Madrid war eine einzige Party

Artikel veröffentlicht am 26. April 2007
Artikel veröffentlicht am 26. April 2007

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Dreißig Jahre, nachdem die Movida aus der Taufe gehoben wurde, erinnert sich Spanien an den künstlerischen Aufbruch, der die spanische Gesellschaft der Post-Franco-Ära komplett verändert hat.

“Tanzend, tanzend verbringe ich meine Tage. Meine lieben Nachbarn dagegen nerven ständig“. Dieser charmante Songtext der Gruppe Alaska y los Pegamoides verwandelte „Bailando“ 1982 in den Ohrwurm Spaniens.

Am 23. Februar verübte der Leutnant Antonio Tejero einen Putschversuch gegen die junge spanische Demokratie. In diese Zeit fallen die goldenen Jahre der Movida, einer in Madrid entstandenen Bewegung von Künstlern, die die junge spanische Demokratie im Sturm nehmen sollte. „God save the Queen“ auf Spanisch.

Alles hatte Mitte der 70er begonnen, ganz spontan. Während noch die Schlachtgesänge gegen die Diktatur des General Francisco Franco erklangen, zog es eine Gruppe Jugendlicher vor, die postmodernen künstlerischen Strömungen ins Visier zu nehmen, die damals überall in der westlichen Welt an Bedeutung gewannen.

Die Künstler der Movida eiferten der Ästhetik und der Lust an der Grenzüberschreitung nach. Das war typisch für den britischen Punk, so wie er insbesondere von den Sex Pistols in Szene gesetzt wurde. 1978, drei Jahre nach dem Tod Francos, entstand die erste spanische Punk-Band, Kaka de Luxe.

Der aus dem Nichts heraus entstandenen neuen Musikrichtung schloss sich eine Vielzahl von Kunstmalern, Schriftstellern, Modedesignern, Fotografen und Filmschaffenden an, deren kleinster gemeinsamer Nenner oder gemeinsame Lebensphilosophie im Wesentlichen aus drei Punkten bestand: Einsicht in die Notwendigkeit, das Leben bis zur Neige voll auszukosten, die Lust an der nonkonformistischen Grenzüberschreitung und Madrid als Bühne dieser Inszenierung.

Das Haus des Malerehepaars Costus im dicht bevölkerten Madrider Stadtviertel Malasaña war eines der wichtigsten Treffpunkte der Movida. Dort haben sich die Leitfiguren der Bewegung kennengelernt: Olvido Gara (besser bekannt als Alaska), Fabio McNamara und Pedro Almodóvar.

In dieser kretivitätsgeladenen Atmosphäre entstanden Projekte wie der provozierend-sinnfreie Film Pepe, Luci, Bom y otras chicas del montón (1980).

Unkonventioneller Sex, Drogen und Musik sind das Herzstück dieses Werks des jungen Almodóvar, der damals noch nicht einem größeren Publikum bekannt war. Der Film ist eine Hommage an das Erbe der Surrealisten. Er möchte die Etablierten, die sogenannte Bourgeoisie, schocken, seine Ästhetik ist so anstößig wie die des nordamerikanischen Regisseurs John Walters. Seine Protagonisten sind die Künstler der Movida.

Gemeinsam mit Fotografen wie Pablo Pérez Mínguez oder Alberto Garcia Alix verwandelte sich der Regisseur aus Kastilien-La Mancha zum prominenten Chronisten einer künstlerischen Strömung, die sehr schnell auch auf andere große Städte Spaniens übergriff. Allmählich verkauften sich Platten von Bands wie Radio Futura, Gabinete Caligari oder Loquillo y los Trogloditas immer besser.

Die Bilder Costus’, die Fotografien von Ouka Lele und die Modeschöpfungen eines Ceseepe hielten bald Einzug in die exquisiten Künstlergalerien der Hauptstadt.

Von den Galerien war es nur ein kleiner Schritt zu den Parties des Jet-Set, wie sich anläßlich des Besuchs des Guru des Pop-Art, Andy Warhol, in Madrid zeigen sollte. Die Regierungsübernahme der sozialistischen Partei 1982 unterstrich noch einmal besonders den Erfolg der „Movida“. Der Aufstieg dieser aufmümpfigen Künstler war ein wunderbares, auch im Ausland wahrnehmbares Symbol für das neue, das moderne Spanien.

Nach und nach öffneten sich die Tore des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens (TVE) auch Programmen wie la Edad de oro (Das Goldene Zeitalter) oder La Bola de Cristal (Die Kristalkugel).

Die Leitideen von Viva el Mal! Viva el Capital! waren die Imaginationswelten und die Ästhetik. Sie oszillierten zwischen Düsternis und „Glam“ und prägten das Weltbild einer ganzen Generation spanischer Kinder. Doch sie waren keineswegs allesbeherrschende Selbstläufer. Das konservative Spanien hatte sich nicht urplötzlich in Luft aufgelöst. Das wird deutlich wenn man bedenkt, welches politische und mediale Echo die TVE-Veröffentlichung des Songs Me gusta ser una zorra („Ich bin gerne eine Füchsin“) der Punk-Band Vulpess aus Bilbao begleitet haben.

Wie es der Hauptdarsteller in Michael Winterbottoms 24 hour party people wohl formulieren würde: Jede Mode erlebt einen Zenit und fällt dann in Ungnade. In Bezug auf die Movida erwies sich das als katastrophal. Gegen Ende der 80er und im Verlauf der 90er starben viele ihrer Protagonisten an den Folgen ihres exzessiven Lebenswandels.

Die künstlerische Unsterblichkeit forderte ihren Tribut an Menschenleben: das Ehepaar Costus, den Gitarristen Carlos Berlanga, den Sänger Tino Casal, den Poeten Eduardo Haro – um nur einige zu nennen. Andere wie Alaska oder Pedro Almodóvar haben es verstanden, ihre Karrieren mit der Zeit wiederzubeleben.

Und letzterem gelang beileibe nicht nur das, sondern er schaffte es sogar, auch über die Grenzen Spaniens hinaus künstlerische Wirkung zu entfalten. Alaska gründete zusammen mit Nacho Canut im Zuge der Techno-Pop-Welle eine neue Band, Fangoria, die auch heute noch sehr erfolgreich ist.

Nach einem Jahrzehnt des „Zur-Seite-Schiebens“ und Vergessens, der Ära der 90er, beginnt man sich der Libertinage und des „Do-it-yourself“-Geistes der 80er erneut zu besinnen, freilich nicht ganz frei von Melancholie.

Deshalb erstaunt es nicht, wenn die Stadtverwaltung von Madrid im Verlauf dieses Jahres eine Ausstellung plant und eine Vielzahl von Konzerten veranstalten möchte, die sich den verschiedenen Facetten der Movida widmen. Und es wundert auch nicht, dass es zu einer Neuauflage und Neuinterpretation vieler mit dieser Epoche in Zusammenhang stehenden Produktionen kommt.

Dreißig Jahre nach ihrer Entstehung ist der hedonistische, stürmische Geist der Movida immer noch lebendig. Und ihren Künstlern ist es zu verdanken, daß das alte Spanien voller moralischer Schwarz-Weiß-Malerei im Nu abgestreift werden konnte –zugunsten einer spanischen Interpretation der Postmoderne.

Übersetzung aus dem Katalanischen: José Luís Dolz.