Lyon: Gemeinschaftliches Grün in der Großstadt

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
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Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
In Frankreich sind öffentliche Diskurse über Umweltthemen längst selbstverständlich und Umweltverbände haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Aber wie werden sie lokal umgesetzt? Ein Besuch bei 3 Organisationen in Lyon, die das nachhaltige Leben in der Großstadt gestalten.

von Rabea Ottenhues

Mit den vielen kleinen Gassen der Altstadt, dem Rhône-Ufer und den Hügeln, die die Stadt umgeben, hat Lyon einen ganz eigenen urigen Charme. Öko-Lädchen wie „Les trois ptits pois“ und Stadtgärten wie die des „L´atelier des friches“ fallen auf, fügen sich aber selbstverständlich in das Stadtbild. Grüne Flächen und ökologische Initiativen finden sich an vielen Ecken und Plätzen der Stadt.

Céline und Valentin: Ernten was man sät

Einer dieser Plätze ist das „Reservat“ der Organisation „L’atelier des friches“. „‘Friche‘, das ist ein Ort, an dem nichts existiert. Der Mensch lässt ihn unberührt und so kommt die Natur von allein“, sagt Céline, Gründerin der Organisation. So ein Brachland war auch das ehemalige Fabrikgelände im Süden Lyons, in dem die vier Verantwortlichen seit 2010 einen Garten betreiben, der „eine andere Welt mitten in der Stadt“ sein soll.

Valentin Valentin | L’atelier des friches

Zehn Familien teilen sich hier die Anbaufläche für Kräuter, Gemüse und Früchte. Der Boden, auf dem bis vor ein paar Jahren eine Fabrikhalle stand, ist kontaminiert. Deshalb stehen für den Anbau neun Hochbeete zur Verfügung. Die Mitgliedschaft kostet nur zehn Euro im Jahr, dafür können die Mitglieder des Kollektivs ernten, was sie wollen; das Prinzip des Besitzes gibt es im Reservat nicht. Sich regelmäßig an den Arbeitseinsätzen zu beteiligen gehört aber auch zu den Regeln des Kollektivs. „Es soll ein offener Platz sein, deshalb gibt es keine Zäune oder Tore“, sagt Valentin, der seit ein paar Monaten für die Organisation arbeitet. Doch das bringt auch seine Schattenseiten mit sich. Etwa zehn Prozent der Ernte wandert in fremde Münder.

Valentin bereitet im Reservat die Kinderanimation für den nächsten Tag vor. Dabei geht es nicht nur darum, die Kinder zu unterhalten, sondern vor allem, sie zu informieren. Dass Tomaten an Sträuchern wachsen und wie viele unterschiedliche Kräuter es gibt, das ist für viele Kinder in der Großstadt kein selbstverständliches Wissen. Er baut an einer Vorrichtung für ein Erkennungsspiel. Anhand des Aussehens, des Geruchs und des Geschmacks sollen die Kinder lernen, Gemüse, Früchte und Kräuter voneinander zu unterscheiden. Zwei Mal im Monat gibt es ein solches Programm, das die Kinder für Natur und Öko-Lebensmittel sensibilisieren soll.

Julien & Olivier: Drei kleine Erbsen und Mikrogeschäfte in Lyon

Julien Julien | “Les trois p’tits pois”

Kann man Gemüse nicht selbst anpflanzen, findet man in Lyon bei „Les trois ptits pois“ Bio-Lebensmittel. Julien und Olivier haben den Laden im März 2010 eröffnet. Schon von weitem erkennt man den grünen Fleck an der ansonsten relativ tristen Straße im Lyoner Stadtteil La Guillotière. Vor dem Laden stehen Sonnenblumen und anderes Grün. Es ist kein „Bio-Supermarkt“ wie es sie heute in vielen Großstädten gibt und die sich kaum noch von herkömmlichen Supermärkten unterscheidet. Die „drei kleinen Erbsen“ sind nicht der erste Bio-Laden in Lyon, aber in ihm steckt jede Menge Herzblut, das merkt man direkt, wenn man das kleine Geschäft betritt.

Schon vor der Eröffnung hat sich Julien fast ausschließlich von Bio-Produkten ernährt, deshalb kannte er die Produzenten und die Qualität der Ware. Für die etwa 1000 Produkte, die es derzeit in den beiden kleinen Räumen des Ladens zu kaufen gibt, haben Julien und Olivier ein eigenes Bewertungssystem erfunden, das jedes Produkt nach vier Kategorien bewertet. Wichtig ist den Ladenbesitzern, dass ihre Artikel biologisch sind, wer der Produzent ist, dass sie möglichst lokal produziert werden und wie umweltfreundlich ihre Verpackung ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Biomärkten achten die Ladenbesitzer auch darauf, dass sie nicht alles in Plastikfolien und Pappschachteln verkaufen. Mehl, Zucker und Salz kommen in großen Säcken. Müsli und Nüsse werden in großen Spendern, Öl und Essig in Kanistern aufbewahrt. Die meisten Kunden bringen deshalb ihre eigenen Behälter mit, sonst gibt es Papier und recycelte Glasflaschen.

Doch ihr eigenes Bio-Geschäft zu führen, reicht den Öko-Unternehmern nicht aus. Sie haben sogenannte „micromagasins“, also „Mikrogeschäfte“ ins Leben gerufen. Die sind fester Bestandteil des Konzepts und funktionieren nach dem Prinzip des Einkaufskollektivs. 15 kleine Gruppen bestellen ein Mal pro Woche bei den „Trois ptits pois“ Ware. Die liefern zu einem der überall in der Stadt verteilten „Mikrogeschäfte“ – und versorgen so etwa 200 Lyoner mit Öko-Nahrungsmitteln.

Kollektiv Kompostieren mit Mathieu und Bastien

Um dem Müllproblem in der Großstadt entgegen zu treten, haben Mathieu und Bastien 2009 den Verein „Les Compostiers“ gegründet. Die Idee, kollektive Komposthaufen für Wohnanlagen und Nachbarschaften zu bauen, hatten die beiden sich in einer Nachbarstadt von Lyon abgeschaut, dort gab es ein solches Projekt schon.

15 gemeinschaftlich genutzte Kompoststellen gibt es mittlerweile in Lyon. Der erste Kompost steht in einer Lücke inmitten von fünfstöckigen Häusern, nur ein paar Meter vom Büro der Compostiers entfernt. Bis vor einiger Zeit stand hier noch ein Haus, jetzt wuchern Gräser und andere Pflanzen, in einer Ecke wachsen Beeren, in der anderen Tomaten und die ersten Kürbisse. Gepflanzt worden sind sie nicht, sie sind aus dem Kompost gewachsen, der auf dem Boden verteilt wurde.

Delphine Delphine | “Les Compostiers”

Delphine, die neben etwa zehn freiwilligen Helfern hauptberuflich für die Kompostierer arbeitet, schlägt den Deckel des Kompostes auf und dampfende Luft schlägt ihr mit süß-säuerlich fauligem Geruch entgegen. Eigentlich funktionieren die Komposte in Eigenverwaltung. Die Kompostierer stehen mit Rat und Tat bei der Planung zur Seite und sind dabei, wenn der Kompost gebaut wird. Das machen die „Besitzer“ selbst und Delphine ist überzeugt: „Es ist wichtig, dass sie den Kompost mit ihren eigenen Händen bauen.“ Gemeinschaftliche Verantwortung ist auch hier das Prinzip. „Eine Gemeinschaft hat später einen gemeinsamen Gemüsegarten angelegt“, sagt Mathieu. Denn die 15000 Kilo Kompost, die pro Jahr entstehen, müssen Verwendung finden.

Das mit der Stadt Lyon vereinbarte Ziel lautet: In den nächsten zwei Jahren jeweils acht neue Komposte pro Jahr bauen. Die Kompostierer hoffen, dass es noch mehr werden.

Dieser Artikel ist Teil des Reportageprojekts Orient Express Reporter Tripled, unterstützt vom deutsch-französischen Jugendwerk DFJW.

Illustrationen und Text: ©Rabea Ottenhues