‘Man sollte den Patriotismus der Iraner nicht unterschätzen’

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2006

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Mohammed Hossein studiert im Ausland und genießt das Leben in London. Obwohl er gegen das Regime Ahmadinejads ist, fühlt er sich eng mit seinem Land verbunden.

Mohammed ist 23 Jahre alt und stammt aus dem Iran. Er wurde in Teheran geboren, wo er aufwuchs und in Verwaltungswissenschaften abschloss. Im September 2005 verließ er seine Heimat. So landete er in Großbritannien, wo er sein Studium an der London School of Economics fortsetzte.

Mohammed, warum bist du nach Großbritannien gegangen?

Ich bin nach London gegangen, um meinen Horizont zu erweitern und eine andere Kultur kennen zu lernen. Auch wenn ich im Moment nicht in den Iran zurückkehren kann, da ich dort meinen Militärdienst ableisten müsste, bin ich kein politischer Flüchtling. Ich bin weggegangen, weil ich die Welt sehen und im Ausland studieren wollte. Und nicht, weil ich gezwungen wurde, mein Land zu verlassen.

Welche Erfahrungen hast du bisehr in Großbritannien gemacht?

Meine Zeit in Großbritannien empfand ich bisher als sehr positiv.Obwohl ich noch nie vorher im Westen war, habe ich keinen großen « Kulturschock » erlebt. Das verdanke ich wohl dem Internet. Dieses Tor zur Welt hat wesentlich zu meinen Verständnis des Westens beigetragen. Als ich hierher kam, hatte ich das Gefühl, ich würde London bereits kennen. Auch wenn es angesichts der verschiedenen Kulturen eine Stadt der Extreme ist, so fühlt sich doch jeder als ein Teil von ihr. Eben gerade, weil sie sich aus so unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen zusammensetzt. Und nach genau so etwas habe ich gesucht.

Wie erklärst du die Wahl des Hardliners Ahmadinejads zum Präsidenten im letzten Jahr?

Einer der Gründe ist sicherlich, dass Rafsanjani – der als moderater Kandidat angetreten ist – schon seit Jahren in der Politik ist. Von 1989 bis 1997 war er schon Präsident. Angesichts dieses Hintergrunds hatten die Leute kein großes Vertrauen in seine Fähigkeit, einen Wechsel herbeiführen zu können. Zudem haben die vielen Jahre der Krise und der Sanktionen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Leben der Bevölkerung beeinflusst. Deshalb wurde Ahmadinejad gewählt.

In seiner Wahlkampagne stellte er sich als einfacher Mann da. Das und seine populistischen Wahlsprüche und Versprechungen gefielen den Leuten auf der Straße. Nehmen wir die Geschichte des feindseligen Westens und seine Einmischung in die iranische Politik. Die agressive Rhetorik Ahmadinejads griff eigentlich nur das auf, was sich viele Iraner seit Jahren denken. Sogar viele moderate Politiker tendieren dahin, die Wahl eines Hardliners wie Ahmadinejads mit der feindlichen Gesinnung des Westens gegenüber dem Iran zu erklären. Obwohl bei den Wahlen für Rafsandjani war, kann ich die Haltung der Iraner verstehen.

Du lebst in London, einer multikulturellen Stadt – was denkst du über Ahmadinejads Äußerungen, Israel müsse "von der Landkarte gewischt" ?

Ahmadinejads Äußerungen sind politisch motiviert. 1979 benutzte der Führer der Revolution Ayatollah Chomeini eine ähnlich heftige Rhetorik gegenüber Israel. Ahmadinejad tritt einfach in die Fußstapfen Chomeinis. Er ist die Stimme der Konservativen im Iran. Sie glauben, dass der Staat Israel der islamischen Welt vom Westen aufgedrängt wurde, ohne nach ihrer Zustimmung zu fragen. Israel solle nach Meinung dieser Leute dahin verschwinden, wo es hergekommen ist. Ich glaube, dass Ahmadinejads Strategie gegenüber Israel kontraproduktiv ist und dem Ansehen Irans weltweit schadet. Allerdings macht sie innenpolitisch Sinn. Sie spricht viele Iraner an.

Glaubst du, dass der Iran ein Recht auf Atomwaffen hat?

Ich denke, dass die Republik Iran als unabhängiger Staat ein Recht darauf hat, die Atomkraft zivil zu nutzen. Aber selbst wenn der Iran Atomwaffen produzierte, würden sie niemals für einen Angriff auf andere Staaten genutzt werden. Sie würden lediglich präventiv genutzt werden.

Zudem ist es von Seiten des Westen scheinheilig, den Atomwaffensperrvertrag als Begründung heranzuziehen, warum Iran keine Bombe erhalten sollte. Es wurden zu viele Ausnahmen in der Vergangenheit gemacht. Damit meine ich nicht nur Israel, sondern auch Pakistan und Indien. Aber um die Wahrheit zu sagen: Es geht in der derzeitigen Krise nicht um Atomwaffen. Es ist geht ums Prinzip. In dieser Krise geht es um das Recht des Irans, seine Zukunft selbst bestimmen zu können. Nach Ansicht vieler Iraner fänden die USA andere Möglichkeiten, sich in die Belange des Landes einzumischen, wenn die Regierung jetzt beim Thema Atompolitik nachgeben würde.

In den letzten zwei Jahren hat die Europäische Union unter der Führung Großbritanniens, Deutschlands und Frankreichs versucht, einen Kompromiss zu finden...

Diese Versuche sind ohne Zweifel begrüßenswert. Trotzdem sind sie in meinen Augen nicht besonders glaubwürdig. Die derzeitige Lage ist nur das neueste Kapitel einer über 20 Jahre andauernden Feindschaft zwischen den USA und dem Iran. Europäische Dilpomatie kann da nicht helfen. Denn das Problem betrifft meiner Meinung nach nur die USA und den Iran.

Was würdest du tun, wenn der Iran angegriffen würde?

Die iranische Richterin Shirin Ebadi, die 2003 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat kürzlich gesagt, dass sie zwar die Regierung hasst, aber im Falle eines Angriffs auf den Iran in ihr Land zurückgehen und es verteidigen würde. Ich würde genau dasselbe tun. Obwohl ich mit vielen Entscheidungen Ahmadinejads nicht einverstanden bin, würde ich sofort zurückgehen und meinen Militärdienst leisten. Niemand sollte den Patriotismus der Iraner unterschätzen. Je mehr Druck der Westen auf den Iran macht, destso mehr werden sich die Iraner hinter ihre Führer stellen.