Man sieht kaum bis zum anderen Ufer

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Obwohl Film und Fernsehen die Träger kulturellen Austausches sind, und der Mittelmeerraum ein Mosaik der Kulturen darstellt, überqueren die Bilder selten das Meer.

Im Bereich Kultur hat der Barcelonaprozess den Schwerpunkt auf Intiativen mit einem Ziel gelegt: Bedeutsame Projekte anzuregen, die dazu geeignet scheinen, sich im Mittelmeerraum gegen verzerrte Bilder zu stellen und eine Entdeckung des „Anderen“ zu fördern.

Die Professionellen aus Film und Fernsehen haben in diesem Rahmen dazu aufgerufen, die Übersetzung und den Vertrieb solcher Filme zu fördern, die das nachbarschaftliche Zusammenleben der Völker rund um das Mittelmeer beleuchten.

Sowohl die gesellschaftlichen und kulturellen, als auch die wirtschaftlichen Aspekte der Film- und Fernsehproduktion sind äußerst wichtig: Für einen Grossteil der Bevölkerung ist beispielsweise das Fernsehen Hauptbeschäftigung des Alltags und stellt oft auch die einzige Nachrichtenquelle dar. Es trägt auf diese Art und Weise zu unserer Meinungsbildung bei. Das Duell Al-Jazeera vs. CNN während des Irakkonflikts ist in diesem Zusammenhang das beste Beispiel.

Die audiovisuellen Medien öffnen sich mit all ihrer Dynamik und werden dadurch in ihrer Vielseitigkeit zunehmend widersprüchlicher. Internet, Multimedia, Satelliten-, Kabel- und digitales Fernsehen überschreiten Grenzen und schaffen neue Wege, Kultur zu verbreiten und zu konsumieren.

Der Norden verschließt sich den Produktionen aus dem Süden

Und dennoch: Betrachtet man den gesamten Mittelmeerraum, so ist der Bereich der audiovisuellen Medien durch ein beachtliches Ungleichgewicht gekennzeichnet. Angefangen bei der Ungleichheit der technischen, personellen und finanziellen Mittel. Auf lange Sicht hängt der Zusammenhalt dieses Bereichs von der Solidarität der nördlichen Mittelmeerländer gegenüber denen im Süden ab.

Außerdem ist ein Austausch im Film- und Fernsehbereich zwischen den Mittelmeerländern quasi nicht existent. So interessieren sich innerhalb Europas die Spanier ebensowenig für die Inhalte griechischer Medien, wie die Algerier keine Programme aus Tunesien ansehen, obwohl sie ja eine gemeinsame Sprache sprechen. Zudem sieht man auf den Fernsehern im Norden keine Filmproduktionen aus dem Süden. Die Marokkaner konsumieren zu 80% Programme aus Europa, während in Europa selbst lediglich zu 3% Produktionen aus Nordafrika gezeigt werden.

Jedes Land hat die Absicht, Programme zu entwickeln, die auf Nordafrika zugeschnitten sind, allerdings in einem sehr begrenzten Rahmen. Denn das Anliegen aller ist es, einen politischen „Diskurs“, eine Ideologie oder eine kulturelle Besonderheit des eigenen Landes zu vermitteln. Der nordafrikanische Zuschauer findet sich allerdings in den Fernsehprogrammen, die französische Interessen verfolgen, keineswegs wieder, unterstreicht Mohamed Abassa.

Für die meisten arabischen Filmschaffenden sind die Bilder, die quer über das Mittelmeer ausgetauscht werden noch viel zu ethnozentrisch. Die meisten der europäischen Filmschaffenden hingegen glauben, dass die Bilder aus dem Süden zu oft durch die staatliche Macht benutzt werden, um so ein positives Bild des eigenen Landes zu vermitteln. Daher rühren die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit. Diese ist in Wahrheit noch weit davon entfernt, existent zu sein.

Das Mittelmeer - ein bunter Teppich der Kulturen

Denn die Film- und Fernsehproduktion im Mittelmeerraum ist nicht nur nicht homogen sondern auch gegenüber den „Anderen“ zu verschlossen. Vielmehr schließt sich jeder in der eigenen nationalen Kultur ein. Sowohl Professionelle als auch die Öffentlichkeit leben jeweils in ihrer eigenen kleinen Welt.

Im Dokumentarfilm genauso wie im Kunstfilm als auch im Fernsehen kreuzen sich die Blicke nur selten. Und auch in ihrer Rezeption werden die Bilder schnell konsumiert und „verdaut“, ohne dass sich ein kritischer Dialog in Gang setzen würde.

Greift man den Gedanken von Pedrag Matvejevic, dem Autor des „Mittelmeer Breviers“ auf, erwacht die Mittelmeerregion erst durch die interkulturellen Beziehungen seiner Völker und Kulturen zum Leben. Sie ist alles andere als ein gegebenes einheitliches Ganzes. Viel mehr haben wir ein Mosaik oder besser einen Teppich vor uns, der aus Geschichte, Kultur, Völkern und Religionen gewebt ist.

Diesem Gedanken folgend, könnte man sich durchaus vorstellen, dass es gerade die Aufgabe der Bildmedien sei, innerhalb eines euro-mediterranen Projektes, die Rolle des Vermittlers der kulturellen Vielfalt zu übernehmen.

Ausgehend von der entscheidenden Rolle von Film und Fernsehen für den Dialog der Kulturen des Mittelmeers, bringt die Ständige Konferenz der Fernsehproduktion der Mittelmeerländer (CoPeAM) seit ihrer Gründung im Jahr 1994 Fernseh-, Radiomacher und Multimedialeute, Regisseure und unabhängige Produzenten aber auch Intellektuelle, Hochschulen und internationale Organe unter ihrem Dach zusammen.

Als „Netzwerk der Netze“ bemüht sich die CoPeAM um die Entwicklung von transnationalen Film- und Fernsehproduktionen, die von Anfang bis zum Ende den interkulturellen Dialog in der Mittelmeerregion fördern.

Seit den Attentaten des 11. September weist die CoPeAM so vehement wie nie auf die Gefahr der Bilder hin, durch die eine verzerrte Repräsentation in einer Region wie dem Mittelmeerraum entstehen kann. Der falschen und gefährlichen Theorie des „Clash of Civilizations“ setzt sie die Philosophie des „Dialoges der Kulturen“ entgegen.

Im Laufe einer Konferenz über Film und Fernsehen im Mittelmeeraum, die im Jahr 2001 stattfand, unterstrich der Generaldirektor des katalanischen Mittelmeerinstituts, Andreu Claret, dass „wir Unterschiede anerkennen und gemeinsame Elemente unserer Identitäten pflegen müssen.“ Um dieses Konzept in den Bereich der Medien zu übertragen, wäre es daher zu begrüßen, wenn arabische Fernsehanstalten nach europäischem Vorbild entstünden.

Außerdem müsste es einen Austausch von Sendungen und Filmen über das Mittelmeer hinweg geben. Bisher begrenzen sich besagte Programme auf Nachrichtensender wie Al. Jazeera, Euronews oder auf das deutsch-französische Arte.

Doch die Länder südlich des Mittelmeers haben dabei einen Trumpf in der Hand. Während Europa noch auf sein Esperanto wartet, läuft dort Arabisch auf allen Wellen. Machen wir also den großen Spagat über die Ufer hinweg und fragen: „Wann gibt es wohl „ TV Babel“?