Lorella Zanardos 'Frauenkörper': Schluss mit italienischem Schmuddelfernsehen

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2009
Schon seit dem Frühjahr 2009 zieht die Erfolgsdoku Il Corpo delle Donne, die die Schmuddel-Darstellung des weiblichen Körpers im italienischen Fernsehen an den Pranger stellt, enorme Aufmerksamkeit auf sich. Ein Gespräch mit Co-Autorin Lorella Zanardo.

In Form einer Sammlung von Sendemitschnitten öffentlicher und privater italienischer Fernsehsender beschäftigt sich Il Corpo delle Donne ('Frauenkörper') mit dem Bild und der Rolle von Frauen in der italienischen Öffentlichkeit. Die Ergebnisse sind erschreckend. Lorella Zanardos Dokumentarfilm erschien in den vier Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.

Die Autorin arbeitete zunächst als europäische Brandmanagerin für Unilever in Mailand und Paris, war Marketingdirektorin bei Mondadori, hat einen MBA und einen Abschluss in englischer und deutscher Literatur. Zanardo ist zudem als Schauspielerin am Theater und im Kino aktiv und führt eine eigene Firma für Unternehmensberatung - 'Sportgate'. Die zweifache Mutter hat sich mittlerweile einen Namen als Beraterin und Lektorin in Sachen Feminismus gemacht.

Passioniert beschreibt Zanardo die Sensibilisierungs-Kampagne über den Respekt von Geschlechterunterschieden und der betreffenden Rechte, die in Artikel III der italienischen Verfassung festgeschrieben sind. Dank der vielen Reaktionen im Anschluss an den Dokumentarfilm und einer dazugehörigen Internetseite, ist Lorella Zarnardo mit ihrem Programm Nuovi occhi per la TV ('Neue Augen für das Fernsehen') heute auch Botschafterin in Schulen und Bildungsanstalten unterwegs.

Ist Italien das einzige Land in Europa, in dem Rolle und Bild der Frau in diesem Maße in Gefahr zu sein scheinen?

Alles beginnt mit dem Verständnis über die Unterschiede der Geschlechter und ihrer Gleichstellung. In anderen nördlichen Ländern Europas, zum Beispiel in Großbritannien, wird die Gleichstellung als ein Grundrecht angesehen. Da gibt es keine Diskussion. In einem Land wie Frankreich gibt es einen starken feministischen Zusammenhalt, der auf mögliche Angriffe auf die weibliche Würde reagiert. Das gleiche gilt für Spanien, wo es ein großes Problem mit der Gewalt gegen Frauen gibt. Italien und Griechenland dagegen sind nach der Definition von Censis (Zentrum für soziale Beteiligung) Länder, in denen es einen gesellschaftlichen Widerstand in puncto Gleichstellung gibt. Mit anderen Worten, es ist ein Problem, dass institutionell angegangen werden muss. Bisher wird dem Thema nur geringe Bedeutung beigemessen und von den existierenden politischen Institutionen als ungefährlich eingestuft. Ein Blick auf die italienische Politik genügt und jedem wird klar, wie mit dieser Sache in unserem Land umgegangen wird.

Haben Sie in Ihrem Umfeld als Unternehmerin Frauen getroffen, die sich dem traditionellen Rollenmodell untergeordnet haben, um Karriere zu machen?

Viele Frauen müssen ihre Weiblichkeit am Eingang der Firma abstreifen, um die Karriereleiter empor zu steigen.

Ich habe quasi nur das gesehen! Ich habe mich selbst davor gerettet, da ich immer einen angeborenen Stolz hatte. Das habe ich wahrscheinlich von meiner Mutter geerbt. Aber ich habe in einem Umfeld gearbeitet, in dem ich traurigerweise sehr viele Frauen sah, die ihre Weiblichkeit am Eingang der Firma abstreifen mussten, um die Karriereleiter empor zu steigen. Ich kann verstehen, dass es damals schwer war, in einem männlichen Umfeld zu arbeiten. Aber heute ist das anders. Für uns Frauen ist es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Sich als Frau in der Firma durchsetzen, das ist es was zählt. Sowohl die Gesellschaft als auch die Männer benötigen Frauen als solche.

Wie sollte frau demnach konkret handeln, um sich in ihrem beruflichen Umfeld durchsetzen zu können?

Ich glaube wirklich an Überzeugungskampagnen. Die Menschen kann man mit Hilfe von Blogs, Webseiten, Dokumentarfilmen und dem Aufbau einer soliden Basis von Abkommen überzeugen. So zum Beispiel in Netzwerken, die es mit Fernsehsendern und großen Werbeunternehmen auf sich nehmen können. Es funktioniert und ist in den USA ein bereits weit verbreitetes Phänomen. Wir wollen niemanden bedrohen, sondern mit konkreten Bildungsmaßnahmen auf unser Ziel aufmerksam machen.

Nehmen Sie das Beispiel der italienischen Mineralwassermarke Rocchetta. Die Firma musste eine Anzeige, in der Miss Italia Cristina Chiabotto mitwirkte, zurückziehen. Der Spot verglich die minimal bekleidete Schönheit mit einem 'normalen' Mädchen, um zu sehen, wer in einem freizügigen Outfit mehr hermacht. Irgendwann bemerkte die Firma ganz von selbst, dass eine Kampagne, die ein solches Frauenbild vermittelt, dem eigenen Produkt schaden kann. Das ist nicht der einzige positive Erfolg, den wir durch unsere Sensibilisierungskampagne erreicht haben.

Aber verliert man angesichts der ehrgeizigen und leichtbekleideten Show-Girls, die sich auf dem roten Teppich zur Schau stellen, nicht die Motivation?

Entmutigt waren wir wohl alle schon mal. Aber ihr jungen Leute habt meiner Meinung nach jedes Recht, wütend zu sein. Erst kürzlich war ich in Venedig und musste mir ansehen, wie sich alle Aufmerksamkeit auf (den ehemaligen Formel Eins Manager) Flavio Briatore in seinen Slippers und (seine Frau und Unterwäschemodel Elisabetta) Gregoraci in ihren Höschen richtete. Bilder des Grand Hôtel des Bains, des Lido, von Luchino Visconti oder der Mangano [Miss Italia aus dem Jahr 1947] schossen mir durch den Kopf....

Ich bin überzeugt, dass die Italiener diese Art von Sendung sehen wollen, weil sie in den letzten 25 Jahren nichts anderes vorgesetzt bekommen haben.

Ich habe jedoch nie gesagt, dass es einfach sein würde. Cesare Lanza, der Macher von nahezu allen Programmen, die in meinem Dokumentarfilm gezeigt werden, war zusammen mit mir Gast in der Sendung von Gad Lerner. Lanza sagte: "Ihre Einstellung ist die einer Missionarin. Verstehen Sie nicht, dass Italien diese Programme sehen will?" Ja, vielleicht will Italien diese Sendungen sehen. Aber ich bin überzeugt, dass die Italiener diese Art von Sendung sehen wollen, weil sie in den letzten 25 Jahren nichts anderes vorgesetzt bekommen haben. Fernsehen hat auch die Pflicht zu bilden. Ich habe keine andere Wahl, als diese Fehltritte des Fernsehens zu meiner Sache zu machen. Nur so kann ich zur Aufklärung beitragen.

In den 1960ern galt das italienische Fernsehen als eines der besten der Welt. In der Sendung Non è mai troppo tardi ('Es ist niemals zu spät' 1960-1968) beispielsweise unterrichtete der Kultmoderator Alberto Manzi eine sprachlich gespaltene Nation, die nach dem Krieg zum größten Teil Dialekte sprach. Wenn es heute ein öffentliches Netzwerk gäbe, das seinen Bildungsauftrag ähnlich wahrnehmen würde, dann würden sich die Dinge ändern.

In der heutigen Welt wurde der Konsument einer Gehirnwäsche unterzogen. Hier ist Geduld gefragt. Ich bin mir aber ganz sicher, dass sich die Dinge mit ein wenig Kampfgeist verändern können. Natürlich wird der Wandel nicht morgen eintreten. Doch die heutige Ü-30 Generation wird irgendwann einmal stolz zurückblicken und sich sagen, dass sie maßgeblich am Wandel ihres Landes beteiligt war.