt? Seit immerhin 20 Jahren versuchen wir den Abwärtstrend bereits zu verstehen. Noch keiner hat jedoch das Verschwinden der Spezies Mann mit der Entwicklung der Frau verbunden. Frauen schreiten unaufhörlich ihrem Ziel entgegen. Und zeigen dabei nicht das geringste Mitgefühl für ihre männlichen Kontrahenten. Dem Mann ist die Rivalität mit seinem geschlechtlichen Gegenpart jedoch noch neu. Der Ausgang des Kampfes aber scheint längst festzustehen: K.O. für den Mann.

Der ‘metrosexuelle’ Spiegel-Mann

Die ersten bahnbrechenden Überlegungen zu den Veränderungen des Mannsbildes liefert Mark Simpson bereits 1994 in einem Artikel im Independent. Sein Ansatz ist einfach: Auch Männer ‘wollen begehrt werden’ – und zwar alle, nicht nur die homo- oder bisexuellen Männer. Zur gleichen Zeit präsentiert David Beckham, damals Spieler bei Manchester United, der ganzen Welt auf dem Fußballrassen nicht nur seine Dribbelkunst, sondern auch seinen perfekt gestählten Körper. Der metrosexuelle Mann ist geboren. Der Sport wird zur natürlichen Lebensumgebung der neugeborenen Spezies - auch genannt Spiegel-Mann.

Wer kann sich nicht an die Werbung von Dolce&Gabbana erinnern, in der Spieler in Unterhosen posieren und ihre gestählten und einbalsamierten Körper in die Kamera halten! Oder an den Kalender ‘Dieux du Stade’ (Götter des Stadions), eine Selektion leicht oder gar nicht bekleideter französischer Rugbyspieler. Beides sind Beispiele für ‘spornography’, die Simpson als "post-metrosexuelle Ästhetik" bezeichnet, "in der sich Sport und Werbung verbinden und uns zu überzeugen versuchen, dass der männliche Körper unwiderstehlich ist." Aber wo liegt die Grenze zwischen Exhibitionismus und Feminisierung? Dem metrosexuellen Mann kommt es nicht darauf an feminin zu wirken, so Simpsons Überlegungen weiter. ‘Mann’ möchte einfach nur ‘hot’ sein. Aber was ist dann mit jenen Männern, die es nicht ertragen, wenn ihre Heterosexualität aufgrund ihres Aussehens in Frage gestellt wird?

‘Menaissance’ und die Geburt des ‘retrosexuals’

Dass das männliche Attribut ‚metrosexuell‘ Verwirrung stiftet, zeigt Arnold Schwarzenegger als er beim Kongress der amerikanischen Republikaner 2004 seine Rivalen als ‘girly men’ bezeichnet. Homosexuelle möchten einerseits nicht als Metrosexuelle bezeichnet werden - aber auch Heterosexuelle sind nicht unbedingt glücklich über Verwechslungen. 

Höchste Zeit also für eine weitere Spezies Mann, den ‘retrosexual’. Eine Wortschöpfung, die zunächst erdacht wurde, um den noch existierenden Normalomann zu retten. Die Erfolgsserie Mad Men ist eins der ersten Kulturerzeugnisse, die die Welle der ‘menaissance’ losgetreten haben. Protagonist Don Draper verkörpert das Ideal des Retrosexual. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Gleichzeitig ist er aber auch ein hartgesottener, erfolgreicher Werber, stets mit einer Zigarette im Mund und einem Scotch in der Hand.

Das Retro-Modell funktioniert und so entstehen immer neue Wortschöpfungen. Manche sind eine nur etwas männlichere Variante des metrosexuellen Mannes: wie ‘übersexual’, ‘heteropolitan’ oder ‘machosexual’. Andere, die zum Teil etwas pervers anmuten, scheinen dagegen soziale Verhaltensmuster zu beschreiben, die fast ein wenig lächerlich wirken. So beispielsweise ‘hammersexual’, das eine Art Mann beschreibt, der nur Fast Food verdrückt, mit ausgedienten militärischen Karren durch die Stadt fährt und Bücher liest, die erklären, wann ein Mann denn nun eigentlich ein richtiger Mann ist. Besonders reizvoll ist auch der Begriff ‘speedophobia’, der sich über Männer in zu engen Badehosen mokiert.

Der ‘megasexual’ und 50 Shades of Männlichkeit

Während Mann sich heute in unendlichen Definitionen verliert, wissen sadistische und urteilende Frauen dagegen sehr genau, wie der ideale Mann auzusehen hat. Er muss, so hoffen sie zumindest, in der Lage sein, ihnen jeglichen Wunsch zu erfüllen. Im Grunde genommen suchen sie nach dem ‘megasexual’. Die peruanische Schriftstellerin Gabriela Wiener beschreibt diesen Prototypen als eine "Mischung aus bösem Wolf und Teddybär."

Coolsein: Was der Schmerzensmann vom Dude lernen kann

Der Kulturmarkt bringt mit Twilight oder der Mummyporn-Trilogie 50 Shades of Grey ganz neue Ansprüche an den Mann hervor. Frauen möchten einen Mann, der eine Mischung aus dem ‘sanftmütigen Vampir’ Edward Cullen und dem sadomasochistischen Multimillionär Christian Grey darstellt. Der Mann soll lieb, höflich, gut erzogen sein und gleichzeitig eine animalische, diabolische und gefährliche Seite haben. Aber gibt es diesen Mann? Was den Typus Mann betrifft, der tagsüber Rosen verschenkt und abends die Handschellen anlegt, wird es eher schwierig. In diesem Fall müssen sich die modernen Superfrauen mit literarischen Masturbationsvorlagen begnügen.

Deshalb ist es doch besser folgende Frage zu stellen: Sollten sich nicht eher mit dem zufrieden geben, was auf dem Markt tatsächlich existiert? Es wäre für einen guten Zweck: Um die Spezies Mann zu retten, bevor es zu spät ist!

Illustrationen: Homepage (cc)hyperxp/flickr; Im Text: Hanna Rosin ©offizielle Webseite, Dieux du stade ©Facebook Dieux du Stade