Madrid: Der Kampf um ein Dach über dem Kopf

Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2016

Immer mehr Menschen in Madrid sind gezwungen, ihre Wohnungen aus finanziellen Gründen zu räumen. Banken und Zwangsräumungen bringen die Leute dazu, sich nach anderen Lösungen für das Wohnungsproblem umzusehen - und die sind nicht immer unbedingt legal.

„Ich wache mitten in der Nacht auf und denke: das ist nicht mein Haus“, sagt Pilar Molina. Die 50-Jährige in abgenutzten Arbeitshosen ist eine okupa. Nach spanischem Recht ist sie eine Straftäterin, aber für ihre Freunde ist sie ein mutiges Vorbild. Letzten Februar hat sie die Tür einer leeren Wohnung in Vallecas, Madrid aufgebrochen und ist einfach so eingezogen. Jetzt lebt sie mit ihrem 14-jährigen Sohn dort. Miete zahlt sie nicht, aber sie hat Gas und Strom. Sie nimmt oft an recuperaciones teil - illegalen Hausbesetzungen.

„Außerhalb des Gesetzes zu leben stört mich nicht“, erklärt sie. „Ich fühle mich nicht wie eine Kriminelle.“ Pilar beschloss, das Haus zu besetzen, als sie ihr eigenes Zuhause verlor. Sie hatte 14 Monate lang keine Miete gezahlt. „Ich hatte 2000 Euro Schulden bei einem Immobilienmakler, dem die Wohnung gehörte. Ich habe mehrere Jahre aus Gesundheitsgründen nicht gearbeit. Mit Ersparnissen konnte ich mich eine Weile über Wasser halten, aber das ging so nicht mehr.“ Sie gab den Schlüssel bei einem Mitarbeiter der Agentur ab und ging, bevor sie sie festhalten konnten.

„Die Menschen tun das, weil sie müssen“, fährt sie fort. „Entweder das oder auf der Straße schlafen. Manche beleidigen mich deswegen. Es gibt eine Nachbarin, die mich anschreit, wenn sie mich sieht. Sie sagt, ich sollte mich schämen, auf ihre Kosten zu leben.“ Schlimmer ist die Unsicherheit, die das Leben in einer instabilen Situation mit sich bringt: „Ich weiß, dass sie mich jeden Moment rausschmeißen können, aber ich habe keine andere Wahl.“

Ursache und Wirkung?

Pilar ist nicht die einzige Hausbesetzerin in Vallecas, dem riesigen Arbeiterviertel im Südosten von Madrid. Hier werden häufig Menschen aus ihren Wohnungen geworfen, genau wie in den anderen südlichen barrios. In Vallecas gibt es allerdings mehr Menschen, die „zurückschlagen“.

In der Calle del Monte Perdido wurde ein Block mit neun Wohnungen Mitte Oktober von Hausbesetzern übernommen. Fernando - genannt Nene - erzählt uns, was genau passiert ist: „Wir haben uns um sechs Uhr abends getroffen, mehr als 100 Leute. Wir haben die Türen mit Kettensägen und Dietrichen geöffnet und sind reingegangen. Die Polizei kam, aber diesmal waren wir zu viele. Normalerweise, wenn man in der Unterzahl ist, schlagen sie mit Gummiknüppeln zu und zerren dich nach draußen. Natürlich könnten sie uns immer noch jeden Moment rausholen. Aber wir haben jetzt auch eine WhatsApp-Gruppe zum Schutz, die uns hilft, so viel Unterstützung wie möglich ranzuholen.“

Diese Handlungen werden von der PAH (Plataforma de afectatdos por la hipoteca) koordiniert. Die Plattform wurde gegründet, um Menschen zu helfen, die ihre mit Hypotheken belasteten Wohnungen verloren haben. PAH konzentriert sich jetzt auf alle wohnungsbezogenen Probleme. „Mehr und mehr Familien enden auf der Straße“, erklärt Alejandra Jacinto Uranga von PAHs Hauptsitz. „Wir tun alles, um das zu verhindern: von juristischer Hilfe und provisorischen Maßnahmen, um eine Zwangsräumung hinauszuzögern, bis dahin, die Häuser physisch davor zu schützen, evakuiert zu werden.“

PAH organisiert auch Demonstrationen vor Banken. Es sind die Banken, die Besitztümer von Menschen beschlagnahmen, wenn sie mit ihren Zahlungen in Verzug geraten sind. „In den letzten paar Jahrzehnten haben viele Menschen in Spanien ein Darlehen oder eine Hypothek aufgenommen“, fährt Jacinto fort. „Wegen der Finanzkrise und der Arbeitslosigkeit haben sie aufgehört, ihre Raten zu zahlen und die Banken nehmen ihre Häuser. „Das Problem ist, dass wegen der Immobilienblase die Wohnungen damals viel mehr kosteten, als sie jetzt wert sind.“ Die Wohnung zu verlieren tilgt keine Schulden, sodass es unmöglich ist, ein neues Darlehen zu bekommen.

Das Resultat: Familien müssen entweder bei Verwandten wohnen oder Hausbesetzer werden. Es gibt keine genauen Zahlen für Madrid, aber laut einem Bericht von Amnesty International wurden in Spanien seit dem Beginn der Finanzkrise fast 100.000 einstweilige Verfügungen wegen Hypotheken registriert. Die andere Seite des Problems sind leere Wohnungen, weil die Banken keine Käufer finden. In Spanien gibt es 3,44 Millionen leere Wohnungen (30% aller leerstehenden Wohnungen in Europa), so das italienische Institut für Statistik (ISTAT).

Hoy por tí, mañana por mí

Bei überfüllten PAH-Treffen können sich leicht die Gemüter erhitzen. Die dringendsten Fälle werden zuerst diskutiert: die mit Zeitlimits. „Hoy por ti, mañana por mí“ (Heute du, morgen ich) ist das Motto der Gruppe, Solidarität das Gesetz. Eine von ihnen ist Asuncion, die sich wegen gesundheitlicher Probleme seit vier Jahren weigerte, ihr Haus zu verlassen. Miguel schlägt vor, dass die Besetzer den Autoritäten einen falschen Mietvertrag zeigen: eine kleine Täuschung, die ihnen ein paar Wochen mehr Zeit verschaffen könnte. Da ist auch Carmen, in ihren Armen die 2 Jahre alte Tochter, in einer Hand den Zwangsräumungsbescheid. Antonio wollte das Haus, in dem er 30 Jahre lang gelebt hatte, nicht verlassen. Aber als er seine Frau vor der Haustür weinen sah, gab er nach.

Nicht mal Mieter sind sicher. 60% der Räumungen betreffen Häuser, die von öffentlichen Verwaltungen an sogenannte „Geierfonds“ verkauft werden. IVIMA (hängt von der regionalen Regierung ab) und EMVS (gehört zum Stadtkreis Madrid) haben 2013 jeweils 2935 und 1860 Wohnungen verkauft, um ihre Budgets aufzustocken. Wie der Präsident von FRAVM (Verband der Nachbarschaftsvereinigungen) Enrique Villalobos erklärt, erhöhen diese Fonds entweder direkt oder indirekt die Mieten. Plötzlich können die Bewohner ihre Miete nicht mehr bezahlen: „Die öffentlichen Organe haben die sozialen Ziele, die sie einst hatten, aufgegeben. Wenn das System Ungerechtigkeit hervorruft, muss man es ändern. Wir fordern von Organisationen für „Sozialwohnungen“, dass die Mietpreise 30% des Einkommens nicht übersteigen dürfen. Wir fordern auch, dass sie die Gesetze zu Hypotheken verändern und unbenutzte Gebäude umverteilen.“

Die neue Bürgermeisterin Manuela Carmena (Ahora Madrid) und ihre Anstrengungen, das Problem zu lösen, werden skeptisch betrachtet. Enrique erklärt: „Sie arbeitet in den Verhandlungen mit Banken hart daran, eine alternative Lösung zu finden, aber sie kann nicht viel ausrichten […] Es war ein Fehler von ihr, im Wahlkampf das Ende der Zwangsräumungen zu versprechen.“

Die Menschen geben die Hoffnung nicht auf. „Wir haben es mit einer sozialen Tragödie zu tun“, sagt der FRAVM-Präsident, „Natürlich gibt es immer noch Fälle von Mafia-mäßigen Übernahmen von kriminellen Organisationen, die die Menschen dafür zahlen lassen, dass sie die Türen aufbrechen. Aber die meisten Leute besetzen Häuser, weil sie verzweifelt sind.“

Enrique behauptet, jedes Haus sei „ein Wert, der genutzt und nicht getauscht werden sollte“. Aus dieser Perspektive klingen solche Enteignungen weniger kriminell - genau wie die okupas. Sie sind die unglücklichen Opfer im Kampf gegen eine Stadt voller Menschen ohne Wohnungen und Wohnungen ohne Menschen.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.