Mailand: I-Tal Sound von seiner besten Reggae-Seite

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2009
Auf der Suche nach den panafrikanischen Farben "Rot, Grün und Gold", Symbol der Rastafari-Kultur, lassen Mailänder Nächte nichts zu wünschen übrig.

Vielleicht nahm alles seinen Anfang am 27. Juni 1980. Zu diesem Zeitpunkt nämlich landete ein gewisser Robert Nesta Marley - in die Geschichte eingegangen als Bob Marley - am Mailänder Flughafen Linate. Der unumstrittene Reggaestar hatte während seiner gesamten Karriere nur zwei Konzerte in Italien gegeben. Nummer 2 fand im Stadio Comunale in Turin statt. Zu dieser Gelegenheit wurde Mailand exklusiver Zeuge eines epochalen Events. Knapp 100.000 Menschen ergossen sich über die Grünflächen des Mailänder Stadions San Siro, welches zum ersten Mal Austragungsort eines Events werden sollte, das keinen sportlichen Bezug hatte. Seit jeher klingen die "good vibes" des Reggae fort - in Clubs, in den Straßen und Kopfhörern der Anhänger jenes Musikstils.

Vito War und I-Tal Sound

Italien, und ganz speziell Mailand, verdanken die Förderung der Reggae-Musik und der Kultur Jamaikas und Rastafaris dem Veteranen Vito War. Anfang der achtziger Jahre beginnt ebenjener Reggae-Pionier erste Konzerte mittlerweile bekannter italienischer Bands zu organisieren, zum Beispiel solche von Africa Unite, Sud Sound System und Pitura Freska. 1988 geht er mit dem Sender Radio Popolare und dem dazugehörigen Programm Reggae Radio Station auf Sendung, dem langlebigsten auf Reggae-Musik spezialisierten Radioformat Italiens, welches noch heute übertragen wird.

Doch damit nicht genug: Vito War ist auch heute noch Inbegriff des Reggae, indem er die Clubs Mailands und ganz Italiens in Begeisterungsstürme versetzt, oftmals unterstützt von jüngeren Kollegen, unter ihnen I-Tal Sound. Letztere, Profiteure der Förderung des Reggae in Italien seit 1998, haben während ihres zehnjährigen Schaffens die wichtigsten italienischen Sounds verinnerlicht und gelten als Wegbereiter von internationalen Kooperationen mit Künstlern wie dem berühmten DJ David Rodigan (UK) sowie verschiedenen jamaikanischen Musikern, wie den viel diskutierten Sizzla, dem "Propheten" Capleton oder The King of Fire.

Mailändische Reggae-Wochen

An Dienstagabenden kann man im eindrucksvollen Garten eines typischen mailändischen Gerichtspalastes, dem vielfältig nutzbaren Gerichtshof Regina di Viale Monza, Zeuge werden, wie die Hüllen von tagtäglichem Wirken und Schaffen fallen, um ebenjenem Reggae und dem unnachahmlichen Sound von Vito War, Irie Soldiers und Golden Bass Platz zu machen.

Mittwochs von 19 bis 21 Uhr bietet Suna, Choreografin der Italian Dance Hall Queen Crew und Drittplatzierte beim European DHQ Contest 2008, in der Porta Romana Tanzstunden an, bei denen man alte und neue Schritte, von Pon di River bis zu Gully Creepa, Akrobatiktechniken, Winningmethoden sowie Paar- und Gruppentänze erlernen kann. Und wer mit dem Tanzen bis in die frühen Morgenstunden weitermachen möchte, der ist herzlich im Molotov (Via Cesare) willkommen, welches seine Tore zum unmissverständlichen "Mercoleweed" öffnet.

Donnerstags findet sich der Reggae in der Via Watteau im Sozialzentrum Leoncavallo, DEM Ort, an dem 1989 Sud Sound System, eine der berühmtesten italienischen und salentinisch singenden Reggae-Bands zum ersten Mal live auftrat. In der großen Eingangshalle sowie dem kleinen, gemütlichen "Baretto" des Leonka-Gartens, wechseln sich bedeutende internationale Namen mit jungen, italienischen Independent-Produzenten ab.

An Wochenenden tanzt das mailändische Reggae-Volk im Club Circolo Magnolia (Zona Linate) und im Live Club di Trezzo sull'Adda. Und nicht zu vergessen: die zahlreichen sozialen Zentren und selbstverwalteten Treffpunkte, die sich schon immer mit größter Leidenschaft für den Reggae einsetzen: SOS Fornace, Casa Loca, CSO Cantiere, etc.

Ein Jamaikaner in Mailand

Aber abgesehen von jedem einzelnen Club und Promoter, sind es im Besonderen die Anhänger, die Mailand in ein authentisches Ziel für europäischen Reggae verwandelt haben. Und unter ihnen vor allem die "Originale": die in Mailand lebenden Jamaikaner, deren genaue Zahl selbst den Archiven des jamaikanischen Generalkonsulats in Rom nicht bekannt ist. Viele von ihnen arbeiten tagsüber und singen nachts, wie Ragien Nesta Lawrence, alias High Priest, Jahre nach Bob Marley geboren, aber aufgewachsen im Distrikt St. Ann, wenige Schritte von Nine Mile entfernt - dem Ort, der lange Zeit Heimat von Bob Marley war.

Folglich konnte er kaum umhin, Reggae von Kindesbeinen an zu verinnerlichen. "Reggae ist wahrhaftig, weil es dir das Leben in seiner Totalität zeigt: das Gute und das Schlechte, das Arme und das Reiche", sagt High Priest, "und Reggae in Mailand ist noch wahrhaftiger, weil er fähig ist, verschiedene Kulturen unter einem Dach zu vereinen. Tanzend und mit Hilfe der Messages von „One Love, One Heart“. An Reggae-Abenden erkenne ich das wahre kosmopolitische Gesicht dieser Stadt."