Lorenzo Mattotti: "Immer offen für alles bleiben"

Artikel veröffentlicht am 28. August 2009
Artikel veröffentlicht am 28. August 2009
Der Comiczeichner, der in den schillerndsten Farben malt, erzählt aus seinem Leben zwischen Frankreich und Italien. Es gibt nicht nur Tintin in Brüssel oder Titeuf in Angoulême. Wir trafen den Vorreiter der "ernsthafteren" Comics.

Eine Farbtube in der Hand, seine kleinen Brille krumm auf der Nase, konzentriert auf die Bewegungen seiner Hände und sichtbar vertieft in seine Kreation. So traf ich, über den Umweg einer Ausstellung, Lorenzo Mattotti, den großen Meister des italienischen Comics, der praktisch zu allen Anlässen in Italien eingeladen wird. Auch wenn er den Stiefelstaat verlassen hat, um sich in Frankreich, in Paris, niederzulassen, der unausweichliche Stil von Lorenzo Mattotti, voller explodierender Farben und Poesie, täuscht nicht über seine Herkunft hinweg. Auf seinen Bildtafeln zeichnen sich die Bergzüge der Toskana und das tiefe Blau des kalabresischen Meeres ab. Mattotti selbst zufolge entsprechen Farben und Formen denen der traditionellen italienischen Bildkunst.

“Ich glaube das alles kommt von meiner Liebe zum Licht und meiner Verehrung für die italienischen Maler“, erzählt er ein bisschen schüchtern, mit sanfter Stimme. “Ich nehme sie überall hin mit. Das sind Farben, die meinem Kopf entspringen, von meinem Innersten.“

Comics für Heimatlose

Im Ausland zu leben, “dazu habe ich mich entschlossen, um auch einmal eine andere Luft zu atmen, um zu erfahren was es heißt, mit einer neuen Kultur in Berührung zu kommen. Aber mit meinem Kopf bin ich immer in Italien“, erklärt der 54-jährige Zeichner. Ermutigt von seinem großen Erfolg in Frankreich und Europa, hat Mattotti vor neun Jahren Italien verlassen und wird zu einem der bekanntesten Comic-Autoren Europas. Inzwischen werden seine Werke überall auf der Welt veröffentlicht. Dennoch kehrt er immer wieder in sein Heimatland zurück. Dieses Leben als Immigrant, entwurzelt, hat ihn zweifellos inspiriert, denn mit Stift und Pinsel unterstützt er ein Comic-Manifest mit dem Titel “Paroles Sans Papier“. Ein Comic-Band, in der die Geschichten der illegalen Einwanderer auf ihrem Weg nach Europa erzählt werden. Um diese Geschichten zu erzählen, hat Mattotti die Farben schwarz und weiß gewählt, denn er sieht darin “einen direkteren Zusammenhang zwischen der Idee, dem Bild und seinen Farben“.

©Prima linea Production

Mattotti ist der Überzeugung, Geschichte und Bild sind nicht von einander zu trennen. Das eine wie das andere dürfen keine Angst davor haben, in die Tiefe zu gehen. “In der Comic-Szene hat man immer noch Angst in die Tiefe zu gehen, Angst vor dem Ernsthaften und dem Dramatischen“, mutmaßt Mattotti. “Es muss immer ironisch bleiben. Doch die Comics, die einmal ausschließlich dem jungen Publikum vorbehalten waren, gibt es nicht mehr. Heute gewinnt dieses Format mehr und mehr Raum und damit ein breiteres Publikum. Heutzutage handelt es sich bei den Lesern um Erwachsene. Das macht die Entwicklung unserer Arbeit aus“, fährt er fort. “Ein 50-jähriger Comic-Liebhaber interessiert sich nicht mehr nur für Kindergeschichten. Man möchte Einblick in andere Dinge bekommen. Und heute fehlt diese Art von Erzählungen.“

©Nuages edizioniLorenzo Mattotti verwirrt seinen Leser, rüttelt an der altherkömmlichen Form des Comics. Damit verändert er die Ausdrucksweise und die Tragweite, von der Illustration zur Comicverfilmung gehend. Dank des Comics bekam Mattotti Chance, sich auch in anderen Bereichen Einblicke zu verschaffen. Er arbeitet auch für die Modebranche und die Zeitschrift Vanity, für die er die Modelle der edelsten Haut-Couture nachzeichnet, bzw. für die Presse, wo er Titelseiten der Ausgaben von The New Yorker, Le Monde und der Süddeutschen Zeitung entwirft. “In meinem Kopf existieren keine Grenzen. Ich setze mir selbst keine Grenzen, ich möchte immer offen für alles bleiben.“ Und damit verabschiedet sich der Zeichner, mit einem Hauch von Melancholie.