London: Zwischen Wut und Gewohnheit

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2017

Wieder sind Londoner Bürger Opfer eines Anschlags geworden, diesmal richtete sich die Gewalt gezielt gegen Muslime. Ein Mann war mit einem Lieferwagen in eine Menschengruppe gerast. Elf Menschen wurden verletzt, einer starb. Ob sein Tod mit dem Anschlag in Verbindung steht, wird untersucht. Europas Presse diskutiert.

Süddeutsche Zeitung: Großbritannien ist verwundbar; Deutschland

Wenig überrascht von der Attacke zeigt sich die Süddeutsche Zeitung: „Die Briten mögen bemerkenswert tolerant und höflich sein, aber die Serie an terroristischen Anschlägen durch Islamisten hat auch hier die vorhersehbare Reaktion ausgelöst. In den Tagen nach dem London-Bridge-Attentat vervierfachten sich anti-muslimische Vorfälle, es war also geradezu erwartbar, dass es auch zu Toten und Verletzten kommen könnte. Großbritannien steht in der Gefahr, dass sich dieser Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt beschleunigt, was nicht zuletzt durch den Wettlauf der politischen Führungsfiguren zu den Orten der Katastrophe sichtbar wird. Terror funktioniert, wenn er auf ein allemal instabiles System trifft.“

The Independent: Nicht mit zweierlei Maß messen; Großbritannien

Der Staat muss Menschen, die islamfeindlichen Hass schüren, zur Rechenschaft ziehen, fordert The Independent: „Wir wurden Zeugen eines Angriffs auf Menschen, die ihr britisches Recht auf Religionsfreiheit ausübten. Es ist höchste Zeit, dass die Regierung mehr gegen diejenigen unternimmt, die islamfeindliche Stimmungen anheizen und somit zu Angriffen wie diesem beitragen. Wir haben zu lange eine Doppelmoral geduldet, die diese Form des Extremismus für weniger gefährlich hält als den islamischen Extremismus. Dabei werden beide von den gleichen Beweggründen und Sehnsüchten angetrieben, nämlich einer Weltsicht, die Unterschieden mit Hass begegnet und versucht, ihre eigene Überlegenheit geltend zu machen. Nach den islamistischen Terroranschlägen wurden die Hassprediger ins Verhör genommen - das darf in diesem Fall nicht anders sein.

Kristeligt Dagblad: Terror muss ideologisch bekämpft werden; Dänemark

Kristeligt Dagblad sorgt sich um den Frieden zwischen Christen und Muslimen in westlichen Gesellschaften: „Die Europäer haben ihre Wut über die vielen von Islamisten begangenen Morde überwiegend nicht an Muslimen ausgelassen. Es gab Vorfälle, wo Muslimen und Hindus ihre Kopfbedeckungen abgerissen wurden, aber sie wurden nicht lebensgefährlich bedroht. Die jetzige Art von Selbstjustiz kann jedoch dazu führen, dass aus einer Reihe sporadischer Terrorattacken ein Gewaltkonflikt zwischen zwei Gruppen wird. Diese Krankheit darf sich nicht ausbreiten. Beim islamistischen Terror muss man sich auf die ideologischen Motive hinter den Angriffen konzentrieren. Es ist zur schlechten Gewohnheit geworden, Terrorattacken mithilfe soziologischer Erklärungen zu bagatellisieren. Aber Terrorismus kann nur bekämpft werden, wenn Ideologie und Theologie berücksichtigt werden.“

Hürriyet: Islamfeindlichkeit breitet sich aus; Türkei

Besorgt darüber, dass es nachvollziehbare Gründe für die Islamfeindlichkeit im Westen gibt, zeigt sich Hürriyet: „Wir sollten nicht vergessen, dass England ein Land ist, das seinen Muslimen sogar das Recht zugestanden hat, 'Scharia-Familiengerichte' zu gründen. Unabhängig von unserem Glauben und unserer Lebensphilosophie sollten wir einsehen: Terrororganisationen wie al-Qaida und der IS schüren die Islamfeindlichkeit. Und zusätzlich sind die schlimmen Zustände in muslimischen Gesellschaften ein Faktor, der die Islamfeindlichkeit im Westen anheizt. Die wachsenden islamfeindlichen Vorurteile führen zum 'Othering' der Muslime im Westen und zu einer Zunahme von Berichten und Verhaltensweisen, die für sie verletzend sind. Und schließlich auch zu Angriffen gegen Muslime.“

__

30 Länder - 300 Medien - 1 Presseschau. Die Presseschau euro|topics präsentiert die Themen, die Europa bewegen und spiegelt seine vielfältigen Meinungen, Ideen und Stimmungen wider.