Loretta Napoleoni: Mafia, "morsa" und Moneten

Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2009
Gespräch mit einer italienischen Ökonomistin und Expertin für Finanzen und Terrorismus, die seit 55 Jahren in London lebt. Die Finanzkrise? „Eine verpasste Gelegenheit für Europa, eine vereinte Stimme zu haben.“

Pflichtliteratur vor dem Interview mit Loretta Napoleoni war ihr Rogue Economics, ein Essay, das in Krisenzeiten wie diesen alle zu kennen scheinen. Es beschreibt das Leben der Verbraucher in einer von Medien konstruierten Welt, gefangen in einem virtuellen Netz aus sozialen Wünschen und Illusionen, während sich die Wirtschaft täglich wandelt. Die Welt wird von der „Wirtschaft der Schufte“ regiert, einer unbezähmbaren Kraft in der Hand neuer Generationen skrupelloser Geschäftemacher, Unternehmer und Finanziers.

Abgelenkt von Al-Quaida, beraubt von Wall Street

In der Einleitung liest man: „Dies ist ein Buch über die moderne Welt, die Gefahr läuft, von obskuren wirtschaftlichen Kräften völlig umgekrempelt zu werden. Ein Buch über all das, das nur das letzte Kapitel einer alten Geschichte ist. Einer Geschichte, die daran erinnert, dass die Menschheit für sogenannte Eroberungen, wie sie in den Geschichtsbüchern definiert werden, immer einen sehr hohen Preis zahlt.“

„Ich habe wenig Zeit. In zwanzig Minuten habe ich einen Radiotermin, danach noch ein Interview und ein Arbeitsessen…“ Fühlen Sie sich ein wenig wie ein Rockstar? „So ungefähr. Mein Terminkalender ist voll und das Schlimmste daran ist, dass ich in Rom bin und meine Sekretärin das beim Organisieren wenig berücksichtigt hat: Es ist praktisch unmöglich, in dieser Stadt schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen.“

Die aktuelle Wochenausgabe des Magazins Internazionale hat einen Artikel mit dem Titel „Der Traum von Bin Laden“ veröffentlicht, in dem das imminente Erscheinen ihres neuen Buches [La Morsa, Chiarelettere Editore] angekündigt wird. „Das Stück ist ein Auszug aus dem Kapitel über Las Vegas und Dubai, Metropolen, die der Inbegriff des Verfalls und der Verseuchung durch die westliche Welt sind und die seit 2001 unermüdlich wachsen und sich bereichern. Als im vergangenen Jahr die Finanzblase platzte, waren sie die ersten, die unter der Krise litten, weil sie unter dem Einfluss der globalen „Überfall-Wirtschaft“ stehen. Auf dem Buchumschlag steht: Abgelenkt von Al-Quaida, beraubt von Wall Street. Wie kommen wir da wieder raus? „Während uns die Politiker terrorisierten, hat uns das Finanzwesen unsere Ersparnisse geraubt: Das ist die Zange [ital.: „la morsa“ A.d.R.], die sich um uns alle schließt.“

Der Westen ist ohne Bin Laden zusammengebrochen

Im Taxi gibt Lorette Napoleoni Anweisungen, wie man zur Via Asiago gelangt, mit der Sicherheit einer Person, die in Rom geboren wurde und dort 24 Jahre gelebt hat, bis sie auswanderte. In ihrer bekannten Biografie steht: „Nach dem erfolglosen Versuch, in Italien Arbeit zu finden, gewann ich das begehrte Fulbrigth Stipendium und zog in die USA. Ich fühle mich als Emigrantin und nicht als ausgewanderte Intellektuelle.“ Die Nachrichten im Radio eröffnen mit einer Meldung über die Finanzkrise. „Krise“ ist das meistgebrauchte Wort der vergangenen acht Monate. „Die Wirtschaftskrise ist eine Auswirkung des 11. September und der Kriege, die dem folgten. Mit dem Angriff auf die Twin Towers beabsichtigte Bin Laden, den Westen einem „Reinigungsprozess“ zu unterziehen und dann ist genau das Gegenteil eingetreten.

Aufgrund einer Politik, die nichts produziert und Geld ausgibt, das sie nicht besitzt, hat es den Zusammenbruch dieser Filmwelt der unkontrollierbaren Leidenschaften wirklich gegeben, aber erst später und vom Westen selbst ausgelöst.“ Wer bereichert sich an diesem wirtschaftlichen Kurzschluss? „Wie so oft, die organisierte Kriminalität. Zum Beispiel in Neapel, wo sich Kleinbetriebe kurz vor der Pleite aus Verzweiflung an Wucherer wenden, um die Krise zu überleben.

Die 'Ndrangheta agiert geschickter als die Camorra, vor allem auf europäischem Territorium, wo es Staaten gibt, wie Deutschland, die keine spezifische Gesetzgebung gegen organisierte Kriminalität haben.“ Apropos Europa: In den Nachrichten geht es gerade um gemeinsame Politik: „Dieser historische Zeitpunkt wäre für die EU eine Gelegenheit gewesen, ihre Stellung auf internationaler Ebene neu zu definieren, aber die vielen verschiedenen Stimmen und die uneinige Innenpolitik haben die Wirksamkeit geschwächt. Sie blättert in einer Tageszeitung und findet in der Sektion Ausland den Bericht über den Spesen-Skandal in Großbritannien: Die Zeiten, in denen die Presse Gordon Brown zum Mann krönte, der Europa aus der Krise herausführt, scheinen einer grauen Vorzeit anzugehören. „Es gibt kein bestimmtes Land, das mit dem Finanzproblem besser umgeht als andere. Aber am schlimmsten getroffen hat es mit Sicherheit Großbritannien, das Gefahr läuft, in eine langfristige Krise zu schlittern, nicht zuletzt auch aufgrund der Fehler, die in den vergangenen sechs Monaten begangen wurden.“

Und Europa? „Ein Steuerparadies!“

Welche Rolle spielt die EU? „Nach dem im Jahr 2001 vom amerikanischen Kongress verabschiedeten Patriot Act, der Finanzströme in die USA streng reguliert, hat sich Europa in ein Steuerparadies verwandelt. Da in Europa keine einheitliche und umfassende Gesetzgebung gegen Geldwäsche und Steuerparadiese existiert, sind diese Phänomene eben auf den Alten Kontinent umgezogen. Und wieder hat die ‘Ndrangheta daran verdient, die dank dem Aufstieg des sizilianischen Auswanderers Salvatore Mancuso zum neuen Boss der paramilitärischen Terrororganisation in Kolumbien, nun ein Handelspartner der kolumbianischen Rauschgifthändler ist.“

Fast am Ziel angelangt, checkt Frau Napoleoni noch einmal ihre Termine, streicht mit dem Finger über ihren Kalender und die Zeitungsausschnitte der vergangenen Monate. Die letzte Frage: Wie kommen wir da wieder raus? „Die Krise könnte positiv aufgefasst werden und zum Nachdenken über die negativen Auswirkungen der Globalisierung anregen. Aber es möge keiner erwarten, dass dies die Politiker tun, vielmehr muss die Zivilgesellschaft mobilisiert werden.“ Klartext, kurz und knapp, so als hätte sie diesen Satz schon viel öfter gesagt, als man erwarten möge.

Sie bezahlt den Taxifahrer, steigt schnell aus dem Wagen aus und gesellt sich zu einer Gruppe Journalisten vor den Studios von RAI Radio Tre. Dann zögert sie und kommt noch einmal zurück. Sie nimmt mir ihr Buch aus der Hand, schreibt etwas hinein, gibt es mir zurück und geht davon. Ich schlage es auf und lese ein Autogramm in großer Schrift. Wie der Fan eines Rockstars.

Dank an Giulia Civiletti für die freundliche Kooperation.