Lost Generation? Vom Mythos des heimkehrenden Polen

Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2010
Während die britische Presse eine polnische Rückkehrer-Tendenz heraufbeschwört, rechnet die Auswanderernation Polen bald mit einem zweiten Exodus. Nur eine Handvoll junger Polen hat sich vorgenommen, ihr Land für die Zukunft zu wappnen.

„Das ist eine Art Ritual bei mir - Zimt und brauner Zucker“, erklärt Dorota im Coffee Heaven auf der Warschauer Hauptverkehrsachse Marszałkowska, gleich in der Nähe der U-Bahn Station Centrum: kräftig umrühren, fertig! Dorota Czechowska ist Polin. Nach einem Auslandsaufenthalt in Barcelona ist die 22-Jährige erst vor wenigen Monaten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihr Jura-Studium fortzusetzen. Hier in Warschau, wo sie „Freunde, Familie, ihren Hund und schlussendlich auch ihr eigenes Bett vermisste.“

Doch dafür musste sie erst in die Ferne. Vor 2 Jahren hatte sie, Tochter einer Ärztin und eines Pastors aus dem etwa hundert Kilometer entfernten Radom, das Fernweh gepackt. Jobs gab es in ihrer Region nicht. Also machte sie sich auf nach Katalonien. Neben der Uni hielt sich Dorota mit Jobs in einem Hotel und in einem Restaurant über Wasser. Doch nach einer ersten Phase der Euphorie kommt nach 18 Monaten relativ schnell die Ernüchterung: „Spanier sind unheimlich offen, Freunde findet man dort ziemlich schnell. Aber Du bleibst trotzdem immer der Pole. Es stimmt, ich habe einige Freunde in England, die als Kellner oder Tellerwäscher arbeiten - sie sind nicht wirklich glücklich.“ Allerdings könne man das nicht alles über einen Kamm scheren.

Comeback der Polen - Pustekuchen!

So wie Dorotas Freunden ging es zunächst aber vielen jungen Polen, besonders aus den ländlichen Regionen und polnischen Kleinstädten, die ihrer Heimat nach dem Studium massiv den Rücken kehrten. Jetzt - in Krisenzeiten - soll diese Tendenz sich urplötzlich umgekehrt haben. Im Ausland lebende Polen würden aufgrund der Wirtschaftslage wieder nach Hause pilgern. „Jetzt verlassen die Polen Großbritannien in Massen“, schrieb die britische Regenbogenpresse bereits 2007. Anfang 2010 nun hätten bereits über die Hälfte der polnischen Expats die britische Insel verlassen, um nach Polen zurückzukehren. Das bestätigten sowohl das Migration Policy Institute als auch Einwanderungsminister Phil Woolas (Labour).

Die Rezession hat mittlerweile auch anderswo in Europa gewütet, besonders in Irland, dem europäischen Wirtschaftswunder der Neunziger. Gerade dorthin waren viele Polen nach der EU-Erweiterung 2004, in Aussicht auf den lang ersehnten Job gepilgert. Nun gehört die grüne Insel zu den vielbeschworenen PIIGS-Staaten, während Polen als der neue Wachstumsmotor Europas glänzen konnte - 1,7% verbuchte das Land im letzten Jahresdrittel 2009. „Der grüne Punkt in einem roten Meer der Rezession“, brüstete sich der polnische Premier Donald Tusk (PO).

Doch ganz so einfach geht die Rechnung nicht auf, erklärt uns die polnische Migrationsexpertin Krystyna Iglicka. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin arbeitet im Center of International Relations, einem unabhängigen Think Tank, dessen Warschauer Büro sich gleich in der Nähe des Kulturpalasts - der Stalintorte - befindet. „Diese Zahlen kamen rein zufällig kurz vor den Wahlen in Großbritannien zum Vorschein, und das, wo Einwanderung ein ganz heißes Wahlthema bei den Briten ist. Es war einfach, den Briten vorzugaukeln“, dass die 'polnischen Klempner' das Land verlassen hätten.

In Wahrheit haben nur ca. 60.000 Polen von den insgesamt 2 Millionen 170.000 polnischen Auswanderern der ersten großen Welle Großbritannien und Irland den Rücken gekehrt. Außerdem seien die polnischen EU-Nomaden nicht unbedingt nach Polen zurückgekehrt - die neuen Jobdestinationen heißen Niederlande, Dänemark oder Spanien. „Wir Polen sind immer noch ein äußerst mobiles Volk, das ist in unserer DNA verankert“, scherzt Professor Iglicka.

Adam Filip starrt auf den künstlich angelegten Seerosenteich vor dem Biologischen Institut. Es ist acht Uhr, die Morgensonne strahlt in aller Kraft. Adam ist pünktlich, das habe er „bei den Deutschen“ gelernt. Trotz seines perfekten Deutschs, möchte er lieber Englisch sprechen. Auch der 35-jährige Neurobiologe gehört zu den polnischen Heimkehrern. Vor allem, „weil es in der Nähe war“ und er immer zurück kommen könne, entschied sich Adam damals für den PhD in Berlin. „Ich tippte Neurobiologie/ Berlin bei google ein und schon ging es los.“ Nach dem Studium an der FU wäre der aus Łódź stammende Wissenschaftler gern noch in die Staaten gegangen. „Doch dann kam die Krise und ich bekam keine finanzielle Unterstützung mehr“. Zurück nach Warschau, sagte sich Adam!

Homing sweet Homing

Die polnische Regierung versucht den waltenden Brain-Drain unterdessen einzudämmen, indem sie junge Auswanderer wie Adam versucht wieder ins Land zu holen. Auch die EU steuert neuerdings Gelder bei, wie z.B. im Rahmen des Homing Plus Programms der Stiftung für Polnische Wissenschaft (FNP), mit dem junge 'nestflüchtige' Wissenschaftler geködert werden sollen, eine Karriere in Polen zu starten, erklärt die Verantwortliche Marta Łazarowicz. Die Stipendien - 15 jährlich an der Zahl - sind allerdings äußerst knapp. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Die EU nennt das Brain-Drain, ich nenne das 'brain waste'!"

Besonders in verlassenen Landstrichen - im so genannten Polen B - und Kleinstädten wurden in den letzten Jahren zudem Rückhol-Kampagnen lanciert. So zum Beispiel in Breslau, im Südwesten des Landes, wo der Bürgermeister die jungen Köpfe der Stadt bereits 2007 mit der Initiative Wroc-loves-you zur Heimkehr bewegen wollte. Nach 2004 verließen vor allem junge, gut ausgebildete Polen massiv das Land, um in der neuen Wahlheimat in minder qualifizierten, aber dafür besser bezahlten Jobs zu arbeiten. „Die EU nennt das Brain-Drain“, so Prof. Iglicka, „ich nenne das 'brain waste'!“

Im Zuge der Rezession und kurz nach den Parlamentswahlen in Polen 2007 hat die Landesregierung zudem das Internetportal powroty.gov.pl ins Leben gerufen, eine Informationswebseite für potentielle Rückkehrer, die Expertenkontakte vermittelt und Fragen polnischer Expats beantwortet. Donald Tusk höchstpersönlich war zur Lancierung des Projekts, in dessen Rahmen auch 50.000 Exemplare der Info-Broschüre Powrotnik in Großbritannien und Irland verteilt wurden, in London präsent. Mittlerweile hätten sich die Besucherzahlen bei 10.000 Klicks die Woche eingependelt und seien auch in Krisenzeiten relativ stabil, bestätigt Chefredakteur Maciej Szczepański. „Aber es ist frappierend, dass wir genauso viele Fragen aus Irland wie aus Großbritannien haben, obwohl in Großbritannien 3 bis 4 Mal mehr polnische Einwanderer leben. Das heißt polnische Bürger scheinen Irland tatsächlich zu verlassen. Und das könnte auf die Krise zurückzuführen sein. Ob sie allerdings nach Polen zurückkehren, ist eine andere Frage.“

Am Ende des Tages bist Du immer noch Pole

Aus der polnischen Hauptstadt bläst unterdessen ein anderer Wind. Eine junge polnische Elite hat es sich auf die Fahnen geschrieben, im eigenen Land etwas auf die Beine zu stellen. Auch sie sind Heimkehrer. Allerdings bringen sie Studienabschlüsse, Projekte, akzentfreies Englisch oder die neue Freundin mit nach Warschau. Jan Naszewski studierte zunächst in Edinburgh, später arbeitete er als Headhunter in London. Nebenbei zog er das auf osteuropäisches Kino spezialisierte New Europe Film Festival hoch - Geld konnte man damit jedoch nicht verdienen. Mit der Rezession und aus weiteren persönlichen Gründen zog es ihn zurück in die Heimat. „Weißt Du, am Ende des Tages bist Du immer noch Pole.“ Über all die Jahre hat sich Jan ein dichtes Netzwerk in Polen erhalten, das war ihm wichtig. Er ist heute Firmenchef seines eigenen Filmverleihs - New Europe Film Sales.

Auch Adam, der Biologe, stimmt in den Reigen ein: „Ich denke, uns gehört die Zukunft, das klingt vielleicht ein bisschen größenwahnsinnig, aber Polen und Osteuropa werden zukünftig eine wichtige Rolle einnehmen. Wir sind mit der Einstellung ‚das ist unser Land und wir müssen es aufbauen‘ groß geworden.“ Agnieszka hat im Dezember letzten Jahres nach dem Studium in Paris einen Job in Warschau gefunden - das kam unverhofft, nachdem sie in Paris vergeblich gesucht hatte! „Ich will, dass mein Land eine Bedeutung hat, dass es ein Ort ist, an dem Menschen gut leben und Geld verdienen können. Dazu möchte ich beitragen, auch wenn es nur über das Einzahlen von Steuern ist”, sagt die 26-Jährige heute.

Doch dieses Warschau ist Lichtmeilen vom Rest des Landes entfernt. Nur 3,5% (Mai 2010) der Bewohner sind hier auf Arbeitssuche, das sind achtmal weniger als in den ärmsten Regionen des Landes. Während Agnieszka ihren Eltern entgegen fährt, die in der Vorstadt leben, und sich die polnische Elite an diesem Wahlwochenende darauf vorbereitet, ihr Land zu gestalten und neu zu formen, bereitet sich eine zweite Welle junger Polen auf den nächsten Exodus vor. Das zumindest glaubt Professor Iglicka. Sollte ihr Team diesmal richtig liegen, würden im kommenden Jahr - also 2011 - wieder tausende von Polen das Land an Oder und Weichsel verlassen. Dann nämlich öffnet Deutschland seinen Arbeitsmarkt für osteuropäische Fachkräfte und werde der 'brain waste' in seine zweite große Phase gehen. „In Polen nennen wir das die lost generation.“

Fotos: Warschau ©Ezequiel Scagnetti; Klempner ©jaime.silva/flickr