Lucía Martín und die spanische Jugend: „Das studieren, was der Arbeitsmarkt verlangt“

Artikel veröffentlicht am 5. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Oktober 2011
Stigmatisieren oder bedauern? So lauten die beiden Haltungen der öffentlichen Meinung in Bezug auf die Jugendlichen von heute. Bis die Spanierin Lucía Martín kam, die dafür warb, einfach mal zu analysieren. Die spanische Journalistin und Autorin des Buches ¿Generación perdida? Desmontando ideas sobre los jóvenes [Verlorene Generation?
Vorstellungen über die Jugend auseinandernehmen] haut mit der Faust auf den Tisch und erhebt ihre Stimme, um laut und deutlich über die Generation der europäischen Jugendlichen zwischen 25 und 35 Jahren zu sprechen. Befristete Verträge, endlose Praktika, unterste Gehälter… was heißt „prekär“ in einer ausgeknockten Gesellschaft?

Cafebabel.com: In deinem Buch verteidigst du die so genannte „verlorene Generation“, Jugendliche zwischen 25 und 35 Jahren. Was hat dich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben?

Lucía Martín: Tatsächlich war es ein Buch auf Bestellung mit dem Ziel zu beschreiben, warum sich die spanischen Jugendlichen später emanzipieren als ihre europäischen Altersgenossen. Es soll zeigen, dass sie eine „ausgeknockte Generation“ sind. Doch meine umfassenden Recherchen haben ergeben, dass das gar nicht stimmt. Die ursprüngliche Idee hat sich dann mit der Zeit gewandelt - am besten hätte man das Buch 'K.o.-Gesellschaft' nennen sollen. Die Jugendlichen sind in Wirklichkeit nicht so, wie alle Welt sagt.

Cafebabel.com: Kann man diese Generation in wenigen Worten beschreiben?

Lucía Martín: Es ist die „Mal schauen wie’s kommt“-Generation; Menschen, die sich ihr Leben täglich zusammenklauben müssen und sich sagen „Das Prekariat hat mich gewählt“ – nicht umgekehrt. Sie sind unpolitisch, vermeiden Gewerkschaften, sind misstrauisch, reaktionär und solidarisch – eine Sache, die oftmals nicht angesprochen wird. Man bezeichnet sie als Mileuristas, Generation Y, verlorene Generation, Baby Looser in Frankreich, 700-Euro-Generation in Griechenland

Cafebabel.com: Sind wir Opfer der Ausbildungseinrichtungen und Universitäten?

Es müssten Studiengänge gewählt werden, die der Nachfrage des Arbeitsmarktes entsprechen.

Lucía Martín: Es gefällt mir nicht, Schuldige zu suchen. Man muss die Verantwortlichkeit ausweiten. Es ist klar, dass in früheren Zeiten eine akademische Laufbahn ein Zukunftsgarant war. Heute reicht das nicht mehr. Das Bildungssystem verläuft nicht parallel zur Entwicklung des Arbeitsmarkts. Es ist gut und schön, dass jemandem Philosophie gefällt. Aber gleichzeitig sollte man sich heute klar machen, dass dafür heute keiner bezahlt. Es müssten also Studiengänge gewählt werden, die der Nachfrage des Arbeitsmarktes entsprechen.

Cafebabel.com: Also sollten wir unsere Berufung besser verdrängen und uns den Bedürfnissen des Marktes anpassen?

Frustriert oder weitsichtig?Lucía Martín: Sagen wir mal so. Wenn du ein Fan der Philosophie oder Anthropologie bist, solltest du diese Richtungen erst dann studieren, wenn du bereits einen Arbeitsplatz gefunden hast, der dir den Rücken frei hält und in dem du verdienst… Denn eine Berufung ist gut und schön. Asber wenn der Markt zeigt, dass dir deine Berufung unweigerlich die Arbeitslosigkeit beschert, solltest du sie vielleicht für später aufheben. Schlussendlich bezahlt die Berufung nicht das Essen am Ende des Monats.

Cafebabel.com: Du sagst in deinem Buch, Spanien sei „das Land der Universitätsabschlüsse“. Spanische Universitäten gibt es in fast jeder Provinz und die Zahl der Akademiker steigt jedes Jahr. Was tun?

Lucía Martín: Ich weiß nicht was die Lösung ist. Vielleicht der Numerus clausus, jedenfalls müssen wir von dieser Situation wegkommen. Man kann nicht hunderte von Plätzen für akademische Laufbahnen anbieten, die dann von Personen belegt werden, die in Zukunft die Arbeitslosenlisten füllen werden.

Cafebabel.com: Die Probleme weiten sich aus: Irland, Portugal, Griechenland, Spanien… bedeutet das oft gehörte „man muss ins Ausland gehen“ neuerdings „man muss Europa verlassen“?

Lucía Martín: Es gibt viel Augenwischerei bei der Frage um einen Auslandsaufenthalt. Früher war die Lage anders: Die Menschen emigrierten aufgrund von Hungersnöten, sie ließen sich in einer anderen Stadt, einem anderen Land nieder, ohne überhaupt die Sprache zu lernen. Mein Vater ging unter diesen Umständen nach Paris. Es stimmt, dass wir in Spanien ein bisschen merkwürdig sind. Früher fiel es den Leuten schwer, wegen des Jobs die Stadt zu wechseln. Jetzt ist man dazu verpflichtet, Sachen zu machen, die früher völlig undenkbar waren. Ich glaube, dass momentan viele westliche Länder in dieser Bredouille stecken. Die Chancen liegen jetzt in den Entwicklungsländern. Man muss gerade jetzt über Europas Grenzen hinausgehen.

Cafebabel.com: Junge Leute finden nach dem Studium keinen Job und entscheiden sich für Weiterbildungen. Anschließend ist man aber oft „überqualifiziert“. Wo ist der Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Was aber, wenn der nächste vier Abschlüsse hat und fünf Sprachen kann?

Lucía Martín: Darauf zu vertrauen, dass allein Bildung dich im Leben weiterbringen kann, ist ein Irrglaube, der immer existiert hat. Deine Bildung allein wird dir nicht die Kastanien aus dem Feuer holen. Es gibt sehr wenige Leute, vor allem in Spanien, die Gespräche eröffnen oder die Initiative ergreifen - aus Angst. Man muss fast so etwas wie ein Kamikaze sein, um in Spanien ein Unternehmen zu gründen. Es ist ein sehr langwieriger und komplizierter, bürokratischer Vorgang. Um die Wahrheit zu sagen: Ich würde es vorziehen, wenn sich meine Tochter in Zukunft einen Rucksack über die Schultern werfen und die Welt erforschen würde; dabei würde sie viel mehr lernen, als von Fakultät zu Fakultät zu ziehen. Es gibt Leute mit zwei Studienabschlüssen und drei Sprachen. Ok, einverstanden! Was aber, wenn der nächste vier Abschlüsse hat und fünf Sprachen kann?

Cafebabel.com: Dein Buch kam quasi zur gleichen Zeit wie die 'Bewegung des 15. Mai" (15-M) heraus. Wie lautet deine Einschätzung zu den „Empörten“?

Lucía Martín: Das Movimiento 15-M ist der praktische Beweis für das, was ich in meinem Buch geschrieben habe: Dass diese Jugendlichen doch Werte haben. Ich hoffe, dass diese Gruppe der Keim einer Bewegung von Menschen sein wird, die Dinge endlich in die Hand nehmen. Alles, was bei den Protesten zu Tage getreten ist, hat auch dazu gedient, mich wieder ein bisschen mit der spanischen Gesellschaft zu versöhnen. Sie haben nicht mal die Zwangsräumung gescheut! Ich hoffe sie gewinnen im Kontext dieser massiven Ungerechtigkeiten mehr und mehr Platz. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass hinter den Institutionen, die die Zwangsräumungen durchsetzen, Personen aus Fleisch und Blut sitzen. Haben diese Señores keine Moral?

Fotos: Homepage (cc)Offizielle Facebook-Seite Democracia Real Ya; Im Text (cc)lanpernas 2.0; ©Lucía Carretero, Mit freundlicher Genehmigung von Lucía Martín