London: „Wir sind doch alle als Europäer geboren“

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2016

Cafébabel ist heute rund um das EU-Referendum in London unterwegs. Die britische Jugend ist sich auch wenige Stunden vor Ende des Volksentscheids alles andere als einig.

Am Tag des Referendums, das große Auswirkungen auf Großbritannien und ganz Europa haben wird, scheint alles wie immer. Nur wenige Dinge weisen darauf hin, dass heute ein historischer Tag ist. Es gibt nur wenige Plakate und kein pro oder contra-Brexit Aktivist auf der Straße, der versucht Unentschlossene doch noch in letzter Minute umzukrempeln. Man muss schon bis Westminster gehen, wo Blumen in Gedenken an die vor wenigen Tagen ermordete, britische Abgeordnete Jo Cox abgelegt wurden, um sich zu vergewissern, dass heute der 23. Juni - Tag des Brexit-Referendums in Großbritannien - ist.

Junge Briten sind aber auf jeden Fall gut informiert darüber, dass in den folgenden Stunden über ihre Zukunft abgestimmt wird. Aber auch wenn das Thema Brexit sie alle betrifft, sind sie sich in vielen Punkten uneinig.

Stay or Leave?

Das ist natürlich die erste Frage, die wir der britischen Jugend zur EU stellen. Für die 24-jährige Robin, die in einem Restaurant kellnert, „ermöglicht die Europäische Union Zugang zur kulturellen Vielfalt seiner Mitgliedsländer“. Sie wird demnach für Remain stimmen, ebenso wie Johnny, 28 Jahre, für den „die Union alles andere als perfekt ist. Es ist aber besser zu versuchen, etwas zu verbessern, als die Union zu verlassen. Das wäre ziemlich gefährlich.“ Anna ist 26 Jahre alt und arbeitet für eine NGO, die sich für Kinderrechte stark macht. Sie ist sehr viel direkter: „Mann, wir sind doch alle als Europäer geboren. Ich sehe mich eher als Europäerin und nicht als Engländerin.“

Ben, 31 Jahre, sieht die Sache anders aus. Für den jungen Schauspieler „ist die Europäische Union noch viel korrupter als die britische Regierung. Wenn wir es bisher nicht geschafft haben, die EU von innen heraus zu reformieren, dann ist es besser, wir steigen aus.“ Er wird also für einen Brexit stimmen. Auch Andrew (24) stimmt in den Reigen ein. Er findet, dass man so „die Einwanderung kontrollieren und ein besseres Land gestalten könnte“. Ein Argument, das unter seinen Freunden, die mit am Tisch sitzen, sofort eine Debatte auslöst.

Auch wenn die Befragten eine klare Meinung zum EU-Referendum haben, die Argumente fallen doch sehr unterschiedlich aus. Manche beharren auf Kultur und Wirtschaft, andere argumentieren mit Immigration und Institutionen. Das ist auch Ben aufgefallen. „Man hört seit Tagen hunderte von Argumente, es gibt einfach zu viel Information und zu unterschiedliche Standpunkte“, beschwert er sich.

Referendum spaltet Briten

In puncto Wahlprognosen lag das Remain-Camp heute Morgen ein wenig vor den Befürwortern eines Ausstiegs. Andrew sieht darin eine Art Wiederholung der Ereignisse um das schottische Unabhängigkeitsreferendum. Die Prognosen lagen fast bis zum Ende äußerst knapp beieinander. Erst ganz zum Ende zeichnete sich ein Trend in Richtung Verbleib im Vereinigten Königreich ab. Sarah und Malakhan, jeweils 26 und 27 Jahre alt, arbeiten auch für eine NGO und denken, dass „der Zusammenhalt der Europäischen Union sich am Ende durchsetzen wird - wenn auch nur knapp.“ Und die Prognose von Johnny, der in der Werbung arbeitet? 60/40 - ein klarer Vorsprung für Remain. Nur Ben meint, dass sich die „Mehrheit der Briten für den Ausstieg entscheiden wird“.

Letzte Woche wurde die Kampagne für das EU-Referendum durch ein tragisches Ereignis unterbrochen: die Ermordung von Jo Cox, britische Labour-Abgeordnete und Verfechterin der EU. Zwei Tage lang wurde die Kampagne in beiden Lagern aus Respekt unterbrochen. Doch es gibt viele Stimmen die sagen, der Mord an der Abgeordneten aus Yorkshire habe Einfluss auf die Prognosen genommen. Was sagen junge Londoner zu dieser Behauptung? Robin meint, diese Tragödie werde keinen Einfluss auf das Resultat haben, denn „Leute mit Überzeugungen wechseln nicht so einfach ihre Meinung“. Ben nickt, während Allen, ein Student Anfang 20, hinzufügt, dass „der Mord an Jo Cox nichts ändere, tut er aber trotzdem.“

Aber in einem Punkt, sind sich alle einig - das Wahlkampfklima zum Referendum war aufgeladen. Andrew ist überzeugt, dass es „die Gesellschaft tief gespalten hat“. Für Rachel, 22 Jahre, „hören sich die Leute nicht mehr zu, sie akzeptieren keine anderen Meinungen.“ Da muss auch Johnny zustimmen. „Niemand versteht sich mehr. Weder das pro-EU-Lager noch die Brexit-Befürworter - die reden vollkommen aneinander vorbei.“

Malakhan muss bitter feststellen: „Die Debatte um das EU-Referendum hat die alten Dämonen des Vereinten Königreichs wieder hochkochen lassen. Die Kampagne drehte sich eigentlich nur um das Thema Einwanderung.“ Und auch Allen spricht offen von einem neuen Rassismus in Großbritannien. Und wenn das EUref die Büchse der Pandora geöffnet hätte? 

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Ich bin ein Brüsseler. Dieser Artikel stammt von unserem Localteam cafébabel Bruxelles