Manfred Maurenbrecher über Kulturdealer, Zensur und ein glückliches Wiedersehen

Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2014

Ich war vier, er Ende dreißig, als der Eiserne Vorhang fiel. Auf Zwei-Zeiten-Reise tauche ich mit Manfred Maurenbrecher in die Kultur- und Musikszene vor und nach der Wende ein. Persönliche Erinnerungen und gegenwärtige Eindrücke eines ausdruckvollen Liedermachers und Schriftstellers.

Cafébabel: Du hast mal im Interview erzählt, dass es in Deiner Kindheit bestimmte Klischees und sprachliche Stigmatisierungen, wie z.B. „dumm wie Ostbrot“, gab. Solche Ausdrücke haben in meine Generation hinein nicht überlebt und sind nahezu undenkbar. Den Ausdruck gibt es natürlich noch, aber in „entterritorialisierter“ Form. In Gesprächen in meinem Umfeld höre ich noch das Wort „Ossi“ fallen, wenn auch eher selten. Spielt aus Deiner Sicht die Ost-West-Spaltung heute noch eine Rolle?

Manfred Maurenbrecher: Ich kenn immer noch Leute, ab 40, die sehr betonen, dass sie Westler oder Ostler sind. Sogar in Berlin kenne ich welche, die nur ungern in den jeweils anderen Teil der Stadt „reisen“. Aber die sind dann richtig alt. Die große Mehrheit hat inzwischen den „fremden“ Landesteil zumindest mal gesehen, und die gegenseitigen Vorurteile werden weniger. Es gibt, gerade in armen westdeutschen Gegenden – z.B. im Ruhrpott – eine Erbitterung über den „Soli“, der ja angeblich nur den Westlern vom Lohn abgezogen wird (was nicht stimmt) und der nur den Ost-Bundesländern zugute kommt (was stimmt und längst zugunsten von verarmenden Gegenden überhaupt geändert werden müsste). Solche Regelungen halten, nach meinem Erachten, die Ost-West-Spannung künstlich aufrecht. In meinem Beruf gibt es einige ehemalige Ostkünstler, die auf dem Ticket reisen: „Wir sind die Verarschten, Gegängelten, wir müssen uns deshalb abschotten gegen 'den Westen'“. Auch hier handelt es sich vor allem um ältere  Bühnenkünstler, Schriftsteller etc., die dem Markt weniger gewachsen sind als vorher der Staatsförderung.

Auf meinen Lesereisen mit der Sängerin Veronika Fischer, die in der DDR vor 35 Jahren ein Star war, habe ich oft gesagt gekriegt: „Erstaunlich, dass ein Westler wie Sie so sensibel über uns Ostmenschen schreiben kann“. Diese Vorurteils-Ostler halten sich also für „sensibler“ als uns Westler. Die Vorurteils-Westler dagegen halten die Ostler für jammerig, faul und engstirnig bzw. fremdenfeindlich. Diese Vorurteile sind bei unter 40-Jährigen kaum mehr da. Unser Sohn (25) wollte nie im Osten studieren – es war bei Westabiturienten vor 5 Jahren noch nicht Mode –, kam dann aber an mit Erfurt als Studienstadt – und hatte gar nicht gewusst, dass Erfurt zur ehemaligen DDR gehört. Nachdem er jetzt 4 Jahre dort war, sagt er allerdings auch, die Einheimischen dort wären engstirnig und fremdenfeindlich. Aber ich vermute, er würde das in Passau oder Bremerhaven genau so sagen. Unter jungen Kolleg/innen unter 30 finde ich überhaupt keine Unterscheidung in Ost- und West-Prägung mehr.

CB: Wie hast Du den Abend der historischen Grenzöffnung erlebt? Erinnerst Du Dich auch noch an den Morgen danach?

MM: Wir hatten ein zweimonatiges Baby zuhause und hörten von Freunden von der Maueröffnung noch in gleicher Nacht. An dem Abend konnten wir nicht hin, aber am nächsten Morgen fuhren wir zur Heinrich-Heine-Straße, wo die Euphorie so war wie in der Nacht davor.

CB: Wie war denn die Kultur- und Musikszene vor 1989 im Osten und im Westen?

MM: Die Westberliner Musikszene war wie ein Familien-Biotop, sehr viele kannten sich, man teilte sich Auftritte, Übungsräume und Subventionen quer durch Altersstufen und musikalische Stile. Es gab wenig Neid und Verelendung (gemessen an heute), aber nach meiner Erinnerung auch zunehmend weniger kreative Impulse. Demgegenüber kam mir die ostdeutsche Szene aufregender vor. Natürlich gab es Zensur, aber auch viele Möglichkeiten, sie zu umgehen. Die wenigen Male, wo ich – leider viel zu selten, Phlegma! – Ostberliner Künstler kennenlernte vor dem Mauerfall, war das enorm anregend für mich. Ich arbeitete auch viel mit Gerulf Pannach zusammen, einem Osttexter, der zwangsausgewiesen worden war, und der sich nach der freien Kreativität der Leipziger Szene, aus der er stammte, zurücksehnte. Diktatur, wie in der DDR praktiziert, heißt nicht automatisch Stillstand, und „freie Szene“, wie in Westberlin, nicht automatisch Kreativität. 

CB: Du hattest im Sommer wenige Wochen vor dem Mauerfall an einer der ersten Kulturaustauschprojekten teilgenommen. Wie lief das damals und was für ein Erlebnis war das für Dich?

MM: Die Rockpoetentournee war das erste deutsch-deutsche Kulturereignis, das ein bestimmter Vertrag der beiden Staaten ermöglicht hatte. Ausrichter waren der Hamburger Senat und die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Die Konzerte mit den Westkünstlern mussten aus Stadthallen in Stadien verlegt werden, so groß war die Nachfrage. Mich hat damals völlig umgehauen, dass solche eher schwierigen, leisen Lieder wie meine von einer riesigen Masse von jungen Menschen förmlich aufgesogen wurden. Jede kleinste Anspielung in den Ansagen wurde begeistert wahr- und aufgenommen. Ich ärgere mich bis heute, dass ich es nicht gewagt habe, mein Lied „Sibirien“ dort zu spielen, mit der Zeile drin „Wenn du immer nach Osten gehst, kommst du von selber nach Westen“. Das hätte sicher einen Sturm ausgelöst. Die Zensur – wir mussten damals die Texte, die wir singen wollten, vorlegen – wäre machtlos gewesen.

CB: Wie genau lief die Konzertournee ab?

MM: Wir wurden von linientreuen FDJ-ler betreut, die aber alle auf den Kurs der Sowjetunion damals, Gorbatschows Glasnost und Perestroika, eingeschworen waren und hofften, dass die „alte Riege“ um Honecker bald abgesetzt werden könnte. Sie lauerten quasi auf ihre Chance, die Macht im Land zu ergreifen. Gleichzeitig waren schon viele westdeutsche Politiker und Geschäftsleute, Kulturdealer usw. unterwegs, die dem Land keine große Zukunft mehr gaben, und erste Pflöcke fürs Nachher einschlugen (Verträge, Plattenangebote, TV-Sendungen etc). Ich sah in Dresden in der eigentlich abgeschirmten Hotellobby junge Leute mit Buttons, auf denen stand „Bundeswehr ja bitte“. Wo kamen die denn her? Keiner konnte oder wollte mir darauf antworten. Ich traf auch Bürgerrechtler, die auf keinen Fall nach einem Umsturz zur Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland gezählt werden wollten, sondern einen „eigenen Weg zum Sozialismus“ suchten. Diese Idealisten sind vier Monate später völlig niedergewalzt worden. Ich glaube, schon im Sommer 1989, wurde von der Bonner Regierung leise das Ende der DDR  mitgeplant.

CB: Was ist Deine beste Erinnerung an die Tour?

MM: Viele Leute flohen damals, als wir auftraten, auch schon über Ungarn. Im Winter 89 traf ich in München in einem kleinen Club zwei junge Frauen, die völlig aufgedreht an meine Garderobentür klopften, um zu erzählen: Sie waren aus Dresden, hatten mich beide im Sommer beim Rockpoeten-Konzert gesehen; die eine war am Tag darauf über Ungarn abgehauen, was sie ihrer Freundin verheimlicht hatte, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Beide hatten nichts mehr voneinander gehört, waren nach dem Mauerfall aber beide für neue Jobs in München gelandet, und hatten sich ganz zufällig in dem kleinen Club bei meinem Auftritt wiedergesehen. Das war für mich das schönste Erlebnis dieser Tournee.

CB: Wie, findest Du, hat sich insgesamt die Kultur- und Liedermacher-Szene nach 1989 entwickelt?

MM: Das ist mir etwas zu allgemein. Leider hat die Stärke des breiten Publikums, Zwischentöne förmlich aufzusaugen, im Osten nicht sehr lange angehalten. Zugunsten von üblichem Konsumverhalten hat sich alles sehr schnell angeglichen bzw. „verwestlicht“. Eigentlich ganz normal. Vom Standpunkt des kreativen Bühnenmenschen her aber muss ich sagen: Auch eine Erziehungsdiktatur hat ihre indirekten Vorteile…   

CB:  Vor vier Jahren wurdest Du in einem Interview gefragt, welches Urlaubsland Dein Ziel wäre, wenn Du die Wahl hättest. Deine Antwort war Georgien und die Ukraine. Hat es mit den Reisen geklappt?

MM: In der Ukraine war ich mehrmals und bin umso entsetzter über das, was mit und in diesem tollen, hellen, zerrissenen Land gerade passiert. Nach Georgien will ich unbedingt, vielleicht nächstes Jahr. Mein Lieblingsland ist aber seit meinen Ostreisen Moldawien, vor allem die Hautpstadt Chisinau. Ich hoffe, dass dieser Fleck seinen unverwechselbaren Charme behalten darf, obwohl die EU dort hin will und die Russen direkt nebenan, in Transnistrien, ihre Truppen schon haben. Friedlicher ist durch das Ende des „Eisernen Vorhangs“ leider gar nichts geworden. Das Gleichgewicht der Kräfte ist noch verletzter als vorher.

Mehr von Manfred Maurenbrecher zum Nachlesen, Reinhören und Sehen findet ihr  hier: www.maurenbrecher.eu

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!