Mach’s mal albanisch: linguistische Liebesspiele

Artikel veröffentlicht am 1. September 2010
Artikel veröffentlicht am 1. September 2010
Man kann durch Europa reisen, auf den Spuren der Historie oder der schönen Natur wegen. Warum aber gibt es eigentlich keinen Reiseführer durch das europäische Liebesleben?

Denn, so will es das Klischee, jede Nation verfügt über besondere horizontale Traditionen und Fähigkeiten. Wer wissen will, was in den Betten des Kontinents vor sich geht, kann sich natürlich durch dieselben schlafen. Doch die nationalen Stereo-Sextypen haben längst in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten: Denn französisch beherrschen löst an manchem Stammtisch bis heute Gelächter und orale Fantasien aus.

Etymologen und Linguisten können nicht in allen Fällen ausmachen, woher eine Nation ihren Ruf unter der Gürtellinie hat. Manchmal reicht ein Blick in die Geschichte. Denn wen wundert es, dass man die Missionarsstellung häufig mit den Deutschen und ihrer sprichwörtlichen "preußischen Ordnung" in Verbindung bringt. Aber auch Sado-Maso traut man am ehesten den Germanen und Angelsachsen zu.

Besser schneiden da schon die südlichen Länder Europas ab, wo der "Latin Lover" sein Unwesen treibt und man dank des Klimas sowieso immer heiß ist. Aus dem antiken Erbe sind zahlreiche Darstellungen von Knabenliebe bekannt und griechisch wird wohl deshalb in vielen europäischen Sprachen synonym für Analverkehr verwandt.

Auch religiöse Gründe dürften eine Rolle spielen, denn türkischer Geschlechtsverkehr bedeutet in vielen Sprachen, dass "Mann" seine Positionswünsche als Befehle äußert - emanzipationstechnisch fraglich, aber weniger absurd als die Vorstellung, dass albanischer Sex in der Stimulation des männlichen Gliedes durch die weibliche Kniekehle besteht. Die Italiener bevorzugen ihrerseits die Achselhöhle… Würden jedoch alle Albaner und Italiener sich ausschließlich diesem Amüsement hingeben, stände es schlecht um den Nachwuchs. Und bei der höchsten Geburtenrate des Kontinents dürften die Franzosen auch nicht nur alles mit dem Mund besorgen...

Die Sex-Semantik ist zwar (genau wie andere nationale Stereotypen) historisch-kulturell erklärbar, aber nicht zuletzt in Multikulti-Gesellschaften und in der Generation Erasmus dürften sich mittlerweile die erotischen Praktiken vermischt und wir uns im besten Fall vermehrt haben.

Dann könnte nämlich jeder im europäischen Liebesmix seine Vorlieben ausleben und sich nicht nur auf eine sexuelle Spielart beschränken. Damit wäre auch der EU-Sex-Reiseführer obsolet und man könnte in Spanien seine französische Urlaubsbekanntschaft ganz gekonnt auf Deutsch beglücken...

Illustration: ©Henning Studte