Luxemburg 2007: Kultur- oder Kapitalhauptstadt?

Artikel veröffentlicht am 21. August 2007
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In der diesjährigen Kulturhauptstadt werden auf 2.500 Quadratkilometern die reichsten Bürger Europas durch einen außergewöhnlichen Kulturkalender verführt.

Das Jahr 2007 hat eine Welle von Kunst und Tourismus durch die Straßen Luxemburgs getragen. Wie bereits 1995 wurde die Stadt in diesem Jahr zur Kulturhauptstadt Europas ernannt. Durch diese 1985 vom EU-Ministerrat ins Leben gerufene Initiative soll dem Kulturleben europäischer Städte durch finanzielle Fördermittel neuer Schwung verliehen werden.

«Bänker? Die kaufen nur Gemälde für ihre Büroräume!»

2005 überstieg die Anzahl der Touristen in Luxemburg (913.000) nicht einmal die Zahl der Besucher des Quai Branly in Paris (952.770). Der kosmopolitische Charakter der Stadt, der sich vor allem auf die Stadt als Finanzzentrum bezieht, hat nur selten kulturelle Früchte getragen. "Fehlendes Interesse?", fragt sich Josée Hansen, Journalistin der luxemburgischen Wochenzeitung Land. "In Bezug auf die Kunst, leidet Luxemburg unter einer zeitlichen Verzögerung. Und die kleinbürgerliche Mentalität ist sicherlich nicht förderlich. Die Leute haben in den letzten zwanzig Jahren Reichtümer angehäuft und besitzen gegenwärtig eine unglaubliche Kaufkraft durch die Beschäftigung im Bankensektor", erklärt die Journalistin und Vorsitzende des Verwaltungsrates des Musikzentrums Rockhal. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosenquote liegt bei 4,7 Prozent und der Lebensstandard ist hoch: "aber Mäzene und Sponsoren fehlen". Ironisch ergänzt Josée Hansen, "die Bänker investieren doch nur in Gemälde, die sie in ihre Büroräume hängen!".

Kirchberg, das neue Gesicht Luxemburgs

Die großen farbigen Tafeln mit den hellblauen Hirschen - Symbol der Kulturhauptstadt Luxemburg - sind über die ganze Stadt verteilt. Als wollten sie beweisen, dass sich die Dinge nun ändern werden. Lässt man die Altstadt hinter sich und durchquert die großen Parks am Stadtrand, gelangt man nach Kirchberg. Hier vermittelt sich ein ganz anderer Eindruck. Das Viertel der Europäischen Institutionen befindet sich im Aufbau und die beiden Türme des Europäischen Gerichtshofs des französischen Architekten Dominique Perrault, werden in Kürze fertiggestellt.

Wenige Schritte entfernt befindet sich das Musée d'art moderne Grand-Duc Jean, kurz "Mudam". Das Gebäude wurde von dem chinesisch-amerikanischen Star-Architekten Ieoh Ming Pei, dem Vater der Glaspyramide des Louvre, konzipiert. Marie Claude Beaud, Direktorin des Mudam, unterstreicht die Bedeutung der Initiative "Europäische Kulturhauptstadt" für die Entwicklung kultureller Aktivitäten.

Matthias Naske, Direktor der neben dem Mudam gelegenen, außergewöhnlichen Philharmonie des Architekten Christian de Portzamparc bestätigt: "Die Qualität des Angebots an kulturellen Veranstaltungen in Luxemburg ist nie so hoch gewesen wie in diesen Jahren, besonders dank der Initiative Luxemburg 2007". Nur ein kurzer Aufschwung oder der Anfang einer neuen Ära für das Großherzogtum? In Luxemburg fehlt es sicherlich nicht an finanziellen Mitteln, um zu einem leuchtenden Beispiel für die Gegenwartskultur des Alten Kontinents zu werden.

Der bittersüße Schmerz von Sophie Calle

Bestes Beispiel? Die Ausstellung "Douleur Exquise" der französischen Fotografin Sophie Calle, die direkt hinter dem Bahnhof, in einer ehemaligen Lokomotiv-Werkstatt des späten 19. Jahrhunderts zu besichtigen ist. Die Künstlerin erfreut sich großer Popularität in ganz Europa: Nach einer Ausstellung mit Kurator Daniel Buren im französischen Pavillon der diesjährigen Biennale in Venedig und im Centre Georges Pompidou im Jahr 2004, erzählt die 54-jährige Pariserin nun in einem fotografischen Reisebericht von ihren schmerzhaften Erfahrungen mit dem Ende einer Liebesbeziehung. Die Geschichte einer Liebe und einer Reise nach Japan, wo sie drei Monate ohne ihren Partner verbringen sollte.

Drei Monate des Wartens, die sie niemals getrennt von ihrem Partner hätte ertragen können. So entscheidet sie sich für eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, die den Aufenthalt in Japan auf sechzig Tage verkürzt. Der erste Teil der Ausstellung besteht aus einem sehr persönlichen Tagebuch aus Texten, Dokumenten und Fotografien über das Getrenntsein von ihrem Geliebten. Allerdings erscheint dieser nach den neunzig Tagen nicht zur vereinbarten Verabredung. Der Mann ihres Lebens hatte sie mit einer anderen Frau betrogen. Um diesen Schmerz überwinden zu können, befragt Sophie Calle neunzig Personen nach der schmerzhaftesten Erfahrung ihres Lebens. Den Schmerz der anderen kennen zu lernen und aufzuarbeiten, hilft ihr dabei, ihr eigenes Leiden zu überwinden.

Noch interessanter sind die Aluminiumflächen, auf denen die Fotografien von Sophie Calle ausgestellt werden: große geschwungene Platten, in Szene gesetzt von Frank Gehry. Die französische Künstlerin und der amerikanische Architekt lernten sich im Jahr 1984 kennen. "Er wollte mein Agent werden", erzählt Calle. "Ich akzeptierte zum Spaß. Am folgenden Tag rief mich eine bedeutende Galerie an. Sie wollten mich kennenlernen und bevor ich nachdenken konnte, wurde der Termin für eine Ausstellung festgelegt. Seit diesem Tag schickt mir Frank Gehry zu jeder Vernissage einen Blumenstrauß. Ich hatte meinen Engel gefunden."

"Douleur exquise", Ausstellung bis zum 9. September; Rotunda 1 de Bonnevoie, Luxembourg

Veranstaltungskalender auf www.luxembourg2007.org

Danke an Alex Vicente für seine Mitarbeit.