Louis-Georges Tin: "Homophobie verstehen, um sie zu bekämpfen"

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2010
Seit 2005 ist der 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie. Globale Anerkennung fand er vor allem durch die Arbeit des IDAHO-Komitees und ihres Gründers und Präsidenten Louis-Georges Tin. Porträt eines Forschers und aktiven Mitglieds einer Strömung, der überzeugt davon ist, dass die Zerstörung von Geschlechtervorurteilen die beste Waffe gegen Homo- und Transphobie ist.

„Ich habe uns 10 Jahre gegeben, um unsere Ziele umzusetzen. Hätten wir diese Frist überschritten, hätte ich meinen Posten abgegeben“, versichert Louis-Georges Tin gelassen. Letztendlich haben nur zwei Jahre einer lebhaften Kampagne seines IDAHO-Komitees (International Day Against Homophobia and Transphobia) ausgereicht, um aus dem 17. Mai in der Europäischen Union, 8 weiteren Staaten sowie mehreren Gemeinden einen international anerkannten Protesttag zu machen. 2010 findet dieser nun bereits zum fünften Mal statt.

IDAHO: Grenzüberschreitende Transsexualität

Setzt sich für LGBT-Rechte einLouis-Georges Tin ist nicht nur ein Mensch mit Überzeugungskraft, sondern auch ein Mann der Tat. Der Absolvent der renommierten Pariser Ecole Normale Supérieure gibt sich lange Zeit nicht mit seinen rein akademischen Aufgaben zufrieden. Obwohl seine Recherchen eine Referenz im Bereich Gender Studies darstellen, macht ihn sein Bedürfnis „etwas Praktisches zu tun“ zum Mitbegründer von Homonormalité, einer Organisation für Schwule und Lesben der ENS (Ecole Normale Sup). In diesem Moment war die Stunde für IDAHO gekommen, um die Intoleranz gegenüber LGBT (Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen) abzubauen: „Eine der Stärken von IDAHO ist es, dass wir ein Netzwerk unter den schon bestehenden Organisationen für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen aufbauen. Wir kooperieren mit 60 Partnern in der ganzen Welt. Der zentrale Kern organisiert nur vier oder fünf Events im Jahr, der Rest hängt von der Mitarbeit und Selbständigkeit der Mitglieder ab.“

Der 17. Mai wurde 2005 zum ersten Mal in 50 Ländern gefeiert. Das IDAHO-Komitee selbst ist allerdings nicht nur an einem Tag im Jahr aktiv. 2006 startete die Organisation eine Kampagne mit dem Ziel, die Vereinten Nationen zur Unterzeichnung eines Abkommens für eine generelle Entkriminalisierung von Homosexualität zu bewegen. Unterstützt wird die Kampagne sowohl von Künstlern und Intellektuellen - unter ihnen Nobelpreisträger José Saramago, Desmond Tutu und Amartya Sen - als auch von verschiedenen Staaten.

Sollte das Abkommen doch nicht angenommen werden, wird die Katholische Kirche offiziell Position gegen homophobe Gewalt beziehen. Das wäre das erste Mal in ihrer Geschichte. Und die letzte IDAHO-Errungenschaft? Die Ankündigung von französischer Seite im Februar 2010, Transsexualität von der Liste geistiger Krankheiten zu nehmen: „Wir haben eine Kampagne gestartet, mit der wir erreichen wollen, dass diese Einstufung auch von den Listen anderer Länder gestrichen wird“, fügt der erfreute Präsident des IDAHO-Komitees hinzu.

Im Clinch mit den Behörden

GMP (Gay men's project) in East-LondonLouis-Georges Tin zieht Skandalen und Symbolhandlungen konkrete Arbeit und Pädagogik vor. Anstatt nur die Opferhaltung der Gruppe zu fördern, entschied sich Tin, das Problem der Intoleranz bei der Wurzel zu packen: Er sagte so mancher Behörde, die unseren Alltag begleitet, schlicht und einfach den Kampf an.

Nachdem er sich lange Zeit mit Homosexualität und Homophobie beschäftigt hat - u.a. hat er das Buch Wörterbuch der Homophobie (Dictionnaire de l'Homophobie; 2003) herausgebracht, interessiert sich Louis-Georges Tin im gleichnamigen Buch nun für die andere Seite: "Die Erfindung der heterosexuellen Kultur" (L’invention de la culture hétérosexuelle). Sein Werk gleicht einer intellektuellen Waffe gegen Homophobie: „Wir erhalten interessantere Ergebnisse mit einer Herangehensweise, die nicht direkt darauf abzielt, für die Toleranz von Homosexualität zu kämpfen, sondern eher Homophobie kritisiert, und zwar vor allem, indem wir uns an die kirchlichen Würdenträger wenden.“ Auch zum Internationalen Tag gegen Homophobie setzt man in diesem Jahr den Akzent vor allem auf religiöse Argumente, die noch allzuoft versuchen die Gewalt gegen LGBTs zu rechtfertigen.

Europa verteidigt Homosexuelle…zumindest theoretisch

Und wie sieht es in Europa aus? „ In puncto Institutionen ist Europa wahrscheinlich die Region, die im Kampf gegen die Diskriminierung sozial und juristisch gesehen am weitesten fortgeschritten ist", betont Louis-Georges Tin. "Im Jahr 1994 empfahl die EU ihren Mitgliedstaaten, gleichgeschlechtlichen Paaren einen legalen Status einzuräumen. Sechzehn Jahre später ist die Hälfte der Staaten dieser Empfehlung nachgekommen!“ Aber der Kampf gegen Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Homosexuellen, Lesben und Transsexuellen bleibt ein aktuelles Thema in Europa. Beispiele aus Russland und Weißrussland unterstreichen das. Und selbst innerhalb der EU ist die Lage in den einzelnen Mitgliedsländern sehr verschieden: „Bulgarische Behörden beispielsweise mussten Homosexualität entkriminalisieren, um der EU beitreten zu können. Aber gleich danach hat man Reden für Homosexualität unter Strafe gestellt, ohne dass Brüssel etwas erwidert hätte“, bedauert Tin.

Doch Optimismus ist und bleibt eine notwendige Waffe im Kampf gegen jegliche Form der Diskriminierung: „Den "International Day against Homophobia" widme ich auch all denen, die mir am Anfang den Mut rauben wollten, indem sie meine Ziele als illusorisch bezeichneten", versichert Louis-Georges Tin mit Humor. Wenn man Intoleranz abbauen will, braucht man das persönliche Engagement jedes Einzelnen.“ Genau vor einem Jahr, am 17. Mai 2009, veröffentlichte die französische Tageszeitung Le Monde einen Aufruf an die Kirchen, Homophobie zu verurteilen und zu bekämpfen. Dieser wurde u.a. auch von einem Rabbi und einem Imam unterzeichnet. Angesteckt von Louis-Georges Tins Optimismus kann man darin auch die Früchte der Arbeit derjenigen sehen, die tagtäglich - und keineswegs nur am IDAHO-Tag - gegen Diskriminierung in den Kampf ziehen.

Fotos: ©Tiagø Ribeiro/Flickr; Louis-Georges Tin: ©yXeLLe ~@rtBrut~/Flickr; L'affiche du gmp: Mike_fleming/Flickr