Maja Lasić: Vom Balkan in den Berliner Wahlkampf

Artikel veröffentlicht am 12. September 2016
Artikel veröffentlicht am 12. September 2016

Als Jugendliche floh Maja Lasić vor dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland. Nun ist die 37-Jährige Kandidatin der Sozialdemokraten und will das Bildungssystem als Sprungbrett für eine gelungene Integration stärken. Ein Portrait.

Die Haare noch nass und mit Handtüchern über den Schultern, verlassen zwei Jugendliche das Schwimmbad im Humboldthain. An einem Parteistand mit Lotterie bleiben sie stehen. „Kommt, versucht euer Glück!“, werden sie eingeladen und verlassen den Stand wenig später mit einem Eis - ihr Besuch am improvisierten SPD-Stand muss ein Erfolg gewesen sein. Kaum bei ihren Wahlkampfkollegen angekommen, schnappt sich Maja Lasić ein Päckchen Flyer und geht auf die Kiezbewohner zu, die in den Park gekommen sind, um die Berliner Sonne zu genießen. Mit sicherem Schritt und offenem Ohr will Maja Lasić so viele Menschen ansprechen wie möglich. „Wahlen? Ich dachte, die sind schon vorbei“, antwortet ein Junge, der auf einer Bank sitzt. Die Öffentlichkeit scheint an den Regionalwahlen, die am 18. September in Berlin abgehalten werden, wenig Interesse zu zeigen. Davon lässt sich die Kandidatin der SPD im multikulturellen Wedding nicht beirren und greift dabei auf eine Eigenschaft zurück, die sie seit ihrer Jugend beweist: Sie schreckt nicht vor Herausforderungen zurück. 

Die Schule des Lebens

Mostar weckt bei vielen Europäern Erinnerungen an den Konflikt auf dem Balkan in den 1990er Jahren. Heute ist es eine Stadt, die versucht, den vergangenen Glanz wiederzuerlangen. Es ist auch die Geburtsstadt von Maja Lasić, die die Konsequenzen des Konflikts auf ihr Leben als junge Schülerin im Kopf behält. „Das Embargo war Teil unseres Alltags, ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich losging, um mich für einen Liter Milch vor dem Laden in die Schlange zu stellen. Und dass ich manchmal ohne Milch zurückkam. Ich erinnere mich auch an das Klima, das unsere Klasse schlagartig völlig verändert hat: Jedes Kind wusste, wer zu welcher Gruppe gehört, auf den Schulfluren entstanden Clans“, erzählt sie.

Maja Lasić erinnert sich sehr genau an diesen Sommer im Jahr 1993. Ihr Vater, ein Diplomat, befand sich bereits in Bonn, der ehemaligen Hauptstadt Deutschlands. Während des Sommers verließ die Familie Belgrad, wo sie zu der Zeit lebte, um den Vater zu besuchen. „Ich musste für zwei Monate bleiben. Schlussendlich wurde es zu meinem Exil, wovon ich aber bei meiner Abfahrt nicht gewusst hatte. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich zu verabschieden.“

Etwas später erhielt sie den Flüchtlingsstatus, aber die Schule habe für ihre Integration die wichtigste Roll gespielt, betont sie. „Die Botschaft meiner Eltern war klar: Ich muss Erfolg haben. Ich hatte in dem Moment die Möglichkeit, in einer Vorbereitungsklasse zu sein, die mir den Einstieg ins Gymnasium erleichtern sollte. So musste ich die Sprache lernen und zugleich mit den Vorbereitungen für das Abitur beginnen, aber ich hatte Lehrer, die mir dabei sehr geholfen haben.“ Eine Erfahrung, die noch heute die politische Motivation der jungen Sozialdemokratin beeinflusst.

Maja Lasić schlug eine wissenschaftliche Karriere ein, die sie quer durch Deutschland führte: Nach Bonn und Bielefeld zog sie für ihr Studium nach Münster und Stuttgart. Mit einem Doktortitel der Biochemie in der Tasche, begann sie anschließend in Rosenheim in der Pharmaindustrie zu arbeiten. „Ich habe Einblick in die Branche erhalten und eine gut laufende Karriere begonnen. Die Perspektive war klar : eine Beförderung sollte der anderen folgen und Geld wäre nie ein Problem gewesen.“ Aber mit 30 erscheint ihr dieses Leben zu glatt, aus der Midlifecrisis wird die Third-life-crisis. „Wer bin ich? Wohin will ich?“, sind Fragen, die sie beschäftigten. Wie für so viele Europäer ist die Antwort in diesem Fall einfach: Berlin. Über das Bildungsprogramm Teach First, das damals in Deutschland anlief, unterrichtete sie zwei Jahre lang an einer benachteiligten Schule in Wedding. Für sie eine Offenbarung.

„Ich weiß, wovon ich spreche“

Bis zu diesem Zeitpunkt galt ihr politisches Interesse vor allem der Balkanregion. Aber Lasićs Wille, die lokalen Gegebenheiten des Berliner Bildungssystems zu ändern, veranlassten sie dazu, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen: 2010 engagierte sie sich bei den Sozialdemokraten und nahm danach auch die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Und so fand sie sich dann auch 2016, nach einem mehrmonatigen internen Wahlkampf, an der Spitze der SPD-Kandidatenliste für den Wahlkreis Wedding wieder. In einer Zeit, in der die Diskussionen über die Integration der Flüchtlinge die Politik dominieren, kann sie sich auf die eigene Biographie berufen: „Wir gelangen nun in eine Phase, in der wir eine Lösung für die Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt und unser Bildungssystem finden müssen. Es ist klar, dass einige der Erwachsenen Arbeitsstellen annehmen werden, für die sie überqualifiziert sind. Andere sind nicht oder nur wenig qualifiziert“, erklärt sie.

Sie fährt fort: „Aber den Schulkindern stehen alle Chancen offen, und dort will ich mich einsetzen. Wenn ich die Viertelbewohner sagen höre: 'Die große Mehrheit von ihnen wird eine negativen Einfluss auf unser Land haben', dann bin ich da, um ihnen zu sagen, dass das nicht der Fall ist. Wir hatten schon Fluchtbewegungen, und sie haben unser Land nicht ruiniert. Andererseits kann ich auch denen sagen, die hier ankommen: Es wird nicht immer einfach sein. Ich weiß, wovon ich spreche.“

Wieder wird ihre Determination ersichtlich. Im Humboldthain hält Maja Lasić weiter Schritt, und der Flyerstapel mit ihrem Konterfei wird stetig kleiner. Weder die Anstrengungen einer langen Kampagne noch das geringe Interesse der Bewohner an den Wahlen oder der Aufstieg der Rechtspopulisten, zu dem es sogar im alternativen Berlin kam, können Maja Lasić aufhalten.